Anna*, Henriette* und Lena* (*Anm.: alle Namen von der Doktorin geändert) sitzen auf dem Bürgersteig vor einer Kneipe in der lauen Berliner Sommernacht, trinken Weißwein und sind sehr angetan von „Frances Ha“. Genau wie sueddeutsche.de, spiegel.de und praktisch alle anderen. Um es gleich vorwegzunehmen: ich fand den Film nicht schlecht. Aber hätte ich ihn vorher gekannt, hätte ich die 86 Minuten lieber in der Abendsonne verbracht. Viele andere Menschen in Kinosaal aber waren glücklich über diese 86 Minuten. So wie die drei Freundinnen, mit denen ich dort war.

Kurz gesagt, worum es geht: Frances ist 27, stammt aus Sacramento, Kalifornien und ist untermittelprächtige Tänzerin in der allerletzten Reihe eines Modern-Dance-Ensembles in New York City. Wir begleiten sie episodenhaft durch ihr ganz und gar nicht perfektes Leben, das in WGs der Brooklyner Bohemians stattfindet, aber auch bei Freunden von Freunden, Weihnachten daheim oder an ihrem alten College.

Anna: „Es ist ein Film über das Nichterwachsenwerdenwollen und doch Erwachsenwerdenmüssen. Sie kann nicht ewig die verträumte 12-Jährige bleiben, sondern muss ihr Leben in die Hand nehmen.“

Doktor Vstus: „Aber findest Du nicht, dass sie viele ihrer Träume aufgibt, um irgendwo in der Mittelmäßigkeit anzukommen?“

Anna: „Nein, ich denke, dass sie das behält, was ihr wichtig ist: Tanzen und die Freundschaft zu Sophie. Aber sie muss sich von manchen Träumen verabschieden, weil sie sonst eine obdachlose 27-jährige 12-Jährige wird.“

Doktor Vstus (wenig überzeugt): „Hm.“

Lena (guckt Henriette an): „Wir haben uns beide unheimlich gut getroffen gefühlt.“ (Henriette nickt zustimmend)

Doktor Vstus: „Aber was hat Dir der Film jetzt Neues erzählt? Es ging doch nur um das, was wir schon kennen: selbstbezogene Leute in ihren 20ern, die sich von ihren Eltern finanziert in Großstädten durchschlagen und selten glücklich, dafür oft verloren wirken. Das muss ich mir doch nicht angucken, das seh‘ ich jeden Tag! Und „Oh Boy“ war auch schon so. Sogar auch schwarzweiß. Und mit dem konnte ich mich viel eher anfreunden.“

Keine der Damen antwortet richtig. Habe ich hier jetzt das Feeling des Abends zerstört? Kann gut sein. Frances ist in ihrer sympathischen Unvollkommenheit jemand, den der Kinogänger ins Herz schließen kann. Für mich ist sie ein nach Schema Indie-Film gestricktes Mädchen mit null Eleganz. Aber wer braucht die noch?

Anna: „Nee, also mit „Oh Boy“ konnte ich nicht so viel anfangen. Der war so melancholisch. Frances war dagegen die pure Lebensfreude! (kurze nachdenkliche Pause) Und was ich auch gut fand: am Ende ist sie zufrieden mit sich und der Welt. Sie braucht den Durchbruch als Tänzerin nicht und auch keinen Mann, um glücklich zu sein. Am Ende ist sie es. Einfach so.“

Ich kapituliere. Hier scheint jemand eine glaubhafte Figur geschaffen und den Nerv einer Generation getroffen zu haben.