Viele Umstände formen unser Leben. Die meisten liegen außerhalb unseres Einflussbereiches: Geburtsort, Geschlecht, Aussehen und viele weiter Tatsachen prägen unsere Person, ohne dass wir sie ändern könnten. Das Leben ist also ungerecht, denn diese Eigenschaften bestimmen oft, wie Güter verteilt werden – sie nehmen Einfluss auf unsere Lebensqualität.

In einer aufgeklärten Gesellschaft sollen die natürlichen Unterschiede deshalb eine möglichst geringe Rolle spielen – das nennen wir Gerechtigkeit. Der Geburtsort oder das Geschlecht sollten nicht über die Chancen eines Menschen entscheiden. Dieses Ideal ist offensichtlich noch lange nicht Wirklichkeit geworden. Als Kind gebildeter Eltern hat man de facto größere Chancen auf eine gute Bildung, Frauen sind in Führungspositionen unterrepräsentiert.

Noch größer sind die Unterschiede, betrachtet man den Einfluss des Geburtsortes. Wenn man in Deutschland geboren ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, ein friedliches Leben ohne Hunger zu führen. Im heutigen Syrien geboren zu sein, heißt dagegen in der Regel, ein Leben in Krieg und Elend zu fristen.

Es scheint also, dass diese Faktoren zufällig über unser Schicksal entscheiden. Jemand, der Deutschland geboren ist, hätte demnach eher Glück, ein Mensch, dessen Geburtsort Syrien ist, eher Pech gehabt. Ob man ein Mensch ist, der Wohlstand und Bildung genießt oder einer, der Krieg und Armut erleiden muss: reiner Zufall letztendlich. Hieraus ergibt sich ein populäres Argument in der aktuellen Flüchtlingsdebatte. So zum Beispiel in einem Artikel der Zeit:

„Sie sind Menschen wie du und ich, die Flüchtlinge, die Europa nicht haben will. Dass sie in einer bösen Weltgegend geboren wurden, ist Zufall.“ („Grenzen auf, Grenzen dicht“. Die Zeit. Nr. 17/2015)

Der erste Satz ist zweifellos zutreffend. Der zweite hingegen, so selbsterklärend er zunächst erscheinen mag, birgt eine komplexe philosophische Problemstellung und wird sich als nicht haltbar herausstellen.

In Deutschland herrschen recht angenehme Zustände – das stimmt. Diese sind auch nicht durch unsere eigene, individuelle Leistung zustande gekommen. Demokratie und der Frieden sind nicht das Werk des Einzelnen, sondern eines komplexen Zusammenwirkens von Menschen, das wir Geschichte nennen. Wir (als einzelne) haben uns unsere Privilegien also nicht verdient, wir genießen sie, ohne sie erzeugt zu haben. Doch heißt dies im Umkehrschluss, dass wir durch reinen Zufall Deutsche, US-Amerikaner oder Syrer werden und damit zufällig in den Genuss dieser Privilegien kommen?

Zufall bedeutet, dass von verschiedenen Möglichkeiten eine bestimmte eintritt, ohne dass es einen bestimmten Grund dafür gäbe. Für einen Würfel bestehen zum Beispiel sechs verschiedene Möglichkeiten zu fallen. Wenn er geworfen wird, tritt eine dieser Möglichkeiten ein. Ist die Geburt eines Menschen demnach mit dem Wurf eines gigantischen Würfels vergleichbar? Eines Würfels mit unzähligen Seiten, von denen jede eine bestimmte Daseinsmöglichkeit realisiert?

Möglichkeiten bestehen immer für Dinge. Für ein Los in einer Lostrommel ist es möglich gezogen zu werden oder nicht. Für mich (ich bin auch ein Ding) ist es möglich morgen zu sterben, die große Liebe zu finden oder auch nur einen ganz normalen Tag zu erleben. Doch für welches Ding besteht die Möglichkeit deutsch oder syrisch zu sein? Für das Ding, das man Mensch nennt, möchte man sagen. Doch sobald der Mensch einmal geboren ist, besteht diese Möglichkeit nicht mehr. Wir sind ja schon in einem bestimmten Land geboren, diese Tatsache ist nicht mehr umkehrbar.

Damit es eine reale Möglichkeit ist, in einem anderen Land geboren zu sein, wäre es notwendig, dass der Mensch eine Existenz vor seinem irdischen Dasein hat. Denn in dem Moment in dem er geboren ist, ist es ja keine reale Möglichkeit mehr für ihn, woanders geboren zu werden. Die Möglichkeit muss also für etwas bestehen, das unserer Geburt vorausgeht. Dieses Ding müsste zudem eigenschaftslos sein, da die verschiedenen Möglichkeiten, die das irdische Leben bietet eben bloß Möglichkeiten und noch keine Realität darstellen.

Eine Lotterie des Lebens setzte also voraus, dass es – bildlich gesprochen – so etwas wie einen himmlischen Lostopf gäbe, in dem leere Menschenhülsen liegen; diese würden mithilfe des gigantischen Würfels zum Zeitpunkt ihrer Geburt mit bestimmten Eigenschaften (syrisch, deutsch, männlich, weiblich) versehen werden. Nur dann wäre es sinnvoll zu sagen: „Ich hätte genauso gut woanders geboren sein können“, was bedeuten würde: „Wäre der Würfel anders gefallen, dann wäre die eigenschaftslose Menschenhülse, die zu mir wurde, mit anderen Eigenschaften versehen worden“.

Dass es sich so verhält, ist schon eine höchst spekulative Annahme, die nicht zu beweisen ist. Doch selbst wenn die Geburt eines Menschen sich derart abspielen sollte, gibt es ein weiteres Problem. Ich bin ja nur ich, weil der Würfel in bestimmter Weise gefallen ist. Die Hülle war nicht schon immer ich, sondern ist erst zu mir geworden, als der Würfel fiel. Meine Identität besteht ja gerade darin, bestimmte Eigenschaften zu haben. Wäre der Würfel aber anders gefallen, hätte die Hülse andere Eigenschaften bekommen und wäre zu einem anderem Menschen geworden.

Wenn ich also behaupte, ich hätte ebenso gut woanders geboren sein können, dann behaupte ich eigentlich: „Ich könnte auch ein anderer Mensch sein“. Aber dieser Satz enthält einen Widerspruch. Denn wäre ich ein Anderer, dann wäre ich eben ein Anderer und nicht ich. Für mich bestand nie die Möglichkeit ein Anderer zu sein. Vielleicht (wenn es den himmlische Lostopf gibt) hatte eine leere Menschenhülle die Möglichkeit zu der Person, die ich bin, oder zu einer anderen zu werden, aber diese Menschenhülle war ja noch nicht Ich.

Dies trifft nicht nur auf den jeweiligen Ort zu, an dem wir geboren werden, sondern auf alle Umstände, die außerhalb unserer Kontrolle unsere personale Identität prägen. Zum Beispiel ist es keine Möglichkeit für mich, andere Eltern zu haben. Denn hätte ich andere Eltern, dann wäre ich nicht ich, sondern ein anderer. Es ist also kein Zufall, dass meine Eltern genau diese Eltern sind, sondern notwendig.

Ich bin also notwendigerweise in Deutschland geboren, denn wäre ich es nicht, dann wäre nicht ich woanders geboren, sondern jemand anderes (Genau das ist augenscheinlich ja der Fall). Selbst wenn es also für eine leere Menschenhülle eine reale Möglichkeit war, verschiedene Personen zu werden, ist es logisch unmöglich für eine Person, eine andere Person zu sein.

Die Idee, dass unsere personale Identität letztendlich das Ergebnis eines Zufalls ist, entstammt dem Denkfehler, Zufälligkeit als einzigen Gegensatz zum freien Willen anzunehmen. Wenn etwas nicht durch meinen Entschluss verändert werden kann, dann kann ich nur auf den Zufall hoffen. Dies mag für Dinge, die mir während meines Lebens zustoßen, zutreffen. Ich kann nicht beeinflussen, ob es nächstes Jahr zu Weihnachten an jenem Ort, an dem ich mich aufhalten werde, schneien wird. Es mag schneien oder nicht schneien, darüber entscheidet der Zufall.

Der falsche Schluss lautet also: Ich kann ebenso wenig beeinflussen, ob ich in Deutschland oder woanders geboren werde. Also mag ich in Deutschland oder in Syrien geboren werden, darüber entscheidet der Zufall. Worin besteht hier der Unterschied? Der Ort, an dem es schneien oder nicht schneien kann, ist und bleibt der Ort, unabhängig davon, welches Ereignis eintreten mag. Beide Ereignisse sind für den Ort Möglichkeiten. Ich als Person bleibe hingegen nicht die gleiche unabhängig davon, wo ich geboren werde. Für eine Person ist es also keine Möglichkeit, woanders geboren worden zu sein.

Wenn ich also weder durch freien Willen noch durch Zufall die Person geworden bin, die ich bin, warum bin ich dann diese Person? Zufall bedeutet, dass etwas ohne bestimmten Grund eintritt. Dafür, dass ich ich bin gibt es aber einen, letztlich trivialen, Grund: Ich bin ich, weil ich sonst ein Anderer wäre. Die dritte Alternative zu Zufall und freiem Willen lautet also: Es ist notwendig.

Dies heißt natürlich nicht, dass ich ein größeres Anrecht auf meine angenehmen Lebensumstände hätte als jemand, dem sie abgehen. Menschenrechte sind eine universale Idee und gelten für jeden Menschen unabhängig seiner Lebensumstände. Die Vorstellung einer Lotterie des Lebens ist nicht notwendig, um die Bekämpfung von Ungerechtigkeit und die Hilfe für Notleidende als moralisch geboten zu begründen.

  • jeahbaby

    Naja, kann man so sehen. Allerdings finde ich das „Ich hätte auch in Syrien geboren werden können“-Argument unnötig allzu logisch (Notwendigkeit eines Daseins vor dem Leben, etc.) zerlegt. Ich persönlich nenne dieses Argument gerne, da es eine Gleichwertigkeit des Lebens eines Europäers und bspw. eines Syrers sehr gut auf emotionale Weise, leichter nachvollziehbar macht.