Letztens mal wieder beim alljährlichen WG-Casting:

Man führt schonungslos unehrlichen Smalltalk über Sportarten („ja, jeden Tag Fitness!“) und Abspülgewohnheiten („noch lieber und häufiger als Fitness!“). Nach einigen erfolglosen Versuchen, den langweiligen Bewerber loszuwerden, landet man dann doch bei der Frage:

„Und…was hört ihr so für Musik?“

Meine Mitbewohnerin gibt eine bemerkenswerte Antwort. „Ich höre ja auch so Indie und Elektro… und dann manchmal noch Trash“, sagt sie mit einem etwas verlegenen Lachen, rollt die Augen zur Decke und winkt ab. Ich beginne unmerklich mit den Zähnen zu knirschen und will sie an den Schultern rütteln und brüllen: „Was zum Teufel meinst du damit?“

Doch ich weiß, was sie meint, denn man hört es ja täglich aus den benachbarten vier Wänden schallen. Wenn sie sagt „Indie und Elektro“, dann meint sie Flume, Chet Faker, SBTRKT, all den hippen Kram, wie er laut Musikexpress & co. zum guten Ton des musikalisch Bewanderten gehört. Und wenn sie sagt „Trash“, dann meint sie damit catchy Popsongs, wie sie in der Spotify-Werbung angepriesen werden, wie sie in den Kleinstadtclubs laufen, mit quietschenden Männerstimmen, die heiße Frauenkörper besingen bis der Drop einen zu erlösen meint.

Sie nennt das Trash und distanziert sich damit ironisch zu der Musik. Sie will sagen: Ich höre das nur uneigentlich. Ich genieße das nicht wirklich. Ich feiere das ironisch ab.

Mädchen, ich muss dir und allen unter ähnlichen Symptomen leidenden leider eine vermutete Diagnose stellen: Vielleicht hast du bloß einen beschissenen Musikgeschmack.

Zuerst einmal zu der Definition von Trash:

Musik ist Trash, wenn sie schlecht produziert ist, wenn sie gewollt und nicht gekonnt ist und dadurch kultig wird (oft auch absichtlich), wenn dort banalste Wörter hundertfach wiederholt werden. Ganz einfache Charts-Popmusik ist gut produziert, hat eine glatte Oberfläche und ja, es mögen einige nicht allzu intellektuelle Begriffe oft wiederholt werden. Doch wenn Justin Bieber „Baby, Baby, Baby, ooh“ singt, ist das anders, als wenn Helge Schneider „Käsebrot ist ein gutes Brot“ in Endlosschleife zum Besten gibt.

Justin meint es ernst und singt ganz einfach ein simpel gestricktes aber ehrliches Liebeslied. Helge Schneider hingegen besingt das Käsebrot aufgrund seiner Banalität. Das ist gewollter Trash und ja, das kannst du auch abfeiern – nur nicht, weil du es ironisch findest, sondern ganz einfach, weil es witzig ist. Da geht es dann nicht mehr so sehr um Musik, sondern auch um Comedy und Sprachfeinheit.

Doch! Auch das ironische Abfeiern von Justin Bieber ist nicht möglich. Denn Ironie an sich ist ein Sprechakt. Ironie ist uneigentliches Sprechen, das in jedem Fall auch jemand hören muss. Ein Möchtegern-Youtube-DJ macht auf einer schlechten Hausparty Black Eyed Peas an, du klopfst ihm auf die Schulter und brüllst ihm mit strahlendem Lächeln ins Ohr: „Ach, herrlich, dass du mein Hochzeitslied spielst! Oah, danke, auf dich kann ich mich immer verlassen.“. Dann war das ein ironischer Sprechakt und zeigt, dass du eigentlich das Gegenteil aussagen willst.

Doch wenn du in deinem stillen Kämmerlein One Direction hörst und dazu voll Inbrunst einen halben oder gegebenenfalls ganzen Striptease hinlegst, dann ist da nix Ironisches mehr dran. Egal, was du dir selbst in dem Moment einredest: Du genießt die Musik. Natürlich ist es möglich, etwas konzeptuell abzufeiern, nämlich in Satire und Performance-Kunst: Wenn ganze Handlungsketten und Interaktionen als Kunstgeflecht dienen sollen und die Absicht eben die ist, herauszufinden, was diese dir eigentlich fremden Handlungen und Einstellungen mit dir und den anderen machen. Doch ganz ehrlich:

Du bist noch kein Borat und erst recht keine Abramovic, nur weil du nicht zugeben willst, dass Jason Derulo deine Hüften so richtig ins Schwingen bringt.

Denn du hörst diese Popmusik nicht als soziales Experiment, nein. Der einzig wahre Grund, warum du meinst, diese Musik ironisch zu hören, wenn du sonst nur verkopften Elektro hörst, ist die Angst, abwertend beurteilt, ja, verletzt zu werden. Diese Geschmackseingeständnisphobie ist vor allem in geisteswissenschaftlichen Studentenkreisen geläufig. Ich habe Neuigkeiten für dich:

Musik einfach nur genießen, weil sie catchy ist? Das darfst du.

Du darfst dir auf Sartre einen runterholen und über Krautrock-Einflüsse in der Radiohead-Diskographie schwafeln und direkt im Anschluss zu Nelly Furtado Nudeln mit Pesto kochen. Ja, du genießt Nelly Furtado! Du genießt ihre Musik vielleicht aus anderen Gründen und auf einer anderen Ebene als ein Kendrick-Lamar-Album (hoffentlich!), doch du hörst sie gerne und das kannst du nicht leugnen. Du willst anderen nicht die Möglichkeit geben, deinen sonst so lückenlosen Intellekt anzugreifen, dich zu verurteilen, bevor du die Chance hast, dich zu verteidigen. Sorry boys and girls, aber das geschieht eh jeden Tag unzählige Male. Und ist es nicht sowieso viel ehrlicher – und auf gewisse Weise intellektueller – sich die gelegentliche Liebe zum Banalen einzugestehen?

…“, schrieb sie und stellte Spotify schnell noch auf „Private Session“, bevor sie sich zum Feierabend die I Love Eurodance Topsify Top 40 Playlist reinzog.