Ich habe vor Kurzem die Dokumentation TINY geschaut, in der ein junger Amerikaner sich ein eigenes Haus baut. Aber kein normales Haus, sondern ein tiny house. “Tiny” bedeutet in dem Fall, dass das Haus auf einem Anhänger gebaut wird, den er dann auf ein extra dafür gekauftes Grundstück stellen wird. Das kuschelige Eigenheim für wenig Geld. Die Doku ist insgesamt leider nicht sonderlich gehaltvoll. Ich hatte mir erhofft, dass der Bau von einer eher technischen Seite beleuchtet wird, Schwierigkeiten und Ideen beim Bau aufzeigt. Stattdessen bleibt es auf der Ebene oberflächlich, emotional, irgendwie amerikanisch. Aber bei knapp unter einer Stunde Laufzeit gibt es von mir trotzdem eine Empfehlung, denn interessante Fragen wirft die Doku allemal auf.

Die Idee dahinter ist eine in Amerika als „tiny house movement“ bezeichnete Strömung. Ein bisschen was davon habt ihr bestimmt schon mal gehört oder gesehen, denn immer mal wieder tauchen im Internet Bilderserien von den winzigen Häusern auf. Die winzigen Häuser, die irgendwo im Nirgendwo stehen und verlockend aussehen, eins mit der Natur, weit weg von der Konsumgesellschaft. Und man denkt sich: „Da würde ich jetzt gerne sein” und meistens bleibt es dabei. „Tiny house movement“ gibt es in Amerika seit ca. 2002 und er holt langsam aber sicher das kleine Haus aus der “Aussteiger”-Fantasie in die Wirklichkeit. Das kommt nicht von ungefähr. Man nehme ein 2007 neu gebautes Einfamilienhaus in den USA, das durchschnittliche 230 qm groß ist, obwohl Familien immer kleiner werden. Dazu eine Prise Wirtschaftskrise. Fertig ist der Mensch, der sich fragt, warum er sich gerade hoch verschuldet hat, um ein riesiges Haus zu bauen, in dem vielleicht drei oder vier Leute wohnen, von denen die meisten den ganzen Tag nicht zu Hause sind. Wobei der wirtschaftliche Aspekt natürlich nicht der einzige ist, der Leute dazu bewegen kann in einem kleineren Haus zu wohnen.

Das Interessanteste an der Doku sind meiner Meinung nach die Interviews mit anderen tiny-house-Besitzern, denn sie zeigen, dass das tiny house eben nicht mehr nur dem “Aussteiger” dient. Ganz im Gegenteil ist es irgendwo ein logisches Weiterdenken eines kleineren Lebensstils. Langsam aber sicher sind die dickes-Auto-dickes-Haus-Zeiten vorbei. In Amerika ist das hauptsächlich eine Frage der Einstellung, denn dort braucht man für ein tiny house keine Baugenehmigung, und ich vermute mal, man darf das auf seinem Grundstück dann auch hinstellen wo man will. (Nachtrag.: Ganz so einfach ist es nicht, für mehr Infos den Kommentar von Luise von www.runawayshanty.com unter diesem Artikel lesen). Dementsprechend konnte der Protagonist der Doku nach Lust und Laune loslegen, und hatte im Endeffekt nach circa einem Jahr seinen Traum für circa 26.000 Dollar erfüllt.

In Deutschland ist das nicht ganz so einfach, Baugenehmigung ist Pflicht und je nach Bundesland kommen noch gehörig viele andere Vorschriften dazu. Man muss sich wohl oder übel durch die Bürokratie kämpfen, und mitten in die Wildnis kann man sowieso schon mal gar nichts bauen. Das heißt aber nicht, dass man in Deutschland keine Chance hat, beschaulicher und bezahlbarer zu wohnen. Es wird eben nur nicht so billig und einfach wie in Amerika. Und es muss ja auch nicht gleich winzig werden, so gibt es zum Beispiel auch sogenannte Modulhäuser, die man nach belieben vergrößern oder verkleinern kann, sollte der Haushalt wachsen oder schrumpfen.

Sucht man im deutschsprachigen Netz nach Informationen zu so einem Vorhaben, kommt man an der Website Tiny Houses nicht vorbei, die reichlich an Informationen, Hilfestellungen und Bildmaterial zur Verfügung stellt. Betrieben wird die Seite von Isabella, die auch prompt für ein paar Fragen zu haben war. Das will ich euch natürlich nicht vorenthalten:

 

E: Seit wann gibt es euch und was ist eure „Vision“?

I: Die Website tiny-houses.de existiert seit knapp drei Jahren. Die Initialzündung war damals ein SZ-Artikel über das Tiny-House-Movement in den USA. Mich faszinierte das Thema und ich habe daraufhin weiter recherchiert. Auch aus Eigeninteresse – für ein eigenes Bauprojekt. So entstand die Anbieterliste für Deutschland und Nachbarländer. Ich habe natürlich während der ganzen Zeit viele sehr schöne Beispiele gesehen, aber das Objekt in das ich sofort eingezogen wäre, war nicht dabei. Das liegt daran, dass ich was Ökologie und Baubiologie angeht, sehr hohe Ansprüche habe. Für mich kämen also weder Styropor als Dämmstoff, noch OSB-Platten vor einer Rahmenkonstruktion, noch sonstige bedenkliche Baustoffe in Frage. In dem Bereich der rundum „gesunden“ Häuser unter 100 qm Wohnfläche klaffte allerdings eine Marktlücke, deshalb habe ich vor eineinhalb Jahren begonnen, selber solche Häuser zu entwickeln. Der Markteintritt war dieses Jahr (Infos zu den Häusern gibt es unter www.ecohome42.de) und unsere Vision ist natürlich, dass dadurch möglichst viele Menschen ein qualitativ hochwertiges und gesundes Zuhause bekommen.

 

E: Wie ist die Resonanz in Deutschland?

I: Der Zuspruch, den unsere Website erhält, ist enorm, aber es geht den deutschen Besuchern eher um eine „relative Verkleinerung“ und „Finanzierbarkeit eines eigenen Daches über dem Kopf“. Wenn du diese Leser nach den amerikanischen „Tiny Houses“ mit 10-15 qm Wohnfläche fragst, dann können sich die wenigsten vorstellen, darin tatsächlich dauerhaft zu leben. In Deutschland sind Häuschen mit 50-80 qm generell beliebter (und – was die Bauvorschriften betrifft – ein realistischeres Projekt). Aber die Tiny Houses sprechen einfach die Abenteuerlust an und das Bedürfnis, weniger komplex zu leben.

 

E: Wie ist der Erfahrungswert was Baugenehmigungen angeht? Stellt das häufig ein Problem dar oder ist das eher Formsache?

I: Das kommt ganz darauf an, WAS und WO man bauen will. Wer davon träumt, sich ein Tiny House einfach irgendwo an den Waldrand zu stellen, der kann das gleich knicken. Auf sogenannten „Freizeitgrundstücken“ darf nicht gebaut und gewohnt werden und auch im sogenannten „Innenbereich“, also innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile einer Gemeinde gelten strenge Vorschriften, sobald das Haus Wohnzwecken dienen soll – teilweise sogar schon wenn die Hütte „Aufenthaltsraumcharakter“ hat. Tiny Houses lassen sich am besten als Nebengebäude aufstellen, wenn im Baufenster des betreffenden Grundstücks noch Platz ist. Bei Kleinhäusern, die wie die „Großen“ ohnehin eine ganz normale Baugenehmigung brauchen, besteht die Herausforderung eher darin den passenden Baugrund zu finden, denn die Bebauungspläne sehen für kleine, neu erschlossenen Grundstücke meist die Bebauung mit Doppelhaushälften vor. Wer nicht ortsgebunden ist, ist hier klar im Vorteil, denn in den (nicht mehr ganz so) „neuen“ Bundesländern, kann man sehr schnell fündig werden und kommt beim Kauf des Grundstücks im Durchschnitt weitaus günstiger weg. Einige Informationen zum Baurecht haben wir auf http://tiny-houses.de/minihaus-ratgeber-bauen/info-baurecht-minihaus/ zusammengestellt.

 

E: Bekommt man eine Genehmigung auch wenn man vorhat alles selber zu machen? (also sowohl Grundriss, Planung, Konstruktion etc.)

I: Auch das hängt vom jeweiligen Bauvorhaben ab. Wenn man ein echtes Tiny House bauen will, wäre es natürlich unverhältnismäßig einen Architekten hinzuzuziehen, aber die Punkte, die es beim Antrag zu beachten gibt, sind ziemlich komplex: Neben der Grundriss-, Ansichts-, Ausführungs- und Detailzeichnung, müssen dem Antrag Bauberechnungen, wie z.B. Bruttorauminhalt, Wohnflächen der Zimmer, Berechnung der Bauaußenmaße und Dachneigungen beigefügt werden. Es müssen zudem auch Energiestandards, Vorbeugung gegen Schimmelbildung und Schallschutz beachtet und nachgewiesen werden. Ein Fachmann hat da in der Regel den besseren Überblick. Am besten ist es, gleich zu Anfang mal beim zuständigen Bauamt nachzufragen, was alles benötigt wird.

 

E: Gibt es irgendwelche Daten oder Schätzungen wie viele Tiny Houses es in Deutschland schon gibt, vor allem als Hauptwohnsitz?

I: Daten hierzu sind mir nicht bekannt, aber nach meiner Erfahrung mit dieser Nische schätze ich, dass es in Deutschland höchstens ein Dutzend der „echten“ Tiny Houses auf Rädern gibt. Das liegt an unserem Bau- und Straßenverkehrsgesetz. Für Tiny Houses eine Straßenzulassung zu bekommen, ist mindestens genauso schwierig, wie eine Baugenehmigung zu erhalten. Einfacher geht das mit den Bau- oder Zirkuswagen. Diese haben bei uns daher eine Tradition und die Zahl der Menschen, die in Bauwagen (teilweise zusammengeschlossen zu Wagenburgen) leben, ist schon wesentlich höher.

 

E: Muss man mit sich selbst im Reinen sein, um in einem so kleinen Haus zu wohnen? Auf engerem Raum ist man vermutlich mehr mit sich selbst konfrontiert, oder?

I: Das ist eine gute Frage. Zumindest sollte man sich selbst gut kennen. „Mit sich im Reinen“ klingt schon sehr abgeklärt. Ich denke, man kann den Einzug in ein Tiny House auch als Abenteuer sehen, mit dem Ziel mit sich selbst ins Reine zu kommen. Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und die Fähigkeit zur Selbstreflektion sind zweifellos Eigenschaften, die dabei sehr hilfreich sind. Wenn man sich wirklich in sein kleines Haus zurückzieht und es nicht einfach nur als „Base“ nutzt, nach dem Motto „Mehr brauche ich nicht, ich bin ja ohnehin ständig auf Achse“, dann gewinnt man zweifellos – wie schon Prentice Mulford („Unfug des Lebens und des Sterbens“) oder Henry David Thoreau („Walden“) im 19. Jahrhundert – fortwährend neue Erkenntnisse über sich selbst und das Leben. Von Thoreau stammt das Zitat:

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar.“

 

An dieser Stelle noch mal herzlichen Dank für das Interview.

Das ganze freut mich, denn man sieht dann doch eher selten Entwicklungen von denen man halbwegs pauschal “Das geht in die richtige Richtung” sagen kann. Das würde ich hier aber auf jeden Fall. Vor allem die Idee der Modulhäuser finde ich sehr interessant. In einer Gesellschaft in der immer mehr Menschen alleine wohnen und die Familie an sich kleiner wird, ist ein großes Einfamilienhaus irgendwie auch einfach nicht mehr angemessen.

Ich könnte mir sehr gut vorstellen in so einem Haus zu wohnen, bin da vielleicht als armer Student in kleinem Zimmer aber auch im Vorteil. Dabei geht es meiner Meinung nach nicht mal darum wo man am Ende wohnt, sondern eher darum, wie sehr man selber den größer-schneller-weiter-mehr-Wettbewerb mitmachen will, der uns jeden Tag entgegenschwappt. Und auch, dass es zum „normalen“ Einfamilienhaus, irgendwo mit aufgenommenem Kredit hingestellt, durchaus Alternativen gibt.

Für mich persönlich liegt das eigene Heim noch gefühlt weit in der Zukunft, aber mich hat das Ganze trotzdem zum Denken angeregt. Vielleicht geht es euch ja genauso.

  • Mug$Money

    Schick

  • Luise Gleason

    Toller Beitrag! Ich freue mich sehr, dass inzwischen auch in Deutschland mehr ueber „tiny houses“ geredet wird. Ich bin selber Deutsche, lebe aber seit vier Jahren in den USA und baue gerade ein „Tumbleweed Tiny House“ mit meinem Mann, in welchem wir die naechsten Jahre leben wollen. Es stimmt schon, dass dieser Lebensstil den meisten Menschen wohl nicht gefallen wuerde, aber fuer uns ist ein kleines Haeuschen ein grosser Traum mit dem wir hoffentlich weitere Traeume erfuellen koennen (einfachere and naturnahe Lebensweise, mehr Zeit fuer die eigenen Hobbies als immer nur fuer das liebe Geld zu „schuften“ usw.). Henry David Thoreau ist einer meiner Lieblingsauthoren und seine Werke definitiv ein Wegbegleiter in meinem Leben.

    Ein paar Dinge wollte ich ganz gern noch erwaehnen:

    „In Amerika ist das hauptsächlich eine Frage der Einstellung, denn dort braucht man für ein tiny house keine Baugenehmigung, und ich vermute mal, man darf das auf seinem Grundstück dann auch hinstellen wo man will.“
    Sooo einfach ist das hier nun auch wieder nicht… Ganz im Gegenteil, man darf ein „tiny house“ nicht einfach hinstellen wo man will, vor allem nicht auf einem Wohngruendstueck, denn auch in den USA gibt es Bauvorschriften, und die „Wichtigste“ davon ist die Mindestgroesse eines Hauses. Ein „tiny house“ erreicht dieses Wert, der von Staat zu Staat und Stadt zu Stadt unterschiedlich ist, lange nicht, und von daher leben die meisten, wenn nicht sogar alle Eigentuemer eines kleinen Hauses illegal bzw. versteckt, um den Bauvorschriften zu entkommen. Da die USA ein weites Land ist und sich viele Staedte ueber weite Gebiete erstrecken ist das hier auch leichter als es in Deutschland waere. Viele Menschen stellen ihr Haeuschen auf Farmen oder in RV-Parks ab, von Wohngrundstuecken versucht man eher fern zu bleiben, denn das ist definitiv am „Gefaehrlichsten“.

    Ein wichtiger Aspekt, der den „tiny Houses“ zu Gute kommt, ist, dass man sie als „Camper“, „mobile home“ oder „RV“ registrieren kann (wenn auf einem Anhaenger erbaut, so wie unseres), und damit entfallen viele Bauvorschriften. Man darf zwar in solchen Gefaehrten nicht ganzjaehrig wohnen, aber das wird weniger kontrolliert. Um das Debakel mit der Buerokratie noch komplizierter zu machen, kommt dann auch noch dazu, dass man, wenn man’s schlau macht, sich nach einer Versicherung fuer das Haeuschen umsieht. Aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema, so viel wollt ich gar nicht schreiben…

    Was den Film „tiny, a story about living small“ angeht, so ist er genau das, was der Titel gesagt: Eine Geschichte, ueber das „kleine“ (einfache Leben), und nicht ueber den materiellen Bau eines „tiny houses“. Ich finde ihn sehr gelungen, denn er spiegelt das Weltbild der „tiny house community“ wider, motiviert, inspiriert, ermutigt, bewegt. Es gibt genuegend Internetseiten, wo die Schritte zur Konstruktion eines kleinen Haeuschens veranschaulicht werden. Wir haben neben unserem Anhaenger und einem Wochenendseminar sogar Bauplaene von der Tumbleweed Tiny House Company gekauft…

    Ich halte unseren Baufortschritt und unsere Erlebnisse waehrend des Baus auf unserem Blog fest (auf englischer Sprache) – http://www.runawayshanty.com – und wuerde mich ueber Meinungen und Anregungen sehr freuen!

    • http://doktorpeng.de Doktor Eck

      Hallo Luise,
      schön, dass dir der Artikel gefallen hat und danke für das Feedback. Das klingt ja dann doch eher kompliziert auch in Amerika, auch wenn es immerhin „genug“ Grauzonen zu geben scheint. Ich habe einen Verweis auf deinen Kommentar an entsprechender Stelle eingefügt.

      Euer Blog gefällt mir sehr gut. Ich finde vor allem die offene Auflistung der Kosten stark, dass gibt irgendwie nochmal eine andere Perspektive auf das ganze und macht deutlich, was für ein Riesenprojekt so ein kleines Haus eben ist. Als Anregung wäre es da vielleicht sinnvoll auch eine Gesamtsumme anzuzeigen, dann muss man nicht selber überschlagen ;). Ich drücke euch natürlich die Daumen, dass alles nach Plan verläuft, und werde sicher immer mal wieder vorbeischauen, wie es voran geht.

      • Luise Gleason

        Hallo Doktor Eck,

        vielen Dank fuer das positive Feedback und fuer den nachtraeglichen Kommentar im Artikel. :)

        Hinsichtlich der Auflistung unserer Kosten habe ich schon einige Kommentare gehoert, vor allem weil wir damit vielen Interessierten einen genaueren Ueberblick geben koennen – etwas, das wir bei unserer Recherche nicht wirklich finden konnten. An die Gesamtsumme habe ich noch gar nicht gedacht, aber werde ich definitiv noch anfuegen, spaetestens wenn der Bau des Hauses abgeschlossen ist. Ich freue mich, dass Ihnen unser Blog gefaellt. Es ist ein kleines, grosses Abenteuer fuer uns und ich hoffe, dass wir damit andere Menschen inspirieren koennen.

  • Klaus Toczek

    Tiny-House auf Rädern: http://www.toczek.name

  • pascal

    http://tiny-house-rheinau.de/
    Hier die erste Firma in Deutschland die tiny houses professionell baut