Wir veröffentlichen den kompletten Roman „Magische Rosinen“ von Joshua Groß komplett auf Doktor Peng!. Hier geht es zum ersten Kapitel. / Hier findet Ihr das Inhaltsverzeichnis.

In „Magische Rosinen“ fangen der Rapper Mascarpone und die Politikerin Sahra Wagenknecht eine Affäre an. In New York machen sie sich auf die Suche nach den magischen Rosinen – einem Wundermittel zur Befreiung des menschlichen Bewusstseins.

Im Interview erzählt uns der Schriftsteller mehr über seinen Umgang mit popkulturellen Referenzen, politischen Aussagen und seine Verortung in der Literaturgeschichte. Das Interview führte Doktor Schwarz.

 

Hallo Joshua, in „Magische Rosinen finden sich unzählige popkulturelle Referenzen. Das Buch fängt direkt mit einer Eloge über Atomic Kitten an. Schnell geht es weiter mit Nolans Batman Filmen und Jay-Z. Wie ist das als junger deutscher Autor, der einerseits politisch schreibt und andererseits auf Literatur und Popkultur referiert? Wie viel Referenz darf es sein? Wann wird es zu viel?

Über die universitäre Bildung kommt man da gar nicht drum herum, sich mit der Referenzwelt auseinanderzusetzen. Da heißt es ja, dass der Roman tot ist. Das wird auch jedes Jahr wieder feuilletonistisch ausgebreitet. Der Autor wird sowieso als tot beschrieben, weil er gar nicht mehr mitgelesen werden soll. Es soll eigentlich nur noch Text existieren und der ist unabhängig von dem, der schreibt.

Früher hat man immer gedacht: „Was sagt der Autor? Was will der sagen? Was hat der für ein Anliegen?“. Irgendwann hat man sich vielleicht gesagt: „Eigentlich ist es scheißegal, was der Autor will. Wir können eigentlich selbst sagen, was das Buch sagt. Wir brauchen den Autor nicht. Wir brauchen nur noch den Text.“

Das ist ja auch ein substanzieller Bestandteil von Postmoderne, dass man sich an so einem kulturellen Dead End zu befinden scheint, wo man nur noch aufwärmen und zusammenschustern kann, was sowieso schon da war.

In meinem ersten Buch „Der Trost von Telefonzellen“ habe ich das viel extremer gemacht. Und da beginnt auch schon, was ich hier in „Magische Rosinen“ konsequent weitergeführt hab: Bands und Schriftsteller dazu zu erfinden. Um zu zeigen, dass nicht schon alles da war. Ich kann auch tausend Sachen dazu erfinden.

Ich fange aber auch nicht mit den Referenzen an. Aus der Aussage, die ich treffen möchte, entwickle ich eine Geschichte und erst in letzter Instanz kommen die Referenzen rein. Das sind eher Spielereien, die unabhängig von der Gesamtdramaturgie, von der Gesamtaussage sind.

Das mit Atomic Kitten soll auch nur zeigen, in was für einer Sphäre sich diese Figur gerade befindet.

 

Das fand ich ganz lustig, weil wir ja auch ungefähr gleich alt sind und ich mich an das angesprochene Musikvideo noch sehr gut erinnern kann. Die Magic Raisins, die Surfpop-Band im Buch, ist ja auch von dir erfunden oder? Auf Google habe ich sie nicht gefunden.

Der Anspruch ist, dass es auf den ersten Blick nicht klar ist. Die Band kann existiert haben. Ich will, dass sich ein Kosmos bildet, der so zerstückelt ist aus Fakten und absurden oder erfundenen Dingen, dass man sich in dieser Sphäre völlig verlieren kann. Sobald du als Leser rumgoogelst, ob es die Magic Raisins wirklich gibt, ist dieses Ziel erreicht. Der Leser soll eben nicht denken: „Ja gut: das hier ist eine Referenz auf dies und das hier auf jenes.“

 

Wenn man dir zuhört, dann merkt man ja, dass du dich stark mit der Literaturgeschichte auseinandersetzt. Reflektierst du viel darüber, wie du dich da verortest, wenn du was schreibst? Denn vielen Schriftstellern ist es sicherlich völlig egal, was die Geschichte der Literatur oder der Literaturkritik ist.

Ich glaube, Literatur kann nicht ohne ein fundamentales Lesestudium geschrieben werden. Ich versuche so viel zu lesen, wie es geht. Was mich nämlich am meisten an deutscher Gegenwartsliteratur stört, ist, dass sie so herkömmlich und berechnend ist. Dass da überhaupt keine Finesse im Umgang mit Literatur und mit dem, was war, existiert. Wenn man schon über den Punkt hinaus ist, an dem die Leute sagen, dass in der Postmoderne nichts Neues mehr geht und der Autor nichts mehr zählt, habe ich aber den Anspruch, dass ich trotzdem noch etwas Neues schaffen will. Dass der Autor tot sein soll, finde ich lachhaft. Wenn man aber nicht nur reproduzieren möchte, dann muss man gucken, was denn schon alles bespielt wurde. Verschiedene Erzählfiguren gab es eben schon bei Homer oder Dante.

Das eigene Schreiben versuche ich trotzdem unschuldig zu gestalten. Ich versuche zu experimentieren. In „Magische Rosinen“ gibt es zum Beispiel den Rapper Mascarpone und die Politikerin Sahra Wagenknecht, ein völlig gegensätzliches Paar. Was passiert denn eigentlich, wenn man die zusammenwirft? Ich habe die Parameter und dann schaue ich, was passiert. Aber das mache ich schon in dem Bewusstsein, dass ich nicht wiederholen will, was es sowieso schon tausendmal gibt, dass ich mich da absetzen will. Aber sobald das Schreiben losgeht, versuche ich, nicht verkopft zu sein. Sobald das Schreiben losgeht, muss der Kopf fast schon aus sein.

 

Und das merkt man ja auch am Buch, dass man nicht Literaturwissenschaften studiert haben muss, um zu verstehen, was da abgeht. Mich hat „Magische Rosinen“ stark an Haruki Murakami und generell die Gattung des Magic Realism erinnert. Siehst du dich da auch?

Ich hab auch einiges von Murakami gelesen, bin mir immer noch nicht so sicher, ob ich den für einen guten Autoren halte. Ich weiß nicht, ob der ein großer Autor ist oder einfach nur catchy. Aber was der gut macht, ist das filmische Erzählen. Wenn man die Referenzen und Kontexte ausblendet, ist es immer noch eine Geschichte.

Und „Magische Rosinen“ soll eigentlich auch nur ein B-Movie sein. Aber eben bestückt mit einer literarischen Ambition und einem inhaltlichen Anspruch. Es ist kein theoretisches Pamphlet. Die Erzählung selbst muss gut sein.

 

Ich fand an „Magische Rosinen“ so spannend, dass da immer sehr viel politische Reflektion im Subtext mitschwimmt. Denn die Wagenknecht schickt Mascarpone ja auf die Reise, um die Magischen Rosinen zu finden, eine bewusstseinserweiterende Droge, um die Weltrevolution stemmen zu können.

Ja, das ist mein Versuch eines humorvollen Umgangs mit der abgefuckten Welt. Diese maximale Überspitzung. Die Magischen Rosinen sind ein MacGuffin, aber auch ein Sehnsuchtsmittel, die Hoffnung, dass trotz all dem Beschissenen, Krisenanfälligen, der Abgefucktheit eine Verbindlichkeit existiert, dass sich die Menschen zusammenraffen können. Es muss eine Reaktion auf das vermeintlich Unausweichliche geben.

Auch die Merkel bezeichnet ja immer alles als alternativlos: Klimakrise, Flüchtlingsansturm, Reaktion auf die Finanzkrise. Es wird auf einen absoluten Abgrund hingesteuert. Damit beschäftige ich mich schon lange. Es gibt in Deutschland aber eine ordentliche Menge an Philosophen, Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlern, die das erkannt haben. Die sagen, es kann nicht sein, dass wir sehenden Auges auf diesen Abgrund hinzusteuern. Irgendwann muss man wieder anfangen, sich ernst zu nehmen und sich eine Form von Handlungsfähigkeit zuzusprechen.

Diesen Umschwung habe ich versucht, in „Magische Rosinen“ bildlich darzustellen, dass die Wagenknecht nicht nur rumphilosophiert und theoretisiert. Irgendwann wird es praktisch. Genau da geht die Gangstergeschichte los. Die Suche nach den magischen Rosinen, etwas Physischem, das sich in der Welt befindet. Da gibt es dann eine praktische Lösung und es muss gehandelt werden.

 

Zurzeit frage ich mich oft: Was erzähle ich meinen Enkeln wenn die mich fragen: ‚Was hast du eigentlich gemacht, als Ihr vor 50 Jahren die Welt zu Grunde gerichtet habt?‘“ Siehst du da eine Lösung in linker Politik? Von Sahra Wagenknecht zum Beispiel? Suchst du da auch nach einer Lösung für dich selbst?

Klar suche ich die. Aber ich sehe sie auf keinen Fall in deutscher Parteipolitik. Was heute oft mitschwingt, ist, dass kleine Veränderungen nichts bringen. Nur wenn du komplett richtig lebst, sollst du etwas verändern können. Das ist dermaßen intolerant und lächerlich. Aber man kann eigentlich keine der deutschen Parteien wählen, weil sich keine davon wirklich mal ernsthaft gegen den Hyperkapitalismus ausgesprochen hat. Ich finde aber genau die Lösungen, die nicht zu 100 Prozent radikal oder konformistisch sind, spannend. Gerade diese Form von Umdenken auf einer persönlichen und kleineren Ebene.

Gerade wenn man sich fragt: „Was erzähle ich eigentlich in 50 Jahren? Was habe ich gemacht?“, dann muss man sich ernst nehmen. Denn von der Werbung wird ja gerade das Gegenteil suggeriert: „Denk überhaupt nicht nach, was überhaupt mal irgendwann ist. Hol dir jetzt gleich das neue iPhone!“ Dieser „Moment“ der zum Beispiel in der Zigarettenwerbung stilisiert wird. Man existiere nur in diesem Moment der Zigarette. Der ist völlig losgelöst aus jedem Kontext. Der funktioniert ohne Vergangenheit und Zukunft. Und gerade, wenn man sich fragt: „Was erzähle ich in 50 Jahren?“, dann kommt sowas wie Zukunft wieder ins Spiel und damit eine Verantwortung. Ich glaube nicht, dass man dazu Parteipolitik braucht, um selbst eine Verantwortung für die Zukunft übernehmen zu können.

 

Aber ist das nicht widersprüchlich, wenn du sagst, dass man im Persönlichen kleinteilig an einer besseren Welt arbeiten darf, die Parteipolitik aber komplett das System des Kapitalismus in Frage stellen muss?

Ein Parteiprogramm hat schon eine andere Funktion als meine persönliche Auseinandersetzung, denke ich. Aber nur weil ich das System ablehne, werde ich morgen vielleicht trotzdem ’ne Coca Cola trinken. Da hat man ja schon verloren, wenn man ’ne Coca Cola trinkt. Keiner von uns wird es schaffen, auf alles zu verzichten. Aber man kann ja trotzdem einen Gestus entwickeln, der das kritisch sieht. Nur selbst darf man sich nicht verdammen, wenn man dem nicht in jeder Sekunde nachkommt. Man muss sich ernst nehmen, aber man darf sich auch nicht geißeln. Bei Camus gibt es da einen guten Satz: „Der Mensch ist nicht vollkommen schuldig, denn er hat die Geschichte nicht begonnen, doch auch nicht unschuldig, da er sie ja fortführt.“

 

Ach, da haben Die Ärzte das geklaut.

Ah, ich kenne das nur von Camus.

 

Den zweiten Teil des Interviews findet Ihr hier. Darin geht es um das Leben als junger, deutscher Literat und Joshuas Beziehung zum Deutschrap.