Die Leipziger Buchmesse naht! Bevor uns die Titel neuer BuchpreisträgerInnen verkündet werden, hier noch drei Perlen der letzten Monate:

Daniel Kehlmann, Du hättest gehen sollen
Rowohlt, Oktober 2016 (96 Seiten)

978-3-498-03573-0Eine junge Familie macht Urlaub in einem verlassenen Ferienhaus in den Alpen. Der Protagonist, ein Drehbuchautor, arbeitet an der Fortsetzung seiner erfolgreichen Fernsehkomödie. Die Stimmung zwischen dem jungen Paar ist angespannt, nicht zuletzt sollen ein paar Tage Alpenentspannung dabei helfen, die Beziehung wieder gerade rücken. Die Notizen des Protagonisten bilden die Dokumentation des jungen Familienlebens und dessen Konflikten, die Suche nach Inspiration und die merkwürdigen Beobachtungen ab, die er in dem Ferienhaus macht. Denn irgendetwas stimmt hier nicht…

Daniel Kehlmanns neuester Streich ist erstaunlich schmal geraten. In ihm erkundet der Autor die literarischen Möglichkeiten des Unheimlichen. Dabei wird tief in die Kiste der Narrative gegriffen: Das quer durch die Literaturgeschichte existente Spiegelmotiv findet hier seine moderne Entsprechung, sowohl Erzählelemente des Magischen Realismus à la Garcia Marquez als auch poststrukturelle Experimente, die an Luis Borges Ficciones erinnern, werden aufgegriffen. Kehlmann fragt hier nicht nur offensichtlich nach den literarischen Verfahren der Erzeugung des Unheimlichen, sondern vollführt das Moment der Spiegelung in die Tiefenstruktur des Buches hinein und aus diesem heraus.

Der Protagonist der Erzählung ist Drehbuchautor, die Sprache des Romans betont wiederum das Figurative und spielt gleichsam an auf filmische Vorlagen, beispielsweise Kubricks berühmte King-Verfilmung The Shining. Wer möchte, kann auch die Schreibkrise des Protagonisten und die Kürze des neuen Kehlmannwerks in eine solche Beziehung setzen.

Worin liegt das eigentlich Unheimliche des Textes? Mit Freud gesprochen beginnt dieses in dem Fremdwerden, des Heim-lichen, das besonders Gewohnte wird unter bestimmten Umständen un-heimlich. Dies vollzieht Kehlmann gekonnt, in dem er seiner Erzählung nicht zuletzt einen Titel verliehen hat, der sich zweifach verstehen lässt. Du hättest gehen sollen ist eine geschickt konstruierte Erzählung, in der Kehlmann traditionelle Formen des Schauerromans in einen zeitgenössischen Rahmen einbettet.

Doktor Innen

 

Marco Balzano, Das Leben wartet nicht
Diogenes, 22. Februar 2017 (304 Seiten)

das-leben-wartet-nicht-9783257069839Ninetto Giacalone wird als Kind armer Landarbeiter im sizilianischen San Cono geboren. Das Leben ist hart, zu essen gibt es wenig, und schon nach ein paar Jahren Grundschule muss der Junge, der von seinen Mitschülern den Spitznamen pelleossa (Haut und Knochen) erhielt, auf dem Feld arbeiten, um die Familie zu unterstützen.

Giuvá, einer der Feldarbeiter, plant nach Mailand auszuwandern und fragt Ninetto, ob er nicht mitkommen wolle. Der Neunjährige entschließt sich zunächst widerwillig, sich auf das Abenteuer einzulassen. Im Treno del Sole, dem Zug gen Norden, fahren die beiden in eine ungewisse Zukunft.

Kaum in Mailand angekommen beginnt Ninetto zunächst als Bote zu arbeiten. Zusammen mit Giuvá wohnt er bei dessen geizigen Verwandten in einer viel zu engen Wohnung. Der Junge muss fast sein komplettes Einkommen als Miete abgeben und wird auch noch von Giuvá bestohlen. Es kommt zum Bruch zwischen den beiden, und Ninetto schlägt sich auf eigene Faust durch. Kaum fünfzehnjährig lernt er die ebenso junge Maddalena kennen, die mit ihrem Onkel nach Mailand gekommen ist. Er verliebt und entschließt sich Hals über Kopf, sie zu heiraten. Dazu müssen die beiden in Ninettos Heimatdorf, da kein Priester in Mailand zwei Teenager verheiraten wird.

Nach der Hochzeit folgen die Geburt der gemeinsamen Tochter und 38 lange Jahre, in denen Ninetto in der Fabrik von Alfa Romeo schuftet, erst an der Maschine, dann als Staplerfahrer. Ein eintöniges Leben, bis er eines Tages einen folgenschweren Fehler begeht. Heute, etwa 50 Jahre nach seiner Ankunft in Mailand, ist die Stadt eine andere. Er erkennt sich in den Neuankömmlingen, den Einwanderern aus China und Afrika, wieder. Ihn plagt das Gefühl, sein Leben verwirkt zu haben, flüchtet sich ins Schweigen.

Marco Balzano weiß genau, worüber er schreibt. Zwar ist der Autor in Mailand geboren, doch stammen seine Eltern ebenso wie der kleine Ninetto aus Süditalien. Darüber hinaus führte Balzano zahlreiche Interviews mit Süditalienern, die als Kinder in den Fünfziger Jahren alleine in den Norden kamen, um dort Arbeit zu finden. Zur damaligen Zeit konnte man tatsächlich von Auswandern sprechen, wenn jemand beispielsweise von Sizilien nach Mailand oder Turin zog. So groß waren die Unterschiede dieser Regionen, wirtschaftlich, sprachlich und kulturell. Ebenso groß war leider auch die Abneigung vieler Norditaliener ihren südlichen Nachbarn gegenüber.

Das Leben wartet nicht ist ein zutiefst berührendes Buch. Balzano vermag es geschickt und mit einem Höchstmaß an Empathie, dem Leser das Schicksal des kleinen Ninetto auf verschiedenen Zeitebenen nahezubringen. Man ahnt schnell, dass etwas schief laufen wird, dass er das erwartete Glück nicht in seiner Gänze im Norden finden wird, doch bleibt es durchgehend spannend, die verwobenen Fäden der Geschichte auseinander zu knoten, um Klarheit zu erlangen. Marco Balzano ist ein feinfühliges Buch über das Fremdsein im Allgemeinen, die (inner-)italienische Emigration im Speziellen und deren Folgen für den Einzelnen gelungen.

Doktor Novelero

 

Giwi Margwelaschwili, Die Medea von Kolchis in Kolchos
Verbrecher Verlag, Dezember 2016 (168 Seiten)

1692_LWo beginnen? So etwas habe ich bisher noch nicht gelesen. Vielleicht am ehesten bei Luis Borges, dessen Ficciones bereits in der Vorstellung zu Kehlmanns Erzählung genannt wurden.

Dieser Roman des lange Jahre in Deutschland lebenden Geogiers Margwelaschwili ist Metafiktion im wahrsten Sinne. Der Erzähler des Romans ist ein sogenannter künstlicher Leser, der vom realen Autor Wakusch beauftragt wurde, die Romanwelt im Lesen zu ergründen, da sich reale Leser schon lange nicht mehr darin aufhielten. Was passiert mit den Figuren eines Romans, wenn sie gerade nicht gelesen werden? Sie verhalten sich athematisch, lautet die Antwort dieses Textes. Weiterhin verhandelt sie die Unterschiede der Buch- und der Standbildwelt, denn die im Titel genannte Medea von Kolchis in Kolchos bezeichnet eine Statue, die am georgischen Schwarzmeerstrand steht und im Laufe der (athematischen !) Handlung dazu veranlasst wird, die Medea von Christa Wolf zu lesen.

Giwi Margwelaschwili hat eindeutig einen Roman für LiteraturliebhaberInnen, wenn nicht sogar LiteraturwissenschaftlerInnen geschaffen, die Freude daran haben, sich beim Lesen in ihren Gedanken über den Akt des Lesens als solchen zu verknoten. Natürlich bleibt auch diese Autorintention nicht unerwähnt. Metafiktion eben.

Doktor Innen