„Willst du mal das schönste sehen, was ich je gefilmt habe?“ – mit diesen Worten wird in American Beauty (1999) eine Filmszene eingeleitet, in welcher der Protagonist Ricky seiner Nachbarin Jane eine selbstgedrehte Filmaufnahme zeigt. Die Videoaufzeichnung spielt sich, wie Ricky selbst sagt, „an einem jener Tage ab, an dem es jeden Moment schneien kann und Elektrizität in der Luft liegt“.

Was dann gezeigt wird, ist eine kleine weiße Plastiktüte, die mit Ricky getanzt habe „wie ein Kind, das darum bettelt […] zu spielen“. Die Klavierklänge von Thomas Newman untermalen diese fast schon magische Szene. Wunderbar leicht, schwerelos und als hätte sie die Persönlichkeit und das Taktgefühl eines Balletttänzers, vollführt die Tüte ihre Choreographie. Pirouetten, Sprünge und die tollsten Schrittfolgen. Ebenso fasziniert und gebannt wie Jane, verfolgt auch die Zuschauerschaft das Schauspiel, welches sich fünfzehn Minuten lang vor Rickys Kamera abgespielt haben soll. Sehr romantisch.

 

Jetzt kommt der Hammer mit dem die schöne Romantik zu Staub zerschlagen wird: Außerhalb Hollywoods spielen sich solche Szenen nicht nur über fünfzehn Minuten, sondern fünfzehn Jahre oder sogar mehrere Jahrhunderte ab!
Plastiktüten, Plastikbecher, Plastikfolien und Mikroplastik vollführen in Massen überall auf der Welt, sei es am entlegensten Punkt der Sahara oder sogar in der arktischen Tiefsee, ihre traurigen (Unterwasser-) Tänze. Zwar galten der Arktische Ozean und vor allem seine Tiefseegebiete bisher als nahezu unberührte Regionen der Erde, allerdings ist dorthin mittlerweile genauso viel Plastikmüll gesunken, wie zum Beispiel in einen Meeresgraben unweit der portugiesischen Metropole Lissabon.

Wir kaufen Plastik, konsumieren und entsorgen es – auf jede mögliche Art. Damit es hier in Europa picobello sauber aussieht, wird der ganze Mist gerne auch in afrikanischen Ländern „entsorgt“.
So beiläufig, wie die Abfälle entstanden sind, so schnell und en passant verschwinden sie auch wieder. Plastik ist paradoxerweise ganz natürlicher Bestandteil unseres Lebens geworden. Der Stoff ist schleichend und unbemerkt in nahezu alle Bereiche unseres täglichen Seins gedrungen: Schuhe, T-Shirts, Unterwäsche, Waschmittel, Zahnpaste und Verpackung sämtlicher Lebensmittel. Überall wo „Polyethylen“ oder „Polypropylen“ zu lesen ist steckt Plastik drin. Sogar in unserem Blut und Urin ist es nachzuweisen! PlasticsEurope, der Verband der Kunststofferzeuger, geht sehr gewissenhaft dabei vor, die schöne bunte Welt des Plastiks zu propagieren. Plastik, das  sei „nicht das Problem, sondern die Lösung“[1]. In der Vergangenheit verkörperte Plastik erschwinglichen Alltags-Luxus, sowie nahezu absolute künstlerische Freiheit.

Plastik, das „Material für tausend Zwecke“.

 

herstellung plastik

Was synthetischen Textilien auch heute noch einen enormen Wettbewerbsvorteil verschafft, ist ihre vergleichsweise günstige Herstellung aus Erdöl, Erdgas und manchmal auch Kohle. Problemfelder bestehen sowohl bei der Herstellung, als auch bei Nutzung und Entsorgung bzw. der Wiederverwendung von Plastik. Die Umwelteinwirkungen reichen von der Entnahme von Umweltbestandteilen (Erdöl) bis hin zur Abgabe von Schadstoffen an alles vom Grundwasser bis zur hohen See. Gesundheitliche Folgen? Unzählige. „Das Kinderzimmer aus Plastik“ sei „das kapitalistische Äquivalent der Gaskammer von Ausschwitz“[2]. Ein etwas polemischer Vergleich, dennoch trifft er den Kern der Sache.

Heute ist Kunststoff ein dominanter Bestandteil des Abfalls, der früher komplett fehlte. War der durchschnittliche Hausmüll in den 70er Jahren noch zu über 50%  biologisch verwertbar, hat sich dieser Prozentsatz seitdem dagegen stetig verringert[3]. Mit der Tendenz gegen Null.

Biomasse ernährt durch ihre Zersetzung zahlreiche Organismen und verbessert die Bodenbeschaffenheit. Die Wiederverwertbarkeit heute gängiger Stoffe in Wirtschafts- und Produktionsprozessen ist jedoch noch sehr begrenzt. Während es in der Natur also für natürliche Stoffe biologische Kreislaufsysteme gibt, welche mit natürlichen Energiequellen eine vollständige Umsetzung erreichen, wird bei den vom Menschen entwickelten Kreislaufsystemen zum einen Energie benötigt und zum anderen Abfall produziert.

Dummerweise existieren viele Einschränkungen, die das industrielle Recyceln von Plastik häufig als Option ausscheiden lassen (Sortenreinheit, Verunreinigungen, Additive, Preis-Leistungs-Verhältnis im Vergleich zur Neuware, …). Es werden zwar durchaus Fortschritte verzeichnet (zahlreiche Abfall-Verordnungen und Anreiz-Systeme), aber in erster Linie vermehren sich unsere Müllberge täglich um mehrere Millionen Tonnen.

Die bestehenden Konflikte zwischen Natur und Industrie, zwischen Biosphäre und Technosphäre, erwecken den Eindruck, als gingen die Werte des einen Systems auf Kosten des anderen. Der ganzheitliche Ansatz sollte deshalb näher ins das öffentliche Bewusstsein rücken. Nicht „die falschen Dinge weniger schlecht machen“, sondern „die richtigen Dinge“ tun.

Die Wiederverwertung von Produkten sollte schon bei der Konzeption berücksichtigt werden! Diesen Ansatz nennen Michael Braungart und William McDonough „Cradle to Cradle“. Sie fordern unter anderem:

symbiose

  • Die Abschaffung schädlicher Substanzen
  • Den Verzicht auf Beschichtungen und Zusatzstoffe
  • Die Verwendung von Stoffen, welche entweder biologische Nährstoffe sind oder im technischen Kreislauf wiederverwendet werden können. Nahrungsgewinnung aus Abfall!
  • Das Einrichten von Materialbanken, in denen Materialien und Hinweise zu Prozessen ausgetauscht werden können

Woran hängt es dann noch?

Leider existieren erst wenige Materialien, die den Anforderungen der Nutzung gerecht werden. Dazu kommen noch bestehende Gesetze und Verordnungen, die die Entwicklung von cradle-to-cradle-Materialien behindern. Das Rezept von Bau-Beton wird beispielsweise durch Gesetze bestimmt, die gemeinsam mit der Zementindustrie aufgestellt wurden. Um tatsächlich einen Paradigmenwechsel vollziehen zu können, ist es demnach nicht nur ausschlaggebend die Industrieprozesse zu verändern, sondern auch die entsprechenden Rahmenbedingungen zu modifizieren.

Es bedarf einer intensiven und kritischen Auseinandersetzung mit rechtlichen Regelwerken. Außerdem muss es zu einer Harmonisierung und Vereinheitlichung auf Europäischer Ebene kommen. Diese sollte Hand in Hand mit einer konsequenten Umsetzung  existierender juristischer Forderungen einhergehen. In diesem Prozess ist TTIP nicht gerade ein Vorteil.

Was kann ich als Individuum beitragen?

  • Keine Plastiktüten mehr kaufen!
  • Unverpacktes kaufen! Wochenmarkt statt Supermarkt!
  • Selber pflücken (selbst anbauen; urban gardening)
  • Zurück zu Mehrweg-Glas!
  • Bei Elektro-Artikel auf Garantie, Verarbeitung und Reparaturmöglichkeiten achten! Gebrauchsgüter statt Verbrauchsgüter unterstützen!
  • Muss wirklich jeder Trend mitgemacht werden oder tuts das alte Handy noch eine Weile?
  • Altes zu Neuem verbasteln! DIY! Zum Beispiel beim Kulturlabor Trial & Error

Es wäre utopisch anzunehmen, wir würden in Zukunft vollständig auf Kunststoffe verzichten können und dies wäre auch gar nicht das Optimum. Polymere sind von großem Nutzen, in vielen Bereichen von Vorteil, sowie Keimzelle für zukunftsfähigere Höherentwicklung.

Ziel aller Bemühungen soll es sein, sich den Gesetzmäßigkeiten der Natur zu nähern und eine Symbiose aus Technosphäre und Biosphäre zu bewirken. Nicht Plastiktüten sollen zukünftig ihre Tänze im Meer und an Land vollführen, sondern all jene Lebewesen, die dies schon seit Jahrhunderten und Jahrtausenden tun.

Referenzen

[1] Pretting, Gerhard & Boote, Werner. Plastic Planet Die dunkle Seite der Kunststoffe. 2010.
[2] Fenichell, Stephen. Plastic – Unser synthetisches Jahrhundert. 1997.
[3] Nentwig, Wolfgang. Humanökologie– Fakten, Argumente, Ausblicke. 1995.

 

  • DOKTOR AZUL

    Sehr starker Artikel!
    Nur ein kleiner Einwurf zu „Cradle2Cradle“: Das ist an sich eine gute Idee und passt auch gut zu den „Circular Economy“-Ideen in Brüssel etc.,aber einerseits ist das Prinzip schwer umzusetzen (zuviele toxische Stoffe in den Produktionsprozessen etc.) und andererseits birgt das Konzept die Gefahr Verschwendung wieder gesellschaftlich akzeptabel zu machen.

    „Mein Abfallberg ist nicht schlimmt – das ist Nahrung für die nächste Produktion“
    (Bis zu einem bestimmten Punkt ist das ja schon heute bei Recycling die Argumentationslinie.)
    Es ist also etwas schwierig, wenn C2C-Halbgott Michael Braungart von der Fülle und Verschwendung eines Apfelbaums redet, seltsame Vergleiche zu nationalen Ökonomien aufbaut und in Aussicht stellt, dass wir mit dem C2C-Konzept bald so auch mit unseren Produkten umgehen können.

    Oder simpel gefragt: Mit welcher Energie sollen eigentlich die ganzen Stoffkreisläufe so entspannt im Kreis geführt werden?

    Noch simpler gesagt: „Ich kann mich auf Michaels [kompostierbaren] Sitzbezügen im Flugzeug sehr wohl fühlen. Ich warte aber noch immer auf den detaillierten Vorschlag, die anderen 99,99 Prozent des Airbusses A380 nach seinen Prinzipien zu gestalten.“ (Friedrich Schmidt-Bleek, ehem. Wuppertal Institut)

    Aber jau: in jedem Fall braucht es einen bewussten Umgang mit Plastik.

    http://reset.org/wissen/cradle-cradle-recycling-rund-gemacht#
    http://ec.europa.eu/environment/waste/plastic_waste.htm
    https://www.greenpeace-magazin.de/von-der-abschaffung-des-muells
    http://www.duurzaamgebouwd.nl/overheid/20090320-criticism-on-cradle-to-cradle-right-on-schedule-says-michael-braungart

    • Doktor Mihi

      Guter Anknüpfungspunkt! v.a. „Mein Abfallberg ist nicht schlimmt – das ist Nahrung für die nächste Produktion“