Was nur lesen? Die Menge literarischer Neuerscheinungen ist schier überbordend. Die Leseratten unserer Redaktion stellen ab sofort ausgewählte Werke der Saison vor, geben Leseempfehlungen oder raten guten Gewissens ab.

Lluís Llach, Die Frauen von La Principal

Luchterhand, März 2016 (319 Seiten)

17672Katalonien, Ende des 19. Jahrhunderts. Das Weingut der wohlhabenden Familie Roderich, La Principal genannt, fällt der Reblaus zum Opfer und Tochter Maria erbt das Anwesen – zum Leidwesen ihrer Brüder. Für Maria jedoch ist dieses Erbe eine herbe Enttäuschung, bedeutet es doch, bis an ihr Lebensende an dieses Stück Land gebunden, dort gefangen zu sein. Und doch nimmt sie das Schicksal der Ländereien in die Hand, macht das Gut wieder erfolgreich und wird zur mächtigsten Frau der Gegend. Jahrzehnte später erscheint der Polizei-Inspektor Recader auf dem Anwesen, um Ermittlungen zu einem Mordfall wieder aufzunehmen, der sich in den Wirren kurz vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges im Umfeld der Principal ereignet hatte. In den Verhören stellt sich heraus, dass es sich hier um eine Tat handelt, die weitere Kreise zieht und bei Bekanntwerden einen Skandal heraufbeschwören würde.

Mit den Ermittlungen scheint das auch das Genre des Romans zu wechseln – von einer Familiensaga zu einem Kriminalroman. Der in seiner Heimat vor allem als Sänger und Liedermacher bekannte Lluís Llach zeichnet ein über drei Generationen dauerndes Sittenbild des Kataloniens in der Zeit vor dem Bürgerkrieg und während der Diktatur Francos. Trotz ein paar stilistischer Schwächen und der Tatsache, dass die drei Maria getauften Protagonistinnen durchaus für Verwirrung sorgen können,  hat Llach hier einen äußerst lesenswerten Roman geschaffen, der den Leser schnell für sich einnimmt.

Doktor Novelero


Irmgard Keun,
Kind aller Länder

Kiepenheuer & Witsch, Februar 2016 (224 Seiten)

97834620489711938 erschien dieser Exilroman Irmgard Keuns erstmals. Nach den Erfolgen des Kunstseidenen Mädchens blieben die im Exil verfassten Texte Keuns aufgrund eines Verbotes in Deutschland lange Zeit eher unbeachtet. Erst 1979 wurden diese Romane wiederentdeckt. Kiepenheuer & Witsch haben das Buch nun neu verlegt.

Kind aller Länder schildert ein ungewöhnliches Emigrantenleben aus der Sicht der 10-jährigen Kully. Naiv und herrlich treffend beschreibt Kully das gehetzte Leben ihrer Eltern. Ihr ruheloser Vater ist Schriftsteller und die meiste Zeit auf der Suche nach Geld, mit dem sich das jeweilige Hotel bezahlen lässt. Kully und ihre Mutter warten auf ihn, vertrösten seinen Verleger oder bleiben als „Pfand“ in teuren Restaurants oder Hotels zurück.

Kully – ein Freigeist wie ihr Vater – hat einen interessanten Blick auf die Welt, auf das zeitpolitische Geschehen, auf Hitler und Mussolini und den Lebensstil ihrer Eltern. Quer über den europäischen Kontinent und bis in die USA schildert Kind aller Länder das Leben aus der Sicht eines heimatlosen Kindes und die Geschichte eines ungleichen Paares. In ihrer Abhängigkeit von einem Mann, der weder Ruhe noch gesicherte Verhältnisse sucht, finden sowohl die Mutter als auch Kully keine Stabilität.

Ein melancholischer und zugleich humorvoller Roman. Kullys direkt-naive Schilderung der Erlebnisse ist eben nicht sprachlich überbordend (nicht ohne Grund bezeichnet man Keun als eine der Autorinnen der Neuen Sachlichkeit), eröffnet aber neue Erklärungsmöglichkeiten. So lernen wir beispielsweise von ihr, dass reiche Menschen eben deshalb reich sind, weil sie anderen so ungern etwas von ihrem Geld abgeben.

Doktor Innen


Ulrich Raulff,
Das letzte Jahrhundert der Pferde

C.H. Beck, Januar 2016 (461 Seiten)

9783406682445_largeEs ist schon erstaunlich, dass gerade der renommierte Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff, Vertreter eines schon lange angezählten, Hornbrillen tragenden, Pfeife rauchenden, in alten Folianten wälzenden Intellektualismus, mit einen fulminanten Werk einen der oftmals so weltfremd anmutenden Ansprüche der Avantgarde einlöst: Die Überwindung der anthropozentristischen Perspektive auf die Welt.

So erzählt Das letzte Jahrhundert der Pferde Kulturgeschichte aus der Sicht des Tieres.

Raulff wirft einen wehmütigen Blick auf das Zugrundegehen eines Jahrtausende überdauernden Paktes zwischen Mensch und Tier. Ohne das gezähmte Pferd als Lieferant kinetischer Energie wäre die Weltgeschichte wohl in anderen Bahnen verlaufen. Von der Frühgeschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein diente es als das ultimative lebende Werkzeug in allen Bereichen des Lebens, sei es in der Landwirtschaft oder der Kriegsführung, bis es nach dem zweiten Weltkrieg einen jähen Bedeutungsverlust und die Verbannung in die Welt des Hobbys erlebte.

Raulffs Werk erzählt die Pferdedämmerung nicht als stringenten, chronologischen Ablauf historischer Ereignisse, sondern nähert sich dem Thema ausgehend von drei Aspekten der Beziehung zwischen Mensch und Pferd: Energie, Wissen, Pathos. Das Pferd als Arbeitstier, als Gegenstand der Wissenschaft und Künste, sowie als militärischer Akteur.

Die sehr umfassende Bildung des Autors ist dabei nicht zu übersehen. Raulffs Sprache ist distinguiert und elegant, er ist ein Feuilletonist vom alten Schlag, der das Profane im ideengeschichtlichen Nexus schillern lässt. Doch ergibt sich so nicht selten der Eindruck, die Fakten würden durch Überfrachtung mit bildungsbürgerlichem Jargon künstlich in bedeutungsschwangere Höhen gehievt. Das macht die Lektüre des Werkes, bei aller Faszination für das Thema, mitunter mühselig.

Doktor Irrgang