Da ist er wieder, der Herbst. Damit die langen, dunklen Abende zu Hause auf bestmögliche Weise verbracht werden können, haben wir wieder ein vielfältiges Buchsortiment für euch zusammengetragen. Mit dabei ist der lang erwartete neue Kracht, Tagesanbruch von Hans-Ulrich Treichel und die beiden international viel beachteten Werke Die Vegetarierin der Südkoreanerin Han Kang sowie das Debüt The Girls der Amerikanerin Emma Cline.

Christian Kracht, Die Toten

Kiepenheuer & Witsch, September 2016 (224 Seiten)

Die Toten

Der neue Roman von Christian Kracht spielt wieder einmal in der Vergangenheit. Schauplatz ist diesmal das Berlin und Tokio der frühen dreißiger Jahre.

Während das Vorgängerwerk „Imperium“ vom kulturell-ästhetischen Nährboden des Nationalsozialismus in Form eines Abenteuerromans erzählt, handelt die „Toten“, in seinem dreiteiligen Aufbau orientiert am japanischen Nō-Theater, von der direkten Verbindung von Kunstwerk und Verbrechen, Kulturindustrie und Faschismus.

Emil Nägeli, ein melancholischer schweizer Regisseur, dessen Ruhm zu verblassen beginnt, wird durch die UFA beauftragt, eine überaus kostspielige Deutsch-Japanische Koproduktion, gegen die Vorherrschaft Hollywoods, den „US-Amerikanischen Kulturimperialismus“, auf die Beine zu stellen. Initiator des Projekts ist der zweite Protagonist des Romans, Masahiko Amakasu, ein in den Diensten des japanischen Kaiserreichs stehender, germanophiler Kulturbeamter.

Aus dieser aberwitzigen Prämisse entwickelt Kracht, ähnlich wie in „Imperium“,  eine rasante historische Erzählung, die auf geschickte Weise das Fiktive mit dem Realen verwebt. Von Film abgeguckt hat sich Kracht deshalb auch das erzählerische Mittel des Cameos, indem er einige satirisch überzeichnete, historisch-reale Figuren, so etwa Heinz Rühmann oder Fritz Lang, mit kurzen Auftritten versieht.

Wie bei allen Werken Krachts steht auch bei „Die Toten“ eine Reise im Zentrum. Der Konfrontation der Protagonisten mit der Fremde entspricht dabei stets ein innerer Läuterungsprozess, der zwar nicht das glückliche Ende, so aber doch einen ästhetisch bis zum Bersten aufgeladenen, fatalistisch anmutenden Trost mit sich führt.

So lässt der Roman den Leser, trotz seiner postmodernen Konstruktion, nicht mit postmoderner Leere zurück. Hinter dem Schleier der sinnentleerten säkularen Welt, hinter aller Überformung der Zivilisation, gärt noch immer der Zauber der Unmittelbarkeit, welche ihren Niederschlag in der vor Sinnlichkeit strotzenden Sprache Krachts findet.

In diesem Motiv liegt, neben der nostalgisch anmutenden Sprache, wohl der Grund dafür, warum Kracht immer wieder als Reaktionär missverstanden wird. Fortschritt und Moderne sind bei ihm stets mit Schuld und Hässlichkeit behaftet und wahre Erlösung finden die Protagonisten nur durch Vernichtung und Tod. Kracht ist in diesem Sinne Romantiker, doch zugleich weiß er um die düstere, menschenverachtende Seite des romantischen Ideals.

Schon „Imperium“ zog eine direkte Linie zwischen einer typisch deutschen, anti-rationalistischen Zivilisationskritik und den Verbrechen des dritten Reiches. Die vom Lebensreformer August Engelhardt errichtete Südsee-Utopie mündet in Irrsinn und Mord.

Auch in „Die Toten“ muss eine Figur für ihre Sehnsucht nach dem „echten Leben“ bezahlen. Nägelis Ehefrau Ida, eine aufstrebende, attraktive Schauspielerin, welche ihre Beziehung zum biederen Nägeli für ein schillerndes Leben an der Seite von Amakasu in Hollywood opfert, begeht am Ende Selbstmord. Sie stürzt sich vom ikonischen Hollywood-Schriftzug in den Hügeln von Los Angeles, der Stadt, in der das Versprechen auf ein einzigartiges, ruhmreiches, eben romantisches Leben so häufig zu dessen ganz banalen Ende führt.

Nägeli hingegen, diese so mitleiderregend geschilderte oftmals lächerliche Figur, findet dagegen unverhofft Frieden. Verlassen und hintergangen von seiner Ehefrau, irrt er zunächst ziellos durch die atemberaubende Landschaft Japans. So entsteht sein letzter Film, eine stumme Aneinanderreihung hypnotischer Bilder, die zerfurchten, arbeitenden Hände der Fischer, drohende Vulkanlandschaften. Einige Szenen zeigen aber auch den heimlich aufgenommenen Geschlechtsverkehr zwischen Ida und Amakasu. Nägeli erschafft so, indem er sich selbst demütigt,  sich voll und ganz hinter die Ästhetik der Bilder zurückzieht, ein kleines, progressives Meisterwerk, welches ihm nach seiner Rückkehr in die Schweiz, zwar keinen Ruhm, so jedoch einige Beachtung unter Cineasten verschafft.

Gerade durch die Aufgabe aller Eitelkeit, aller romantisch motivierten Fixierung auf das eigene Glück, kann so die wahre Schönheit der Kunst erblühen. Eine beachtliche Moral der Geschichte, welche das mittlerweile doch sehr abgenutzte Bild vom dandyesken Inszenierungskünstler Kracht in Frage stellt.

Doktor Irrgang


Han Kang, 
Die Vegetarierin

Aufbau Verlag, August 2016 (190 Seiten)

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Die normale, gehorsame Ehefrau hat plötzlich grausige Albträume. Eines Morgens entfernt sie alle tierischen Produkte aus dem Haushalt und ernährt sich zum Entsetzen ihres Mannes fortan vegan. Ein antikapitalistischer Künstler träumt von kopulierenden, mit Blumen bemalten Körpern. Eine Mutter erduldet die Vergewaltigungen durch ihren Ehemann auch nach einer Scheidenkrebsoperation und verzweifelt daran. Auf eine behutsame aber dennoch grausame Weise verbindet der Roman von Han Kang diese drei Geschichten. Aus drei Erzählperspektiven wird so die Leidensgeschichte der südkoreanischen Veganerin Yong-Hye erzählt. Sie selbst spricht nur wenig – ihre Motive sind vor allem aus ihren Träumen und Erinnerungen zu erkennen, die die Erzählung ihres Mannes unterbrechen.

Yong-Hye ist keine politische Veganerin. Ihr Verhalten wirkt mystisch und esoterisch, wenn sie aus Angst vor ihren Alpträumen kein Fleisch mehr isst, ihre nackten Brüste in die Sonne hält um Photosynthese zu betreiben und davon träumt als Baum zu leben. Dennoch ist es eine deutliche Reaktion auf die Gewalt, die sie ihr Leben lang von Vater und Ehemann erfahren hat. Der Verzicht auf Fleisch ist ein Versuch, diese Gewalt abzulegen, sie nicht weiterzugeben, der am Unverständnis ihrer Umgebung scheitert und so zu Selbstzerstörung werden muss.

Der Roman rechnet mit einer strengen, traditionellen aber kapitalistischen Gesellschaft ab, in der Menschen in ihren familiären Bindungen als Objekte gesehen werden, die zu funktionieren haben. Die Autorin zeigt, wie eine Einzelne versucht, sich der Gewalt ihrer Familie zu entziehen, und wie ihre Entscheidung, nicht mehr zu funktionieren, zu brutalen Sanktionen führt. Sie zeigt wie andere, heilsame Möglichkeiten eines Umgangs an gesellschaftlichen Konventionen scheitern. Sie zeigt, dass es hier keine Möglichkeit gibt, sich als Einzelne den gesellschaftlichen Zwängen zu entziehen ohne an ihnen zugrunde zu gehen. Zuletzt wird eindrücklich dargestellt, wie die Angst vor Abweichung und Kontaktverlust auch in den normalen, weiterhin funktionierenden Familienmitgliedern wirkt, und wie auch sie nur wenige Schritte von einer Grenzüberschreitung entfernt sind, die sie vollständig isolieren würde.

Erzählt wird diese Entwicklung voller Bilder – der Traum von einer Halle, in der blutige Fleischstücke an Stangen hängen, die organische Vereinigung mit Blumen bemalter Körper, ein alles verschlingendes schwarzes Loch im eigenen Körper, grünes Feuer, dass einen Wald niederbrennt. Die mystische Erzählweise verschleiert nicht die gesellschaftskritische Botschaft, führt aber dazu, dass sich das Buch nicht darauf reduzieren lässt – die dargestellten menschlichen Abgründe sind nicht vollständig zu verstehen oder zu erklären. Die Geschichte, die die Leser*in erwartet – die Weigerung, Fleisch zu essen, die erbosten Reaktionen der Familie, die Eskalation – ist bereits nach einem Drittel des Buches erzählt. Die weitere Handlung geht stärker in die Tiefe, zeigt andere Perspektiven und wirft weitere Fragen auf. „Die Vegetarierin“ ist sowohl ästhetisch als auch inhaltlich ein hochinteressantes Buch.

Doktor Maschinchen


Hans-Ulrich Treichel,
Tagesanbruch

Suhrkamp, (88 Seiten)

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Wenn ich jetzt nicht alles aufschreibe, werde ich es wohl nie mehr tun. Wenn die Wohnung leer ist … kann ich alles nur noch mir selbst erzählen. Allein der Gedanke daran macht mir Angst. Vor meinem toten Sohn fürchte ich mich, ich gebe es zu, aber vor mir selbst habe ich regelrecht Angst. Vor dem, was ich zu sagen habe. Was ich mir zu sagen habe. Dabei ist es schnell erzählt.

Eine Mutter sitzt am Bett ihres erwachsenen Sohnes, den sie im Arm hält, und erzählt ihm, was sie zuvor nie erzählen konnte. Ihr Sohn ist tot, in der Nacht einem Krebsleiden erlegen. In ihrem Monolog erzählt sie ihm von ihren ersten Ehejahren, von seinem Vater, der im Krieg den rechten Arm verloren hatte, vom Geschäft, das die beiden nach dem Krieg aufbauten und von der Arbeit, von den Abenden und Wochenenden, die sie über der Buchhaltung verbrachte. Die Frau möchte ihrem toten Sohn alles erzählen, bevor der Tag anbricht und sie den Arzt anrufen wird.

Der Leser ahnt vielleicht schon ein Geheimnis, das überdeckt wurde mit dem Schein der normalen Familie, mit ehrlicher Arbeit und aufkommendem Wohlstand. Die Mutter spricht über die Vertreibung, ihre Flucht aus Polen nach Kriegsende. Aber da ist noch mehr – etwas, das nicht nur das Verhältnis der Eheleute zueinander, sondern auch die Beziehung zu ihrem Sohn beschädigt hat. Die Mutter erzählt von den russischen Soldaten, von der Demütigung, der Scham – und einem Zweifel, der während Jahrzehnten an ihr genagt hat.

Nicht einmal neunzig Seiten benötigt Hans-Ulrich Treichel, um eine tragische Geschichte zu erzählen. Dazu braucht es keine komplizierten Erzähltechniken, wenige Worte reichen, in knapper, einfacher Sprache. Wir erleben mit, wie sich die Menschen im Nachkriegsdeutschland mit Arbeit und dem sich allmählich einstellenden wirtschaftlichen Erfolg von der Aufarbeitung ihrer Traumata ablenken.

Treichels Erzählung, konzentriert in Raum und Zeit, steht für die Geschichte einer ganzen Generation – einer Generation des Schweigens.

Doktor Novelero

 

Emma Cline, The Girls

Chatto & Windus (engl.), Juni 2016 (368 Seiten)
Deutschsprachige Ausgabe: Hanser

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Kalifornien 1969, eine dreckige Ranch und ihre filzhaarigen Bewohnerinnen scharren sich um den dominant-manipulativen Russell. Unschwer lässt sich in ihm seine reale Vorlage Charles Manson wiedererkennen, der noch immer durch die Popkultur geistert. Emma Clines Roman ist so gut, weil es eben nicht in erster Linie um Russell aka Manson geht. Stattdessen ist die Protagonistin Evie Boyd: gerade einmal 14 Jahre alt und lechzend nach Aufmerksamkeit, nach Sinn, nach Leben. Durch ihre Perspektive wird die tatsächliche Geschichte der Manson Family zeitlose Folie, die psychologische Einfühlung in ein junges Mädchen zum Fokus mit allgemeingültiger Aussagekraft.

Die erwachsene Evie Boyd hütet den Sommer über das Haus eines Freundes. Der unerwartete Besuch des Hausbesitzersohnes und dessen junger Freundin regt sie dazu an, sich noch intensiver mit den eigenen Jugenderfahrungen auseianderzusetzen. Der Sommer 1969: Evie Boyd ist gelangweilt und frustriert. Nach der Scheidung ihrer Eltern kümmern diese sich vor allem um sich selbst und ihre neuen Partner. Evie hat Streit mit ihrer besten Freundin, der eigene Schwarm erwidert ihre Gefühle nicht im Geringsten. Die Sommerferien sind lang und die Aussicht auf den anschließenden Schulwechsel in ein Internat nicht gerade verlockend. Auf der Suche nach Beschäftigung bemerkt sie durch die Kleinstadt ziehende Gruppe junger Frauen, die in Mülltonnen von Supermärkten nach brauchbaren Essensresten suchen. Für den Preis einer Packung Toilettenpapier – welche sie natürlich vorgibt, gestohlen zu haben – kommt sie mit der charismatischen Suzanne ins Gespräch. Wird erstmalig gesehen:

“You’re a thoughtful person. On your own trip, all caught up in your mind.” I was not used to this kind of unmediated attention. Especially from a girl. Usually it was only a way of apologizing for being zeroed in on whatever boy was around.

Suzanne ist das eigentliche Objekt der Faszination Evies. Sie lädt sie auf die Ranch ein, treibt sie in die Arme Russels, der sein Charisma einsetzt, um sich labile Frauen- und Mädchenpersönlichkeiten gefügig zu machen. Der geschickt die Mitglieder seiner “Familie” wählt, die – komme was wolle – zu ihm hält.

Die junge Autorin ergründet auf brilliante Weise den Sog, den verhängnisvollen Strudel aus Sex, Drogen und Gewalt, der von dem Versprechen nach mehr Zusammenhalt ausgehen kann – bis zum letzten. Natürlich werden die Morde thematisiert. Doch werden sie nicht ausgeschlachtet. Denn in Emma Clines Debüt grenzt sich nicht nur sprachlich vom üblichen Manson-Bestseller ab: Erzählt wird viel eher, wie es sich mit der Freiheit einer vermeintlichen Unschuld leben lässt und mit der Frage, was passiert wäre, wenn

Doktor Innen