In seinem halbfiktionalen Roman „Munk“ verarbeitet der Argentinier Ricardo Piglia die Taten des als Unabomber bekannt gewordenen Theodore Kaczynski und wirft große Fragen auf.

Wir sollten wieder mehr Südamerikaner lesen. Auch nach Größen wie Gabriel García Márquez oder Jorge Luis Borges hat dieser Kontinent literarisch viel zu bieten. Zum Beispiel die Bücher des Argentiniers Ricardo Piglia. Nach einer mehrjährigen Schaffenspause legte Piglia 2015 den Roman „Munk“ vor, der sich um den Universitätsprofessor Emilio Renzi – ohne Zweifel Piglias Alter Ego – dreht.

Der vor Kurzem geschiedene Renzi verlässt für eine Gastprofessur an der amerikanischen Ostküste seine Heimatstadt Buenos Aires – ähnlich wie Piglia selbst, der jahrelang Professor für Literatur und Film an der US-Universität Princeton war. Piglia beschreibt das Unversitätsleben eingehend: einschließlich des Rektors, der sich einen Hai im Keller hält. Kaum im Amt, geht Renzi eine leidenschaftliche, aber geheim gehaltene Affäre mit der Literaturwissenschaftlerin Ida Brown ein, die Starprofessorin der Uni. Soweit klingt alles nach Campus-Novel.

 

Plötzlich Krimi

Doch dann kommt Ida bei einem Autounfall ums Leben. Die Umstände sind unklar, eine Verbrennung an ihrer Hand deutet darauf hin, dass etwas im Auto explodiert sein muss. Das FBI ermittelt. Hier schwenkt der Plot ins Krimi-Genre. Es kommt der Verdacht auf, Ida könnte Opfer eines Gewaltverbrechens geworden sein, denn seit einiger Zeit treibt ein Serienkiller sein Unwesen. Opfer der von ihm versendeten Briefbomben sind ausschließlich Akademiker.

Renzi beauftragt einen Privatdetektiv, um hinter das Geheimnis des mysteriösen Unfalls zu kommen. Es ergeben sich Zusammenhänge zwischen Idas Tod und der Mordserie – war sie hinter dem Killer her oder unterstützte sie ihn gar? Nachdem der Täter ein Pamphlet veröffentlichen lässt, kommt das FBI ihm schließlich auf die Schliche. Der Killer heißt Thomas Munk – ein genialer Mathematiker, der zurückgezogen in einer Blockhütte im Wald lebt. Aber selbst nach der Überführung des Mörders ist die Geschichte für Renzi noch nicht zu Ende.

 

Piglia verwischt die Grenzen zwischen Fiktion und Realität

So wie man es etwa von Borges kennt, spielt Piglia in seinem Roman mit Fiktion und Realität, verwischt die Grenzen zwischen beiden.  Es ist nur unschwer zu erkennen, wer dieser Munk eigentlich ist. Munks Geschichte ist die Geschichte von Theodore Kaczynski, besser bekannt als der Unabomber. Zwischen 1978 und 1995 verschickte er sechzehn Briefbomben meist an amerikanische Akademiker und tötete dabei drei Menschen.

Sowohl Munk als auch Kaczynski waren hochintelligente Menschen, die sich als Anhänger eines naturzentrierten Anarchismus zurückgezogen; ähnlich wie seinerzeit Thoureau während seines Walden-Experiments: Allein lebten sie in einer einsamen Hütte im Wald.

Der Unabomber verschickt 1995 anonym ein Manifest mit dem Titel „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“. In ihm schildert er,  wie die Mächtigen durch die allgegenwärtige Technik den Einzelnen beherrschen. Diese Technisierung müsse man stoppen. Sein Bruder erkennt ihn als Urheber der Schrift – und er wird gefasst.

 

Wie wollen wir leben?

Nicht die Kriminalgeschichte ist das tragende Element des Romans. Piglia zeigt in „Munk“, wie Aufklärungsdrang zu Mordlust und ein literarischer Text zur Vorlage des Terrors werden kann. Im Buch taucht eine kopierte Seite des 1907 von Joseph Conrad geschriebenen Romans „Der Geheimagent“ auf. Während den Ermittlungen zu den Unabomber-Attentaten vermuteten Profiler des FBI bereits, dass dieses Buch den Täter geprägt habe. Die Vermutung bestätigte sich; der Bomber war in der Tat ein Bewunderer Conrads, der sich in seinem Werk das kleinbürgerliche Leben der Großstädter behandelte – detailliert und durchaus ironisch.

„Munk“ ist mehr als ein halbfiktionaler Krimi. Selbst als Literaturwissenschaftler lehrend, fragt Piglia in diesem Roman, wie Texte gelesen und verstanden werden können, was sie offenbaren, verheimlichen und über ihren Autor verraten.

Durch Munk stellt er die Frage, in welcher Form Widerstand gegen ein alternativlos erscheinendes System möglich ist. Eine Frage, die sich unter anderem bereits Tolstoi, Conrad und Thoureau stellten. Es ist die Frage danach, wie wir eigentlich leben wollen und wie wir unsere Vorstellung vom guten Leben verwirklichen können.

 

piglia-coverRicardo Piglia: Munk
Aus dem argentinischen Spanisch von Carsten Regling
Wagenbach Verlag, 2015
256 Seiten, 22,90 €

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