Ein Freitag Ende Mai. Neun Uhr morgens. Im Foyer des Theaters von Nanterre, Pariser Vorstadt. Menschen Anfang zwanzig tröpfeln ein. Sie blicken noch etwas verschlafen aus ihrem Businessdress. Obwohl die Verhandlungen offiziell schon wieder im Gange sind, geht der erste Weg entspannt zum Kaffeeautomaten.

Seit drei Tagen schon finden sich hier Studierende aus aller Welt ein. Viele kommen aus Paris, andere sind aus Japan oder Australien eingeflogen. Wie beim richtigen Klimagipfel bin ich mir nicht sicher, ob die Ergebnisse der Verhandlungen den CO2-Ausstoß der Anreise rechtfertigen können.

Wer bei dieser Simulation der 21st Conference of the Parties (COP21) dabei ist, hat sowohl ein anstrengendes Bewerbungsverfahren als auch die Kosten für Anreise, Unterkunft und Verpflegung auf sich genommen. Das Motto lautet „Make it work!“.

Jeder Teilnehmer repräsentiert auf der Tagung sowohl eine Entität als auch eine Delegation, gebildet aus je fünf Entitäten. Mit dem kongolesischen Umweltminister und und den Köpfen dreier NGOs bilde ich als CEO eines Minenunternehmens die Delegation des Kongo.

Außer Länderdelegationen gibt es – im Unterschied zum echten COP – auch Delegationen für Ozeane, Indigene Völker, das Internet oder Städte. Bruno Latour, Soziologe und Philosoph, hat das Konzept zur Veranstaltung geschrieben und bewusst an den Stellschrauben der Realität gedreht. Studierende sollen hier auf neue Ideen für die immer wieder scheiternden Verhandlungen kommen. Dabei wird auch mit den Räumlichkeiten experimentiert, die vom Berliner Architektenkollektiv raumlabor gestaltet worden sind. Sie sollen den Einfluss der Umgebung auf die Verhandlungen zu erforschen. Diese sind öffentlich zugänglich, um mehr Transparenz zu schaffen.

Zweieinhalb Tage lang wurden wir auf die offiziellen Verhandlungen vorbereitet, in Schreib-, Sprech- und Körpersprache-Workshops. Uns wurden die Spielregeln der COP erklärt, Political Arts-Studierende animierten uns immer wieder zum Hinterfragen des Prozesses selbst.

Auf der Eröffnung am Donnerstag werden zunächst, ganz förmlich, Sekretariat und Präsidentin gewählt, bevor sich die zweihundert Anwesenden dem Verfassen einer gemeinsamen Vision für das Jahr 2050 zuwenden. Basis hierfür ist ein Verhandlungstext, den das Sekretariat nach eigenen Angaben aus den Visionen der einzelnen Delegationen zusammengefasst hatte.

Erst Freitag Mittag kapiere ich dann endlich so richtig, wie das Ganze läuft. Wir teilen uns in Fokus-Gruppen zu jeweils etwa 50 Repräsentant*innen, in denen Artikel und Absätze formuliert, geändert und gestrichen werden. Wer sich am besten fachlich und den Regeln entsprechend ausdrücken kann, wer sicher auftritt, der beherrscht hier das Feld. Schüchtern vorgetragene, aber innovative Ideen, werden schnell von den eloquenten Vertreter*innen Indiens, Chinas und der USA abgewürgt. So sehr vernarrt, die erwachsenen Politiker möglichst gut zu kopieren, beharren sie auf Interessen, die ihre realen Vorbilder längst revidiert haben.

Kleine Gruppen arbeiten in geheimen Treffen neue Ideen aus, um sie dann einzubringen. Freitagabend gibt es weder einen Konsens über eine Vision, noch darüber, was eine Vision eigentlich ist. In unseren Diskussionen versuchen wir immer noch, die Bürde des Klimawandels möglichst gerecht aufzuteilen, wobei jede Partei auf ihre Einzelinteressen beharrt. Leere Floskeln werden gegen hohle Phrasen ausgetauscht. Die Stimmung ist gedrückt, die einen sind müde, die anderen verzweifelt. Am Samstag sollte darüber verhandelt werden, wie die Vision umgesetzt werden soll und nicht ob.

Ich bin erschrocken von dieser Jugend, von der ich selbst Teil bin. Sie lebt so sehr dafür, Bilder zu erfüllen, ohne zu reflektieren, ob diese Bilder erstrebenswert sind. Ich bin nicht die einzige, die verstanden hat, dass diese Art zu verhandeln keine neuen Ideen hervorbringen wird. Der bürokratische Prozess mag vielleicht später nötig sein, aber doch nicht am Anfang der Verhandlungen!

Sitze ich das jetzt die nächsten zwei Tage ab oder versuche ich, etwas zu ändern?

Ich habe mitbekommen, dass Vicky, die Vertreterin der Delegation für gefährdete Arten, ebenso mit sich hadert. Wir wollen einen Neustart.

Für Samstag, den nächsten Morgen, verabreden wir uns im Swimming Pool Room, einer Halle neben dem Theater, die nur spärlich von einer großen künstlichen Sonne beleuchtet ist. In einem flachen großen Becken stapeln sich Rettungsbote, drumherum stehen gestreifte Strandliegen. Ein surrealer Ort. Das apokalyptische Ambiente wird von Kunstnebel verstärkt.
Wir sind zu fünft. Der Rest sitzt im Plenum. Viele sind gar nicht erst wiedergekommen.

Zusammen überlegen wir, wie wir zeigen können, was eine Vision ist und wie wir anders kommunizieren können. Auch andere kleine Gruppen haben sich gebildet. Wir haben das Gefühl Guerilla-Kämpfer zu sein, während wir in den Gängen unterhalb der Bühne nach Verbündeten suchen.

Dann beginnen wir mit dem Brainstorming. An den Wänden des Swimming Pool Rooms sammeln wir Ideen für eine Vision. „Wie wollen wir leben?“ anstatt „Wie können wir den Klimawandel bewältigen?“. Die dunklen Wände füllen sich mit beschriebenen Blättern, die Jacketts werden achtlos über die Strandliegen geworfen, manch nackter Fuß freut sich über eine Erfrischung im kühlen Nass. „Ich habe mich die letzten Tage wie tot gefühlt, lebendig begraben“, sagt Paul, Delegation Internet, und ich muss ihm zustimmen. Jetzt leben wir. Es wird diskutiert, aber nicht mit den Ellenbogen. Und nicht darüber, wie wir ein Problem lösen, sondern wie wir uns eine lebenswerte Zukunft vorstellen.

Am Nachmittag kleben wir die Ideen auf Stellwände neben einer der Verhandlungshallen. Die Sonne knallt, Hemdkragen öffnen sich. Auch Zuschauer und einige derer, die den offiziellen Verhandlungen folgen, teilen nun ihre Visionen oder lassen sich inspirieren.

Wir sind froh über den Austausch, stehen aber auch vor der Kritik, dass so eine Zettelwirtschaft keine Basis für ein Abkommen sei. Wie sollen wir weiter vorgehen? Aus den Ideen muss eine gemeinsame Vision formuliert werden. Wir wollen uns in kleine Teams aufteilen, die jeweils beschreiben, wie wir 2050 leben, essen, arbeiten, wohnen, reisen wollen. Zu den offiziellen Verhandlungen will niemand zurückkehren. So sehr die anderen unseren Drang nach Veränderung fürchten, so sehr sind wir beängstigt von ihrer Folgsamkeit. Nicht, weil sie überzeugt sind, dass es gut ist, was sie dort verfassen, sondern weil darin schon so viele Stunden Arbeit stecken, wollen sie einen Neuanfang nicht in Betracht ziehen.

Sähen die Menschen endlich nicht mehr so erwartungsvoll zur Politik auf, würden sie vielleicht selbst anfangen, ihre Welt lebenswerter und klimafreundlicher zu gestalten.

Die Nacht verbringen wir damit, eine Vision über eine Institution zu verfassen, die diese Initiativen aus der Bevölkerung unterstützt und vernetzt. Mithilfe des Internets würde eine von Wissenschaftler*innen koordinierte Plattform entstehen, auf der alle von allen auf Augenhöhe lernen können. Dabei soll das Wissen eines Bauern in einem kleinen indischen Dorf genauso geschätzt werden und zu gemeinsamen Lösungen beitragen wie jenes einer dänischen Forscherin.

Natürlich existieren schon Plattformen im Internet, auf denen „best practices“ ausgetauscht werden und lokale Initiativen sich vernetzen. Doch hätte die Weltgemeinschaft die Mittel und Möglichkeiten dies in einem nie da gewesenen Maße aufzubauen, zu bewerben und damit die Weltbevölkerung zum Handeln zu motivieren.

Am Sonntag präsentieren wir unsere Vision, nachdem wir unsere Wertschätzung für die Arbeit der anderen, die ebenfalls nur wenig geschlafen haben, ausgedrückt haben. Das Plenum ist geteilt. Die einen haben ähnliche Ideen gehabt und klatschen lautstark Beifall, die anderen fragen, wie das mit dem offiziellen Text vereinbar sein solle.

Gar nicht. Unser Handeln ist eine Möglichkeit, mit der Herausforderung des Klimawandels umzugehen ohne per Gesetz Maßnahmen zu erzwingen. Vertrauen aus Verzweiflung.

Der Tag plätschert dahin. Einige geben Fernsehinterviews. Ich lausche den offiziellen Verhandlungen. „2030 werden alle Parteien die Einführung einer CO2-Steuer oder eines Carbon-Markets in Betracht ziehen.“ Wenn das die Regeln sind, auf die wir uns einigen, dann können wir es auch gleich lassen.

Ich versuche zu schlafen. Bei der Abschlussveranstaltung soll unsere Vision noch mal vorgetragen werden. Die Unterzeichnenden haben sich gemehrt.

Zur abschließenden Zeremonie ist auch eine offizielle Einigung erreicht. Mehrere kleine Vorträge geben dem Publikum einen Einblick in die Erfahrungen, die wir in den letzten Tagen gemacht haben. Im Hintergrund wird unterschrieben. Danach hat das Publikum noch die Möglichkeit, den Teilnehmenden Fragen zu stellen.

Darauf, ob das Ergebnis der Verhandlungen besser sei als das, welches beim COP21 in Paris zu erwarten ist, antwortet eine Repräsentantin der Malediven: Für ihre Nation sei es ein Erfolg, dass ihre Bevölkerung mit diesem Abkommen den Status von Klimaflüchtlingen erhalten habe, was bei den realen Verhandlungen nicht absehbar sei. Trotzdem werde ihre Nation untergehen. Wortwörtlich. Um dies zu verhindern, müsste eine Begrenzung des Klimawandels auf 1,5°C festgelegt werden, was nicht konsensfähig war. Die Maleviden haben ihrem eigenen Untergang zugestimmt – aus Müdigkeit, um der Einigung Willen. Die Einigung wird „erfolgreich“ genannt.

Schon vor dem Abendessen zerrinnt die Masse. Manche versuchen zu feiern, doch die fünf Menschen schaffen es nicht, durch motivierte Präsenz auf der Tanzfläche eine Partystimmung aufzubauen. Schon die ganze Woche über waren die meisten abends fluchtartig verschwunden.

Und so liege ich, als eine der letzten, die gegangen ist, schon vor Mitternacht im Bett und starre eingehüllt in Stille an die weiße Zimmerdecke.

Es war ein Spiel, eine Simulation. Doch die Gruppendynamiken, Machtgefüge und Menschen waren echt. Die Verhandlung in Paris wird echt sein.

Darauf warten sollten wir vielleicht besser nicht.