Sie sind schwer. Sie stehen überall. Allein der Gedanke, sie in Kisten zu packen und mit ihnen umziehen zu müssen, lässt mich ergrauen. Aber ich halte an ihnen fest. Mögen sie auch noch so viel Platz in meinem Regal, auf meinem Sofa, in jeder Ecke einnehmen. Mögen sie noch so viel Staub fangen und meinen Rucksack beschweren, ich halte an ihnen fest. Meine Bücher sind eine Galerie, die die Phasen meines Lebens besser nachzeichnen als jeder Lebenslauf.

Okay, ich gebe es zu: Auf meinem Weihnachtswunschzettel steht dieses Jahr auch ein E-Reader. Für Unitexte, um Zeit, Kosten und Nerven (mein Drucker vereitelt regelmäßig meine Duplexdruckversuche) zu sparen. Für Reisen, denn einmal mit dem Zauberberg durch Nicaragua zu reisen, reicht vielleicht. Aber ich bin Papierleserin und werde es bleiben.

Mehr als Text auf Papierseiten

Die Digitalisierung wirkt sich seit den 90er Jahren zunehmend auch auf die Buchbranche aus. Verlage produzieren mittlerweile gleichermaßen gedruckte und elektronische Bücher, stellen Youtube-Videos online und posten auf Facebook. Die Angst vor dem „Aussterben des Buches“ in seiner blättrigen Form ist dabei nie fern.

Vielleicht ist diese Sorge aber wichtig, um den Fokus wieder auf etwas ganz Entscheidendes zu lenken: Das Buch in seiner Materialität. Ein Buch kann mehr sein als ein auf Seiten aufgeteilter, abgedruckter Text: Bücher riechen je nach Papiersorte und Farbe unterschiedlich und fühlen sich anders an, wenn man mit den Daumen über die Seiten streicht – das klingt jeweils sogar verschieden, von Quietschen bis Knarzen; ein Geräusch, das meine Schwester zur Weißglut treibt. Auch nach Jahren werde ich mich genau an das Cover zu Krachts Imperium in der Hardcover-Ausgabe von Kiepenheuer&Witsch erinnern, schließlich lag es einige Zeit auf meinem Nachttisch, ist für mich untrennbar mit den Abenteuern August Engelhardts verknüpft.

Ich habe einmal mein Bücherregal durchforstet und einige Beispiele herausgesucht, die sich vor allem aufgrund ihrer medialen Gestaltung gegenüber ihren Artgenossen auszeichnen.

Stephan Kaluza: Ein unmöglicher Ort

2015, Frankfurter Verlagsanstalt –

Mal abgesehen davon, dass mich das Buch inhaltlich wenig überzeugt hat, ist es an sich beachtlich aufwendig gestaltet. Der Buchumschlag lässt den Blick auf den entscheidenden Teil des Covers frei: einen Papagei (genauer gesagt einen Ara macao, einen hellroten Ara – dabei geht es im Buch um die Suche nach seltenen Rotschwanzamazonen, aber das sei hier nur angemerkt). Wenn man den Umschlag öffnet kommt das 3D-Bild darunter zum Vorschein. Wirklich!

Der Autor dieses Romans, Stephan Kaluza, ist Maler, Performancekünstler und Fotograf. Fotografie ist in diesem Buch auffällig präsent: Der Spiegel des Buches zeigt einen Ausschnitt Regenwald und am unteren Bildrand jeder Seite ist eine Amazonaslandschaft abgebildet, die sich mit dem Umblättern sogar verändert. Ein Seitenpanorama sozusagen. Je weiter man gelesen hat, desto mehr verblasst die Landschaft, bis sie gänzlich verschwindet. Eine schöne Idee, die Materialität des Romans, gleichsam als dritte Dimension, derart mit Inhalt und Form zu verschränken, denn das Verschwinden spielt in diesem Roman eine ganz entscheidende Rolle.

Aber die Buchgestaltung spiegelt auf allen Ebenen wider, was sich allgemein zu diesem Buch sagen lässt: Die interessanten Ideen und Ansätze werden hier zu plump, zu plakativ umgesetzt.

 

Monika Rinck Helle Verwirrung, Honigprotokolle

– 2009/2012, Kookbooks –

Monika Rinck ist eine großartige zeitgenössische Dichterin. Dieses Jahr regnete es Literaturpreise für eine, die das Denken aufwirbelt. Aber zum Buch: Monika Rinck verlegt seit einigen Jahren ihre Essay- und Lyrikbände bei Kookbooks. Der Indie-Verlag aus Berlin setzt neben literarischer Qualität vor allem auf eine ansprechende Gestaltung für Bibliophile. Stolz zeige ich euch hier meine beiden Rinck-Bände, die beide von Andreas Töpfer gestaltet wurden.

Das „Doppelalbum“ Helle Verwirrung (Rincks Ding- und Tierleben) kommt in einem Schuber daher. Er ist mit einem Leinenmuster geprägt, die beiden darin enthaltenen Teile sind mit einer offenen Fadenbindung gebunden. Der zweite Band enthält neben Gedichten auch Illustrationen. Die Honigprotokolle sind mit einem Umschlag bestückt, den man auseinander klappen und als Poster aufhängen könnte – Konjunktiv! Denn dann wäre das Buch ja nackt! Die einzelnen Gedichte sind kachelartig (wabenartig, der Honig hält diese Protokolle zusammen) formatiert, durchbrochen von Rincks musikalischen Arrangements. (Und ja, falls ihr es entdeckt habt: Ich Fangirl habe meinen Band höchstpersönlich signieren lassen!)

 

LiteraturQuickie

– 1. Auflage 2015 (16. Staffel) –

Der Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, besonders gute Kurzgeschichten im Kompaktformat zu publizieren. Diese kleinen Büchlein erinnern ein wenig an Pixi-Bücher für Große. Die Quickies kann man abonnieren und sich halbjährlich einen ganzen Satz Kurzgeschichten nach Hause schicken lassen. Es gibt kein besseres Format für S-Bahn-Fahrten. Mit dabei sind neben der großartigen Karen Köhler übrigens auch unsere beiden PoetInnen Safiye Can und Valentin Moritz.

 

Zu guter Letzt sei auf das Buch S. – Das Schiff des Theseus von J.J.Abrams und Doug Dorst (2015, Kiepenheuer & Witsch) verwiesen, das zur Zeit in aller Munde ist. Dieses Buch ist eigentlich eine Materialsammlung, der Roman besteht aus Fotografien, Postkarten und Randnotizen. Das Umblättern als ohnehin schon spannungsvoller Akt (wie geht es weiter?), wird hier zum Abenteuer. Ich hoffe ja insgeheim, es unter meinem Weihnachtsbaum zu finden.

Was sind eure schönsten oder verrücktesten Bücher?

  • Doktor Mihi

    sehr schöner text!