Ihr sucht noch nach Büchern für den anstehenden Sommerurlaub oder zumindest die paar Sonnenstunden im Freibad? Da helfen wir euch gerne weiter mit unserem bunten Sortiment weiter: von Erzählungen, historischen Romanen, Sci-Fi über Lyrik ist diesmal alles dabei!

Anna Hetzer, zwischen den prasselnden Punkten

Verlagshaus Berlin, Februar 2016 (79 Seiten)

zwischen-den-prasselnden-punkten-image-6Anna Hetzers Lyrikband ist nicht nur von vorne bis hinten gefüllt mit ausdrucksstarken Sprachkonstruktionen – er sieht auch verdammt gut aus! Die eigens für den Band angefertigten Illustrationen von Asuka Grün vervollkommnen das Leseerlebnis.

Geschickt verknüpft Anna Hetzer die Sprache der Alltagsbilder, des Schau- und Fühlbaren zu assoziativen Räumen, die Fragen anregen: trennst die naht am globus/rollst den staub ab, kämmst/das meer./gibt es noch eine insel/die du übersehen hast?

Sich in dieses Netz aus Bedeutungen einweben zu lassen, verschafft Geborgenheit. Die Assoziationen, die sprachlich aufgerufen werden, lassen an Tage in Strandbädern, an das Fahren auf Landstraßen erinnern. Die ineinander verwobenen, gespiegelten Sprachbilder betonen nahezu spürbar das Physische in der Sprache.

die ausgeknipste mattscheibe des himmels/reißt die augen auf.

Etwas Beschriebenes, wird sprachlich transformiert zu etwas Neuem, Anderen. Die soeben eingenommene Perspektive wird verändert, leicht verschoben. Mithilfe einer klaren Sprache bewegt Anna Hetzer Bedeutungen sanft und dynamisch in den Bereich des Rätselhaften.
Vielfältig erzeugt ihre Sprache Zweideutigkeiten, die dazu anregen, die eigene Wahrnehmung zu verrücken und anders auf die Dinge, auf die Bilder zu schauen. Ein überaus gelungener Debütband!

Doktor Innen


Tom Hillenbrand,
Der Kaffeedieb

Kiepenheuer & Witsch, März 2016 (480 Seiten)

9783462048513Die literarische Verwurstung kulinarischer Themen ist das Markenzeichen des Autors und Journalisten Tom Hillenbrand. In seinem neuen Machwerk „Der Kaffeedieb“ wird dieses Erfolgrezept noch mit der Verwurstung historischer Ereignisse kombiniert.

Herausgekommen ist eine platte Heist-Story, deren thematisch durchaus interessanter Ansatz, nicht im mindesten über die erzählerischen und sprachlichen Defizite hinwegtröstet.

Ort der Handlung ist zunächst das London des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Die Oberschicht, bestehend aus Händlern, Forschern und Intellektuellen, ist dem Kaffee verfallen. Doch der Erbfeind Frankreich kontrolliert durch ein Bündnis mit den Türken den Handel mit den begehrten Bohnen.

Der dandyeske Fälscher und Betrüger Obediah Chalon, wird deswegen durch die niederländische Ostindien-Kompanie angeheuert, das von den Türken in Mokka streng bewachte Saatgut in einer Kommandooperation zu entwenden, damit ein Anbau in den niederländischen Gewächshäusern möglich wird.

Um den unmöglich scheinenden Plan durchzuführen zu können bedarf es der Expertise einer gewitzten Truppe von Gaunern, die Obediah, mithilfe unbegrenzter finanzieller Unterstützung durch die Kompanie, im Folgenden zusammenstellt. Darunter eine (natürlich sehr attraktive, aber auch gefährliche) Verwandlungskünstlerin, die sich schon bald für den verklemmten Obediah zu interessieren beginnt.

Schon nach wenigen Seiten ist offensichtlich, welche Art von Literatur dem Autor vorschwebte. Unterhaltsam soll es zugehen, dabei aber lehrreich. Gefühlt alle fünf Seiten gibt es entweder den Cameo-Auftritt eines barocken Prominenten (Christiaan Huygens, Mann mit der eisernen Maske) oder den Verweis auf irgendeine in jener Zeit gemachte Erfindung (Verschlüsselungstechniken, U-Boot). Den Rest füllen pseudo-pointierte Schlagabtausche zwischen den abziehbildhaften Akteuren, lahme Action-Sequenzen, sowie hochnotpeinliche Sex-Szenen.

Wer Science Fiction in der Vergangenheit mag (ja, das gibt es), sollte besser die Barock-Trilogie von Neal Stephenson lesen. Ist im Prinzip das Gleiche, nur in sehr gut.

Doktor Irrgang


Mário de Sá-Carneiro,
Der Wahnsinn…

Matthes & Seitz Berlin, März 2016 (224 Seiten)

cover-978-3-95757-228-8Der früh verstorbene Dichter und Bohemian Mário de Sá-Carneiro gilt neben seinem berühmteren Freund Pessoa als Mitbegründer der portugiesischen Moderne. Hierzulande ist er nahezu unbekannt. Mit Der Wahnsinn… erscheint in der Übersetzung von Frank Henseleit nach seinem Hauptwerk Lucios Geständnis erst die zweite Übersetzung in deutscher Sprache überhaupt.

Die einzelnen Erzählungen des Bandes werden verknüpft durch die in ihnen zum Ausdruck kommende Sehnsucht nach dem Tod. In guter ästhestezistischer Manier (die Kunst um der Kunst willen!) wird die Schönheit des Lebens und der Frauen in der Schönheit der Kunst und spezieller der schönen Sprache manifestiert. Wie lässt sich die Schönheit des Moments ewig halten? Facettenreich sind die Lebenswege der Helden von Sá-Carneiro, an deren Ende dieselbe Entscheidung steht: Selbstmord.

Eine intensive, fast aggressive Sehnsucht nach mehr Ästhetik, mehr Dekadenz und Ausschweifungen bestimmt die einzelnen Erzählungen. Als Vertreter einer Generation des Fin de Siècles umkreist Sá-Carneiros Werk thematisch den inszenierten Freitod als eine Antwort auf die Suche vieler portugiesischer Modernisten. Die Erzählungen entbehren trotz aller Schwere des Themas Ironie und Witz nicht und sind als Lesevergnügen für schwülwarme, schwere Sommertage unbedingt zu empfehlen!

Doktor Innen


Josef Formánek,
Die Wahrheit sagen

Gekko World, Februar 2016 (477 Seiten)

mares-coverDer tschechische Schriftsteller und Journalist erzählt in seinem Roman die  Lebensgeschichte des Bernhard Mares. Geboren als uneheliches Kind in einer Wiener Straßenbahn wurde Mares von seiner Mutter vor einer Kirche abgelegt, und wuchs  in einem Waisenhaus in Třebíč auf. Bereits als Kind sucht er nach Zugehörigkeit und Geborgenheit, nach einer Familie und denkt diese zu finden, als er mit der SS in den Krieg nach Russland zieht.

Um ihn herum geschieht Abscheuliches, sterben seine Kameraden, doch bleibt er verschont und trifft in einer Außenstelle des KZ Mauthausen auf Sophie, eine junge, jüdische Gefangene, die er als Frau aus seinen Träumen wieder zu erkennen meint. Und so verliebt sich der Soldat in der Totenkopf-Uniform in das Mädchen in der Häftlingskleidung und hilft ihr schließlich bei der Flucht. Nach dem Krieg folgen Höhen und Tiefen. Er gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft, kommt frei, wird Dolmetscher der Roten Armee und kommt, als seine ehemalige SS-Mitgliedschaft entdeckt wird, in ein tschechisches Gefängnis.

Nach Jahren, die er mal in Gefangenschaft, mal in Freiheit verbringt, geht er in die Bundesrepublik, Richtung Hamburg. In all den Jahren begleitet ihn der Gedanke an Sophie. Und auch jetzt, als er seine Geschichte dem Ich-Erzähler des Romans erzählt, wünscht Mares, das Mädchen aus dem KZ wiederzufinden.

Mit “Die Wahrheit sagen” verdichtet Formánek bald das ganze von Gewalt, Krieg und Verwerfungen geprägte 20. Jahrhundert in der Figur des Bernhard Mares, für die es tatsächlich eine reale Vorlage gab – den inzwischen verstorbenen Waldemar Solar. Der Roman ist voller Grausamkeiten, Schicksalschlägen und nahezu absurden Wendungen, die – erzählt in einer bildreichen, poetischen Sprache – vielleicht auch manchmal verstörend wirken können, aber in jedem Fall nicht so schnell loszulassen sind.
Doktor Novelero


Anja Kümmel,
V oder die vierte Wand

Hablizel, April 2016 (379 Seiten)

H9_V_CoverIm Jahr 1980 macht sich Mesca aus LA mit jeder Menge Koks im Gepäck auf den Weg nach London. Er hofft, im legendären Club V seinen Lover Manolo wieder zu treffen. Im Island einer nicht allzu fernen Zukunft bereitet sich Fenna auf einen Job als Auftragskillerin vor, der sie nach London führt. Aber beide kommen nicht in dem London an, dass sie erwartet hatten. Im Laufe der Geschichte laufen die Erzählstränge aufeinander zu und trennen sich wieder, Figuren finden sich und verlieren sich wieder in den unterschiedlichen Zeiten. Die Handlung springt hin und her zwischen zwischen den 80ern und einer Zukunft, in der Überwachung allgegenwärtig ist und nur auf sozialen Medien geteiltes Leben wirklich wertvoll. Verbindungspunkte sind der Club V, eine starke, unglückliche Liebe und ein besetzes Sanatorium am Rande von London.

‚V‘ ließt sich stellenweise wie ein hektisches Musikvideo, Menschen laufen, Kameras drehen sich, es gibt jede Menge Sound und Lichteffekte aber eine tiefere Verständnisebene fehlt erstmal. Das ist mühsam zu lesen und streckenweise unverständlich. Anfangs bleiben die Charaktere flach und unnahbar. Im Laufe der Geschichte ändert sich das ein wenig, es gibt wärmere, ruhigere Momente, die einen kleinen Gegenpol zur vorherrschenden Kälte und Hektik bilden. Die Themen Lebendigkeit und Tod, Liebe und Verlust, Kontakt und Isolation ziehen sich durch die Zeiten, konkrete Motive wiederholen sich immer wieder in gespiegelter Form. Das ist nicht schlecht gemacht, zum Ende hin fügen sich die einzelnen Teile zusammen zu gut vorbereiteten Twists. Wer erwartet, dass am Ende alles aufgelöst wird – zb wie das eigentlich von statten ging mit den Zeitreisen – hat sich allerdings geschnitten. Am Ende steht man da mit losen Puzzlestücken und sieht, dass es Spiegelscherben sind und man blutige Finger hat vom Versuch sie zusammenzusetzen.

‚V‘ ist ein spannender Scifi-Roman, der eine Vergangenheit voller Lebendigkeit, Tod, Schmutz und Sehnsucht zeichnet, und eine kalte Zukunft, die mit dem Bedürfnis nach Sicherheit nicht weniger gefährlich geworden ist. Als Leser*innen sind uns beide Welten vertraut, wir verstehen die kulturellen Anspielungen sowohl von 1980 als auch aus der undatierten nicht allzu fernen Zukunft. Unsere Gegenwart dazwischen fehlt, und man fragt sich unweigerlich, was uns eigentlich näher ist. Erfundener Zukunfts-Jugendslang, hektische Mitten-Im-Satz-Cut-Erzählweise und fehlende logische Erklärungen können nerven, insgesamt bietet ‚V oder die vierte Wand‘ nach dem Lesen noch einigen Stoff zum Nachdenken und Interpretieren.

Doktor Maschinchen