Angenommen du gehst eine Rolltreppe gegen die Fahrtrichtung hinauf und zählst dabei 90 Stufen. Du gehst dann wieder in der gleichen Geschwindigkeit mit der Fahrrichtung hinunter und zählst 30 Stufen. Wie viel Stufen hat dann die ganze Treppe? Na? Na? Denk naaaach! Spätestens jetzt sollte hier jede*r eine fahrende Rolltreppe im Kopf haben, die ständig hoch und runter gestapft wird. Ich finde das ist eine schöne Einleitung…

Bei einer der vielen Rolltreppenfahrten, die ich in der Woche so beschreite, dachte ich neulich darüber nach, dass diese Treppe irgendwie auch ein bedeutender Teil meines täglichen Konsums ist. Und darum geht es ja hier… um Dinge, die wir ständig konsumieren und uns „reinziehen“. Und irgendwie konsumiere ich auch Rolltreppen. Ich brauche sie nicht wirklich oder bin davon abhängig, wie von der U-Bahn. Stattdessen hege ich das Gefühl, da immer schon bewusst Bock drauf zu haben und ich mir das gern mal so zwischendurch reinziehe.

Das Verlangen ist zwar nicht so groß, dass ich einfach mal so zur U-Bahn gehe, um ne Runde Rolltreppe zu fahren, aber das Erfreuen an Dingen ist natürlich auch an Situationen geknüpft. Und so liebe ich es eben auf dem Weg irgendwo hin zu rolltreppen. Es stillt einen Teil meines Bedürfnisses nach Gemütlichkeit, nach einer Pause, nach einer Möglichkeit die Aussicht zu genießen und durch die Gegend gucken zu können ohne ein Hindernis fürchten zu müssen.

Ich genieße es ohne erhöhten Puls auf einer anderen Höhe weiter zu ziehen, ohne Anstrengung bewegt und versetzt zu werden. Ein kleines bisschen vergleichbar ist die Ruhe, die ich dabei empfinde, wie Zug oder Schiff fahren in Mini. Diese vollkommene Legitimität vom Rumsitzen und Starren, weil man gerade sowieso nicht woanders hin kann. Ich bleibe die meiste Zeit auf den Treppen stehen. Ganz selten gehe ich auch mal und benutze die Rolltreppe tatsächlich auch um in kürzerer Zeit an einen anderen Ort gebracht zu werden, als meine Beine das täten. Und ich muss zugeben, dass diese addierten Geschwindigkeiten auch was für sich haben.

Jedoch es ist auch schön entspannt den ständig fahrenden Stufen zuzusehen. Wie sie immer wieder oben verschwinden und unten auftauchen. Immer so weiter und so fort. In meinem Alltag ist das zumindest eine der noch wenig vorkommenden großen sichtbaren Maschinen. Eine Maschine, die einfach da ist und ohne menschliche Steuerung auskommt. Erstaunlich, wie nostalgisch das Wort Maschine schon klingt… All der kleine Kram an Rechnern, Phones, Pads, Chips und Sticks, der nicht mehr viel Mechanisches an sich trägt, scheint diese Kategorie längst verlassen zu haben. Und durch all die Flut an Digitalität und Mikroelektronik merke ich, wie ich die Faszination für große, robuste Mechanik ganz vergessen habe.

Angefangen hat es mit den Rolltreppen vor fast 120 Jahren. Seitdem werden sie gebaut, genormt, gewartet, geputzt, beschädigt, vermarktet, verkauft, berätselt, gefilmt und begangen und bestanden. In der EU dürfen sie um die 2,7 km/h rollen. Was im Verhältnis zu Treppen in beispielsweise Russland ziemlich lahm ist.  Als ich vor 4 Jahren Prag besuchte, war damals eine Treppe noch so schnell, dass der Aufsprung sich durchaus riskant gestaltet, wenn man nicht ganz bei der Sache war. Um die Treppen schnell aber trotzdem besteigbar zu machen hat Mitsubishi da bereits ein Patent für eine Rolltreppe angemeldet, die im Mittellauf schneller ist, aber am Anfang und am Ende wieder langsamer wird. Das ist technisch gar nicht so einfach, weil das äußere und innere Band entkoppelt werden muss. Wisst ihr Bescheid nä.

Aber die Vorstellung von diesen unterschiedlich beschleunigten Treppen finde ich ziemlich faszinierend. Das gäbe dem ganzen U-Bahn/S-Bahn-Bild eine viel dynamischere und irgendwie witzige Note. Technisch lassen sich mit Rolltreppen wirklich einige Spielereien anfangen. Und so wurden auch schon aus Wendeltreppen rollende Varianten. Richtig lange Rolltreppen rollen in Moskau. Die längste bietet über drei Minuten Fahrt und ist 126 m lang. Es gibt aber auch irgendwo in Japan einen Scherz an Rolltreppe, der gerade mal eine Höhe von 83 cm überwindet. Man gönnt sich ja sonst nichts. Energietechnisch verbrauchen die Elektromotoren für die Treppenbänder für eine Minute Fahren ungefähr so viel wie eine 60 Watt-Glühbirne, die 30 Minuten brennt.

Still stehende Rolltreppen zu aktivieren braucht noch mehr Energie. Deswegen fahren manche Rolltreppen so langsam vor sich hin und werden erst richtig flott, wenn der Fuß ihnen den Starttritt gibt. Wenn ihr zu den Menschen gehört, die sowieso schon ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich nicht sportlich betätigen und schön zu Fuß die normalen Treppen gehen, dann könnt ihr euch im Angesicht einer stehenden Treppe nochmal mehr motivieren selbst zu laufen und das Energieargument gegen die oder auch mit der Biomacht antreten lassen.

Aber schwenken wir den Blick zurück auf die Stufen und zu den Kammplatten, die Teile auf die man rutscht, wenn die letzte Stufe zu Ende ist. Diese Platten sind quasi wie kleine Siebe und hindern alle den Lauf der Dinge störenden Objekte daran in den Untergrund zu wandern. Kleine Steinchen, Papierschnipsel, und mega viele Zigarettenstummel. Es ist wohl besonders entspannend auf Rolltreppen zu rauchen. Oder vielleicht kommen die Kippen von den Leuten, die auf dem Weg zur Bahn noch eine im Mund hatten und sie schnell in den Lauf der Treppe schnipsten. Oder aber sie haben geraucht, während sie auf die Bahn gewartet haben und dabei verträumt der Rolltreppe zugeschaut. Manche genossen es bestimmt auch auf der Treppe zu rauchen um dann anschließend die Kippe mit der letzten vergehenden Stufe theatralisch wegzuwerfen. Es verfängt sich so einiges an Geschichtchen und Momenten in Rolltreppen.

Aber auch im Aufbau und in der Beschilderung der Treppen verheddert sich einiges an Erfahrungen und Ängsten der Menschen. Das geht schon bei den Aufklebern los, die einem sagen, was auf einer Rolltreppe getan und gelassen werden sollte. Jede Treppe hat da oft ihre eigene Kombi an Stickern. Der Klassiker ist der Hinweis, sich am Handlauf festzuhalten. Um ein Nachhintenkippen zu vermeiden sind manche Handläufe deswegen übrigens schneller eingestellt als die Treppen. Ein anderer Aufkleber zeigt einen Hund auf dem Arm eines Menschen. Wäre ja auch nicht auszudenken, wenn sich so ein Hundeschwanz in der Treppe verfängt. Und dann gibt es noch ein drolliges durchgestrichenes Bild, wo ein Mensch mit abgespreiztem Bein bzw. Fuß am Rand der Rolltreppe steht. Dieses Bild muss auf den Gummistiefelmythos anspielen. Denn wenn man mit Gummistiefeln am Rand der Treppe lang
wischt, heizt sich angeblich das Gummi auf und schmilzt und könnte den Menschen in die Tiefen der Treppe ziehen. Um davor zu warnen gibt es deswegen an vielen Treppen unten diesen Bürstenlauf! Nich das ihr dachtet, der soll eure Schuhe putzen. Weiterhin sollen Kinder an die Hand genommen werden. Ohne Scheiß, es sind schon einige Finger weggekommen, meint jedenfalls der Rollentreppenwärter bei Galileo ;).

Manche Verhaltensweisen müssen noch nicht mal explizit verboten werden. Es gibt doch manchmal
zwischen zwei Rolltreppen so ein Mittelteil, dass aussieht als könne man da grandios runterrutschen. Aber überall sind da Zacken drauf. Und ich muss mir ständig unter Schüttelfrost vorstellen, wie eine*r da trotzdem runterbrettert. Also Themawechsel. Hat sich schon mal wer gefragt, wie so eine Treppe geputzt werden soll, und wie man am besten zwischen diese tiefen dicken Rillen kommt? Schon mal was vom Rotomac 360 gehört?: “Er reinigt Fahrtreppen horizontal und vertikal – und zwar simultan! Stufe für Stufe – Treppe für Treppe!.“ Es gibt so Jobs, ne… da sitzt man in seinem Büro und macht sich Gedanken über wichtige Sachen. Da kommt der Auftrag: „Könntest du bitte mal einen Werbespruch für einen Rolltreppenputzroboter entwerfen?“ Fast so cool, wie den Knistersound von Chipstüten zu
designen.

Abseits von all dem Rumgehype, finde ich es ebenso krass und erschreckend, dass es so viele Rolltreppen für Menschen gibt, die meistens sowieso laufen können. Aber an barrierefreien Varianten Treppen hoch und hinunter zu kommen mangelt es enorm. Nicht überall gibt es Fahrstühle oder Treppen ohne Stufen. Warum können nicht überall Laufbänder installiert werden, auf denen Rollstühle nicht runter rutschen würden. Oder das Mitsubishi-Team könnte mal eine Rolltreppe entwickeln, auf die auch ein Rollstuhl passt! Die Stufe ist einfach einen Meter lang und einen halben Meter hoch oder so. Ist das vorstellbar? Das müsste doch irgendwie gehen…

Zumindest sollte jede*r jetzt wieder das Bild einer Rolltreppe im Kopf haben. Und bei so hohen Stufen, die eh keiner mehr zu Fuß hoch kommt, beziehungsweise stufenlosen Rollbändern, lassen sich auch hübsch nervige Rolltreppenrätsel wieder an den Nagel hängen.