Dich unauffällig zu mustern klappt in der U-Bahn gut. Du fährst mit den anderen die meiste Zeit über durch einen schwarzen Tunnel in einem erleuchtet Waggon und hast nichts zu tun. Du lässt Deinen Blick schweifen und er geht ins Leere. Neige den Kopf ein wenig. Du siehst Dir seitlich ins Gesicht. Oder frontal. Deine Pupillen treffen Dich. Du durchschaust die Scheibe und Dein Blick will sich an den Tunnel heften und die Neonröhren, die sie da an die Wand gepinnt haben, aber es gibt kein Halten. Legst Du nun die Handflächen leicht gekrümmt neben Augenhöhlen, um das Licht im Waggon abzuschirmen und hinauszustarren? Nein. Du siehst Dich in der Scheibe an. Nachts oder im Winter kannst Du auch S-Bahn fahren.

Du guckst aufs Handy, Du schreibst etwas, es klackert. Dann tönt es, Briefumschlag, da kommt was zurück. Gleich. Display-Timeout nach 30 Sekunden, das ist Werkeinstellung, Du hast das nie geändert. Das Bildschirmlicht geht aus und die Schwärze kommt. Du fixierst den Bildschirm immer noch, da kommt gleich was. Du scheinst zu lesen. SMS. Oder spon. Aber da ist gar nichts mehr und Du drückst auch nicht auf das Knöpfchen in der Mitte. Der Display wirft Dich zurück.

Manchmal kommt die Bahn nicht sofort. Oder sie ist Dir vor der Nase weggefahren und Du hast nur noch die roten Rücklichter um die Ecke verschwinden sehen. Du kannst dann das Gleis hinauf und hinabstromern und vielleicht kurz einen Blick gegen das verspiegelte Häuschen in der Mitte des Bahnsteigs werfen und Dich fragen, was die da drinnen machen. Du drückst auf Wiedergabe.

Wenn Du in der Mensa den Grießbrei aufgegessen hast, kannst Du den Teller abkratzen und den Löffel zum Abschluss ein letztes Mal in den Mund stecken und ihn mit der Wölbung nach oben, zum Gaumen hin langsam rausziehen. So essen die Joghurt in der Werbung. Wenn Du ihn dann ablegst, kann Dein Blick beiläufig darauf fallen und Du stehst Kopf.

Vor Jahren hast Du vor der Spiegelkommode Deiner Großmutter gestanden und den kleinen silbernen Handspiegel Deiner Großmutter, der dort lag, in der Hand gehalten und Dich darin betrachtet. Der Spiegel lag so schwer in Deiner Hand. Nur eine Unachtsamkeit Deiner Finger und er wird Dir entgleiten. Vorsichtig drehst Du den Griff, bis der kleine Spiegel dem großen gegenübersteht.