Das Jahr 2016 neigt sich seinem Ende. Es hat uns auch einige literarische Neuerscheinungen beschert. Was davon war wirklich lesenswert? Das Doktor Peng-Literaturteam stellt seine persönlichen Favoriten 2016 vor.

 

Saša Stanišić, Fallensteller
Luchterhand, Mai 2016 (288 Seiten)

042_87471_164629_xxlKurzgeschichten sind das unterschätzteste Genre auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Ein Glück legt Saša Stanišić nach seinen zwei gefeierten Romanen „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und „Vor dem Fest“ eine mehr als solide Sammlung vor. Die zwölf sind sehr unterschiedlich lang, aber allesamt von kruden, einsamen und dadurch durchweg spannenden Melancholikern bevölkert. Mo und sein Freund etwa tauchen in mehreren Geschichten immer wieder auf, klauen surrealistische Gemälde und werden sie dann nicht mehr los. Die tragischste Figur ist allerdings Ferdinand Klingenreiter, der schon immer Zauberer sein wollte, sein Publikum im Säge-, Holz- und Hobelwerk aber nicht für seine Illusionskünste begeistern kann. Auch die trügerische Idylle, die „Vor dem Fest“ durch das uckermärkische Fürstenfelde streicht, greift Saša Stanišić in der titelgebenden und längsten Erzählung wieder auf. Hier wird der Eindringling selbst, der „Jugo-Schriftsteller“ reflektierend zum Thema. Das bewegendste kommt allerdings erst zum Schluss: „In diesem Wasser versinkt alles“ ist feinsinnig komponiert, todtraurig und leicht zugleich. Feinste Fallen der Literatur!

Doktor Albahaca

 

André Kubiczek, Skizze eines Sommers978-3-87134-811-2

Rowohlt, Mai 2016 (384 Seiten)

Der Sommer eines Fünfzehnjährigen in Potsdam, Mitte der Achtziger. Was könnte es Banaleres geben als die ostalgisch idealisierenden Aufzeichnungen über diese graue Stadt im Herbst der DDR? Zu viel Biografisches, zu viel Melancholisches wurde über diese Zeit bereits geschrieben, nicht immer wurden die den Umständen gerecht, die das System DDR auch bis zur Wende für seine Bürger*innen bedeutete. André Kubiczek schafft es aber gerade durch die vermeintlich trivialen Ausführungen eines Teenagers, dieser historischen Zeit gerecht zu werden. Neben „Sketch For A Summer“ dem titelgebenden Song der britischen Post-Punk-Band Durutti Column ziehen sich unzählige Liedtexte, kopierte Kassetten und Bandnamen wie ein pechschwarzer Soundtrack durch den doch so warmen Roman. Mit diesem Charme können auch Nachgeborene der Patina dieser untergegangenen DDR-Provinz nachspüren. Das einzige, was sonst noch zählt: Mädchen, Rauchen, Baudelaire.

Doktor Albahaca

 

Nis-Momme Stockmann, Der Fuchs

Rowohlt, Februar 2016 (720 Seiten)

41nqf-ey1il-_sx304_bo1204203200_Das Buch des Jahres ist aber eindeutig „Der Fuchs“. Der Dramatiker Stockmann beherrscht auch in der prosaischen Langform alle Register der Erzähltechnik: Atemlosigkeit, Absurdität, Apokalypse. Die norddeutsche Provinz geht im wahrsten Sinne des Wortes unter (vgl. Buch des Jahres 2011: „Gegen die Welt“, Jan Brandt“) und selbst der junge Finn Schliemann, aus dessen Perspektive erzählt wird, kann nichts dagegen tun. Wie auch, viel mehr als ein durchdrehender Altersgenosse, ein fast leerer Gaskocher und etwas Dosenbier bleiben ihm auch nicht mehr. Diese umfassende Werk fließt im besten Sinne über seine Ränder hinaus, bleibt unfassbar und hinterlässt Fragen. Vielleicht ist beim nächsten Roman dann ja auch der verdiente Buchpreis dran.

Doktor Albahaca

 

Emma Cline, The Girlsthe-girls-emma-cline-evie

Chatto & Windus (engl.), Juni 2016 (368 Seiten)

Deutschsprachige Ausgabe: Hanser

Das von mir bereits im Literaturherbst vorgestellte Debüt der jungen Autorin Emma Cline ist mein persönlicher Romanfavorit diesen Jahres. Die an die Geschichte der Manson Familie angelehnte literarische Folie, vor der die Autorin die Psyche einer jungen Frau offenlegt, überzeugt. In der Rückschau berichtet die Protagonistin Evie Boyd von einem Sommer auf “der Ranch” im Kalifornien von 1969. Natürlich ist den Lesenden das ein oder andere über die Mansonmorde bekannt, doch werden diese hier nicht nacherzählt. Dies ist ein Roman, der trotz einem klaren Spannungsaufbau nicht verflacht. Die Perspektive und die Sprache, mit der The Girls besticht, machen diesen Roman zu einem literarischen Erlebnis.

Doktor Innen

 

mein-vater-war-ein-mann-an-land-und-im-wasser-ein-133120723Michelle Steinbeck, Mein Vater war an Land ein Mann und im Wasser ein Walfisch

Lenos, März 2016 (153 Seiten)

Zeitgenössische Literatur habe ich dieses Jahr kaum gelesen. Welches Buch für mich aber herausstand, war dieses kleine Debüt der 1990 geborenen Autorin. Loribeth hat aus Versehen ein Kind erschlagen. Jetzt ist sie mit dessen Leiche in einem Koffer unterwegs, um es ihrem Vater zu überreichen, denn das – so eine Wahrsagerin – würde alles richtigstellen. Sie durchquert Meere, Städte und Dörfer, befindet sich aber gleichzeitig auf der Flucht vor sprechenden Hunden, welche das (doch nicht ganz) tote Kind im Koffer fressen möchten. Eine erst mal typische coming of age Geschichte wird mit Elementen aus Märchen, Surrealismus und einem düster-blutigen, aber immer ruhigen Stil angereichert. Trotz einem eher unbefriedigenden und leicht klischeehaftigen Ende ist der Weg dorthin mit ungewöhnlichen und verschlossenen Bilder gespickt, über die man Stunden nachdenken oder schlicht und einfach auf sich wirken lassen kann. Ein ungewöhnliches und allein deswegen lesenswertes Buch von einer vielversprechenden Autorin.

Doktor Dings (Jonathan Löffelbein)

 

Philip Krömer: Ymir oder Aus der Hirnschale der Himmel51xzss3u9il-_sx344_bo1204203200_

homunculus , 2016 (216 Seiten)

„Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu

meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese

Seite als schwere Eichentür zu begreifen.

Und anzuklopfen.

Klopfen Sie!“

Nun denn, ich habe geklopft, die Türe geöffnet und bin eingetreten. Was ich hinter der schweren Eichentür gefunden habe, hat mich tatsächlich sehr überrascht. Aber beginnen wir doch am Anfang.

Wir schreiben das Jahr 1939. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges macht sich eine dreiköpfige Expeditionstruppe aus Deutschland nach Island auf, um nicht weniger zu finden als den Ur-Arier. Diese drei sind der Ich-Erzähler Karl, dem aufgetragen wurde die Geschichte dieser Forschungsreise zu erzählen, ein SS-Mann – von Karl lediglich „KleinHeinrich“ genannt – und der Ahnenforscher „VonUndZu“, der nicht nur Forschungsgegenstände, sondern auch sein Koffergrammofon mitsamt Wagner-Schallplatten im Gepäck hat.

Nach einem turbulenten Flug, kommen die drei durch einen Bunker zum Ziel bzw. Ausgangspunkt ihrer Expedition, einem schier endlosen Gang, der sich ins Erdinnere schlängelt und durch den ein steter Wind geht. So beginnt eine Reise in die Dunkelheit oder wie Karl es beschreibt in die körperlichen Tiefen des Riesen aus der nordischen Mythologie – Ymir. Wie die Sage es will, soll aus seinem Körper die Erde entstanden sein.

Die Expedition geht durch Luftröhre, Magen und Darm immer tiefer hinunter bis zu Ymirs Anus. Schon nach kurzer Zeit hat die Gruppe ein erstes Opfer zu beklagen,  KleinHeinrich stürzt in die Tiefe und stirbt. Zu zweit geht die Suche nach dem Vorfahren der Arier weiter. Ob sie dort unten etwas oder jemanden finden, verrate ich aber dann doch nicht.

Ymir oder Aus der Hirnschale der Himmel ist das Debüt Philip Krömers, der bereits beim Open Mike auf sich aufmerksam machte. Und es scheint, als habe der junge Autor bereits seine literarische Stimme gefunden. Natürlich erinnert die Geschichte an Jules Vernes Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, wo eine ebenfalls dreiköpfige Truppe vom isländischen Vulkan Snæfellsjökull aus den Abstieg in die Tiefe wagen. Aber nicht nur die Handlung lässt Vergleiche zu Werken dieser Zeit zu. Auch der Ton, der Sprachstil des Ich-Erzählers lassen an Fantastik-Literatur aus der Zeit Jule Vernes denken.

Krömers Roman ist nicht nur überaus fantasievoll und durchweg skurril, sondern vergnügt den Leser an vielen Stellen mit komischen, teils ironischen Passagen. Aber nicht nur das. Auch visuell macht das im jungen homunculus Verlag erschienene Buch Spaß. Die Kapitel werden  durchweg mit anatomischen Illustrationen eines medizinischen Lehrbuches von 1938 begleitet, die das Gelesene veranschaulichen oder die gerade erreichte Station in Ymirs Körper anzeigen. Ein rundherum schönes, ein lesenswertes Buch.

„Holen Sie tief Luft, mir ist durchaus bewusst, dass nicht nur das Erzählen eine aufreibende Tätigkeit sein kann, sondern auch das Zuhören.“

Doktor Novelero (Sandro)