Wisst ihr, was das Gute an verregneten Sommern ist? Ihr müsst euch gar nicht mehr mit euren Freunden für lange Sommerabendstunden in den Park setzen, ihr könnt auch einfach zu Hause bleiben und die spannendsten literarischen Erscheinungen der letzten Monate genießen! Alternativ  sind unsere fünf nun vorzustellenden Vielseiter natürlich auch in den Sommerurlaub mitzunehmen.


Hanya Yanagihara,
A Little Life

Doubleday, März 2015 (816 Seiten) // dt. Übersetzung Hanser, Januar 2017

22822858Unbedingt müssen noch ein paar Worte zu A Little Life verloren werden! Lange war ich nicht mehr so versunken, lange habe ich nicht mehr derartig leiden müssen…

Die Geschichte von Jude, Willem, Malcolm und JB ist die einer Männerfreundschaft in verschiedenen Konstellationen. Die vier lernen sich während ihres Studiums kennen, leider bleibt unerwähnt wie genau das eigentlich passiert (Kritikpunkt I), da sie relativ unterschiedlich aufgestellt sind: Malcolm studiert Architektur, JB Kunst, Willem Schauspiel und Jude Jura sowie Pure Maths. Wir begleiten die vier durch ihre Zwanziger in New York, durch ihr Leiden in prekären Arbeitssituationen – die alle außer Jude betreffen, hin zu ihren ruhmvollen Jahren um die 30er und darüber hinaus. Das ist ihnen allen gemein: Sie werden es schaffen. Sie werden zu den Großen gehören. Womit wir zu Kritikpunkt II kommen: Sollte ein anspruchsvolles Buch diese wenn-du-nur-alles-gibst-wirst-du-es-auch-schaffen-Versprechungen der 10er Jahre nicht bereits hinter sich gelassen haben?

Die vier Freunde teilen Gegenwart und Vergangenheit und mit ihnen erfahren auch wir in den ersten Kapiteln wie Malcolm, Willem und JB aufgewachsen sind, ebenso wie diese ihre Kindheiten und ihre Geheimnisse miteinander teilen. Nur Jude… Jude ist verschwiegen. Schnell stellt sich heraus, dass es in A Little Life vor allem um ihn, aber auch um die besondere Beziehung zwischen Willem und Jude gehen soll. Judes Geschichte wird uns wohl dosiert über alle 800 Seiten erzählt: Anders wäre sie auch nicht zu ertragen (das muss an dieser Stelle warnend erwähnt werden).

A Little Life ist ein sehr intensives Buch, geschrieben in einer ebenso intensiven Sprache. Ich kenne die deutsche Übersetzung leider nicht, aber im Englischen können sowohl Sprache als auch Handlung über weiteste Teile eine beeindruckende Spannung aufrecht erhalten. Der Roman hat zwar durchaus seine Längen, Strukturen wiederholen sich an einigen Stellen und neben den geschilderten Erfahrungen der Figuren kommen politische Ereignisse, die in den Schilderungszeitraum fallen, leider eindeutig zu kurz (Kritikpunkt III-V).

Das Nummerieren meiner Kritikpunkte sollte mir hier jedoch ein wenig dabei helfen, nicht in ein konfuses Gestammel zu verfallen: Dieses Buch ist so intensiv und packend, lest es! Wer mit den Punkten I-V auf rund 800 Seiten Intensität umgehen kann, lasse sich bitte gefangen nehmen von dieser Hommage an die Freundschaft, an die Liebe und die Fragilität der (kindlichen) Psyche.

Doktor Innen

 

Christine Wunnicke, Katie

Berenberg Verlag, März 2015 (176 Seiten)

indexEngland im Viktorianischen Zeitalter. Nicht nur die Naturwissenschaften entwickeln sich weiter, auch der Spiritismus erlebt seine Blüte. Auch Bürger aus gut situierten Kreisen interessieren sich für übernatürliche Phänomene, Seancen mit und ohne sogenannte Medien sind in Mode. Ein solches Medium ist die sechzehnjährige Florence Cook. In öffentlichen Darbietungen lässt sie sich fesseln und in einen Schrank sperren, um eine Erscheinung zutage zu fördern, die zur Sensation wird. Cook materialisiert den Geist der 1673 verstorbenen Katie, Tochter des berühmten Freibeuters Henry Morgan, Kindes- und Gattenmörderin.

Der Chemiker und Physiker William Crookes wird mit dem Fall betraut und soll ein auf wissenschaftlichen Untersuchungen beruhendes Gutachten erstellen. Auch unter Laborbedingungen gelingt es Florence, den Geist der Piratentochter zu beschwören.

„Eine fremde junge Frau kam barfuß aus dem hinteren Teil des Labors. Sie trug ein weißes Kleid oder Hemd und über dem Kopf, über anscheinend offenem blondem Haar, ein weißes Tuch, das auf ihre Schultern herabfiel. […] Ihre Lippen waren schwarz im niedrigen Gaslicht, die Augen blass. Keine Farben waren in dieser Frau. Sie sah aus wie ein Lichtbild.“

Florence Cook wird zu einer Art Popstar oder wie es im Klappentext des Buches heißt zum „It-Girl der Branche“. Dort heißt es ebenfalls, es sei alles wahr, was in diesem Roman steht. Und tatsächlich gab es den Wissenschaftler William Crookes (1832-1919), der die Kathodenstrahlen sichtbar gemacht, die Grundlagen der Lumineszenz und der Isotope entdeckt und Methoden zum Nachweis radioaktiver Strahlung entwickelt hat. Ebenso erregte Mitte der 1870er Jahre der Fall um Florence Cook und die Materialisierung einer gewissen Katie King die Gemüter.

Christine Wunnicke versteht es glänzend, mit historischen, hier insbesondere naturwissenschaftlichen Themen zu spielen und diese auf eine kluge und humorvolle Weise in anspruchsvolle, fesselnde Literatur zu verwandeln. Sie verwebt dabei gekonnt Fakten mit Fantasie, ebenso wie in der geschilderten Zeit auch die Grenzen zwischen Wissenschaften und Pseudowissenschaften, zwischen Erklärbarem und Übernatürlichem verschwommen. So manche naturwissenschaftliche Entdeckung war damals nicht weniger ungewöhnlich als die vermeintliche Kontaktaufnahme mit Toten. So soll beispielsweise der Morse-Apparat ursprünglich von Morse erfunden worden sein, um mit seinem verstorbenen Bruder zu kommunizieren.

Mit Katie ist Wunnicke nach Der Fuchs und Dr. Shimamura ein weiterer großartiger Roman gelungen, in dem vor allem aus heutiger Sicht auf die historischen Fakten deutlich wird, dass es den sogenannten objektiven Wissenschaften mitunter an Objektivität fehlt und die wahrgenommene, die empfundene Realität nicht immer der tatsächlichen Wirklichkeit entspricht, so es denn eine solche gibt.

Doktor Novelero

 

Safiye Can, Kinder der verlorenen Gesellschaft

Wallstein, Februar 2017 (96 Seiten)

index„Unsere“ Meet-A-Poet-Dichterin Safiye Can hat einen neuen Lyrikband publiziert, der bereits durch die schöne Covergestaltung ins Auge fällt.

Im Band finden sich neue Gedichte, aber auch alte und gern gesehene Bekannte wieder, z.B. das großartige Gedicht Aus dem Kind ist nichts geworden. In den einzelnen Zyklen experimentiert Safiye mit verschiedenen Formen des lyrischen Schreibens: neben ihren lyrischen Alltagsdichtungen und Langgedichten tauchen auch die visuelle und die konkrete Poesie auf ebenso wie (und das ist neu für Safiye) lyrische Collagen à la Herta Müller.

Safiye Can schafft es, den Platz eines Jeden lyrisch zu erschaffen und zugleich zu hinterfragen. Vorsichtig finden politische Debatten, wie dem Integrationszwang, der Islamophobie ihren Raum in Kindern der verlorenen Gesellschaft. Es geht um Kindheit, Erinnerungen, gegenseitige Toleranz, um Suche und um Zugehörigkeit, um die Flucht vor Welt,  Bedrohung und Gefühlen, immer wieder auch um die Liebe  – welche Rolle nimmt sie ein, im Schreiben, in der Gesellschaft? : Liebesgedichte / laufen stets Gefahr ausgelacht zu werden.

Um es mit Safiyes Worten zu sagen, gibt dieser gelungene Band viel an den Lesenden. Er gibt Worte die sich festsetzen und stille Erkenntnisse:

hier finden Sie / schöne Gedichte nicht / das Gedicht – das / sind Sie.

*meine besondere Empfehlung ist Das Meer wird dir guttun – großartig schön.

Doktor Innen

 

Anke Stelling, Fürsorge

Verbrecher Verlag, März 2017 (200 Seiten)

41nHC0QrenL._SX343_BO1,204,203,200_Nadja ist 35 Jahre alt und hat ihren körperlichen Zenit bereits überschritten. Als ehemalige weltklasse Ballerina schmerzt ihr ganzer Körper, ihre Lehrstelle an einer Ballettakademie lässt sie unerfüllt und ihre feste Beziehung mit einem erfolglosen Komponisten/Heroinjunkie ist seit langem für die ohnehin kalte Nadja nur Alltag. Innerhalb dieser Krisen beschließt sie zum ersten Mal ihren 16-jährigen Sohn Mario zu besuchen, der bei ihrer Mutter wohnt; nach seiner Geburt hatte sie ihn dort zurückgelassen, um sich auf ihre Kunst konzentrieren zu können. Mario ist ein gutaussehender, schweigsamer angehender Bodybuilder und so steht bei ihm, wie auch bei seiner Mutter, der Körper im Zentrum des eigenen Selbstverständnisses. Innerhalb kürzester Zeit beginnen die beiden ein exzessives sexuelles Verhältnis. Erzählt wird die Geschichte von einer Bekannten Nadjas, selbst zweifache und bald dreifache Mutter, die, wie sie selbst eindeutig zu oft betont, überhaupt nicht neidisch oder eifersüchtig auf Nadja ist.

Anke Stellings Buch Fürsorge legt zu Beginn ein beachtliches Tempo vor. Auf den ersten 50 Seiten wird das soziale Umfeld, Charakterisierungen, Erzählerrolle, mögliche Krisen und der erste Sex mit dem eigenen Sohn abgearbeitet. Im Mittelteil verliert sich die Geschichte ein wenig, dümpelt ungefähr 80 Seiten um die eigentlich gar nicht dramatischen Folgen der rauschhaften sexuellen Vereinigung von Mutter und Sohn herum. Zum Ende hin strafft sich die Geschichte wieder, wobei der Schluss ein wenig vorhersehbar ist; dennoch stellt er einen runden Abschluss des Buches dar, da fast alle Themen noch einmal aufgenommen werden: Sexualität, Mutterschaft, Mutter-Kind-Beziehungen als Machtverhältnis, Körperlichkeit.

Der Stil des Textes ist über weite Stellen sehr ruhig und neutral beschreibend, wagt sich zum Teil sogar ins Poetische vor, was gerade den erotischen Szenen zwischen Mutter und Sohn eine wundervoll unheimliche und schwebende Atmosphäre verleiht. Ein weitere Stärke ist Stellings Spiel mit erzählerischen Leerstellen: Vieles (zum Beispiel das erste Mal von Mutter und Sohn) bleibt nur als Andeutung bestehen, was eine ungeheure Spannung aufbaut.

Aber auch die Motivation von Nadja und Mario bleiben undefiniert. Die Erzählerin bietet mehrere Erklärungsmöglichkeiten dafür, warum es zwischen Mutter und Sohn zum Sex kam: pervertierte Selbstliebe, Genusssucht, Egoismus, soziale Verwahrlosung, ein Nachholen der Mutter-Kleinkind-Beziehung. All diese Erklärungsangebote werden aber nie als definitiv dargestellt, was die Geschichte äußerst facettenreich erscheinen lässt.

Leider werden diese spannenden erzählerischen Leerstellen teilweise durch die Erzählerrolle zerstört. Denn oft spricht die Erzählerin direkt im Anschluss an solche neutralen-schwebenden Leerstellen äußert moralisch vom durch die Mutter “gevögelten” Sohn oder stellt die Frage: “fickt hier ein Sohn seine Mutter, nein, fickt eine Mutter ihren Sohn”? Diese Stellen unterlaufen die davor aufgebaute voyeuristisch-gruselige Spannung und scheinen auch nicht ganz zur Erzählerrolle zu passen, da die Erzählerin eindeutig von der sexuellen Mutter-Sohn-Beziehung fasziniert ist.

Als stilistischen Höhepunkt soll aber noch das gebetsartige Wiederholen der Zeile “Deine Mutter ist deine Mutter” hervorgehoben werden, die den ganzen Text durchzieht und zum Ende hin vermehrt auftritt. Diese Einschübe, die immer mit bedrohlich wirkenden Schlussfolgerungen über die Mutterschaft versetzt sind (“Deine Mutter ist deine Mutter. Sie hat dich von Anfang an in der Hand. Wenn sie Contergan schluckt, wirst du ohne Arme geboren worden, Pech. […] Du gehörst ihr, weil du in ihr bist”) sind stilistisch großartig und referieren gekonnt auf die unheimliche Stimmung der Sexszenen.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Anke Stellings Buch Fürsorge durchaus gelungen ist. Besonders der Anfang überzeugt mit seinen unheimlich neutral-poetischen Passagen. Auch die späteren Reflexionen der Erzählerin schaffen es diese Stimmung zu reproduzieren. Allerdings ist der Mittelteil des Buches zu lang geraten und das Ende ist eher vorhersehbar. Trotz kleiner Schwächen: ein faszinierendes Buch.

Jonathan Löffelbein

 

Tim Krohn, Herr Brechbühl sucht eine Katze – “Menschliche Regungen I”

Galiani Berlin, Februar 2017 (480 Seiten)

Spannend klang diese Ankündigung im Verlagsnewsletter: Der Schweizer Schriftsteller Tim Krohn möchte eine Chronik der Gefühle des 21. Jahrhunderts zusammenstellen, mehrbändig, tausendseitenstark – und vor allem mithilfe eines Crowdfundingprojekts!

Aus einer von Krohn zusammengestellten Liste, die insgesamt 777 Menschliche Regungen – von Ahnungslosigkeit bis Zynismus – enthält, können sich TeilnehmerInnen (das Projekt läuft noch) eine Regung aussuchen und mit drei Wörtern versehen, die sie gerne in ihrer eigenen Geschichte auftauchen lassen wollen.

Nach eigenen Angaben führte der enorme Erfolg der Aktion bei Krohn zu einer Form der Schreibakkordarbeit: Eine Geschichte schreibt er pro Tag, am Abend wird sie eingelesen. Die Geschichten sollen sowohl einzeln für sich stehen, als auch im Gesamten eine kohärente Romanhandlung ergeben, die in mehreren Bänden beim Verlag Galiani Berlin erscheinen.

Der erste Band führt das Setting einer Züricher Genossenschaftswohnung ein: elf Bewohner leben hier. Von der alleinerziehenden Mutter Julia Sommer, die ihre Tätigkeit als Lektorin eines Verlages nicht zuletzt durch die Einschränkung ihrer Flexibilität durch die Betreuung ihrer vierjährigen Tochter Mona bedroht sieht über das Renterpaar Herr und Frau Wyss, denen der Traum einer eigenen Waschmaschine erfüllt wird bis zum, bei den Frauen (des Hauses) sehr beliebten Studenten Moritz, das Ehepaar Costa, den ehemaligen Tramchauffeur und Namensgeber des Bandes Herrn Brechbühl zu der Schauspielerin Selina May und dem sexuell sehr aktiven Studierendenpaar “Pit und Petzi” – kurz: eine sehr heterogene Bewohnerschaft stellt das Figurenarsenal des Romans dar. Die Handlung setzt in der Silvesternacht des Jahres 2000 ein, in dem Herr Brechbühl in Form eines ihm seltsam erscheinenden Traumes bereits zentrale Handlungsaspekte des Romans erscheinen.

9783869711478Der Roman baut ein Szenario auf, das stark an Vorabendserien bzw. Netflix-Serien erinnert. Wobei es Vorabendserien wahrscheinlich besser treffen, denn alles in allem kommt der Roman ein wenig altbacken daher, obwohl es hier durchaus zur Sache geht: Ehebruch im Waschkeller, Medikamentenmissbrauch und Formen der Spielsucht tauchen auf. Aber alles in allem sind die Geschichten inhaltlich relativ harmlos und unaufregend. Die einzelnen Kapitel sind eher kurz und erlauben daher bereits schon durch ihren Umfang keine Vertiefungen. Ebenso tragen die schnellen Schauplatzwechsel zwar dazu bei, dass der Roman sich relativ abwechslungsreich und schnell liest, die einzelnen Figuren aber bis zum Ende der Lesenden als Fremde verbleiben. Sprachlich liest der Text sich gut und flüssig, ohne besonderes Detailreichtum oder sprachliche Experimente aufzuweisen. In den Gesprächen tauchen allerhand Ikonen der Literatur und Philosophie auf, eingeflochten in die alltäglichen Machenschaften der GenossenschaftsbewohnerInnen. Interessant ist die Betitelung der einzelnen Kapitel mit den “menschlichen Regungen”, die sich im Kapitel auf häufig eher unerwartete Weise zeigen und Leseerwartungen zum Teil bewusst unterlaufen. Nicht selten habe ich die Kapiteltitel jedoch auch überlesen, da der Roman sich auch ohne sie gut verfolgen lässt.

Das Crowdfundingprojekt stellt eine in Theorie und Praxis gelungene Idee zur Sicherung eines Einkommens des Schreibenden während des Schreibprozess’ dar. Die SpenderInnen stellen zudem Reizworte bereit, an denen entlang sich die Geschichten konzipieren lassen. Das Ergebnis bietet insgesamt eine nette Unterhaltung, leider habe zumindest ich von der angekündigten Chronik der Gefühle des 21. Jahrhunderts ein bisschen mehr erwartet. Vielleicht ist aber auch genau hier der Urspungsgedanke des Chronikschreibens wiederzufinden: eine unaufgeregte Dokumentation der zeitgenössischen Sorgen und Wünsche.

Doktor Innen