Normalerweise schreite ich gewappnet mit Alltagsweisheiten und bestens an scheinbaren Tatsachen orientiert durch mein Leben .Es gibt nur noch wenige ganz normale Situationen, in denen mich mein im Laufe von mehr als zwanzig Jahren angesammeltes Wissen verlässt. Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann ist es in den letzten Monaten eigentlich gar nicht mehr zu großen Verunsicherungen gekommen. (Selbst wenn ich durch anderer Menschen Lande reise, packe ich meine Verhaltensrüstung ein, die mich vor den meisten zwischenmenschlichen Missverständnissen schützt.) So dachte ich. Bis heute. Und die heute aufgetauchte Wissenslücke hört auf den Namen „Bewerbungsgespräch“.

Vor drei Tagen erhielt ich eine E-Mail, in der ich zu einem Auswahlgespräch für ein Stipendium eingeladen wurde. Dies soll nun in einer am anderen Ende von Deutschland gelegenen Stadt stattfinden. Und zunächst wälzte ich rein organisatorische Gedanken: Muss ich an diesem Tag arbeiten? Gibt es noch günstige Zugfahrkarten? Habe ich da irgendwelche Schwippschwager, bei denen ich gegebenenfalls über Nacht unterkommen kann?

Als ich allerdings heute mit zwei Freundinnen durchs Stadtzentrum schlenderte und ihnen von der Auswahlgesprächssache erzählte, stellten sie mir eine Frage, die mir vollkommen seltsam vorkam: „Was wirst du dabei anziehen?“ Darüber hatte ich bisher noch gar nicht nachgedacht. Über sowas wie „besondere Kleidung“ denke ich sowieso im Allgemein nur wenig nach. Normalerweise finde ich meine Klamotten in Second-Hand-Shops und Beschäftigung mit Marken und Modetrends halte ich für gestohlene Lebenszeit. In Gedanken kramte ich mich also durch meinen Kleiderschrank und erzählte meinen Freundinnen etwas von einer schwarzen Jeans und einem wirklich edlen Männeroberhemd, was ich letztens auf einem Flohmarkt erstanden hatte.  Die beiden schauten daraufhin erst sich, dann mich nahezu entsetzt an und meinten, dass ich ja so auf gar keinen Fall zu einem Auswahlgespräch gehen könne.

Innerhalb weniger Sekunden hatten sie mittels Kreuzverhör sowohl meinen gesamten Kleiderschrank als auch die paar flachen und sportlichen Schuhe, die ich besitze, disqualifiziert. Ein Rock? Ja, aber nur wenn blickdicht und aus edlem Stoff – also auf keinen Fall diese Schläuche von H&M, die ich immer trage. Das einzige Hemd, das ich besitze, sei weiß? Das würde mich doch viel zu blass machen. Eine Hose? Ja gern, aber nur wenn sie eine der zwei Voraussetzungen erfüllt: Sie muss entweder Teil eines Hosenanzugs sein oder sehr dunkel und eng anliegend – aber dann nur in Kombination mit einer Bluse sowie edlen Schuhen. Und egal, was ich dann letztendlich tragen würde – ohne Blazer würde nichts gehen. Nun besaß ich aber weder Hosenanzug, noch Blazer, noch feine Schuhe, noch eine zu irgendeinem der vorher aufgezählten Kleidungsstücken passende Bluse (außer die weiße, die mich ja so blass macht). Meine Freundinnen wiesen mich daraufhin auf den glücklichen Umstand hin, dass wir uns ja im Stadtzentrum befänden und bogen sofort mit mir nach links ins nächste Einkaufszentrum ab.

In den nächsten drei Stunden lernte ich eine ganze Menge Dinge, von denen ich noch nie etwas gehört hatte, und die mir trotzdem, auf einer abstrakteren Ebene, sehr wohl bekannt vorkamen. Dass man bei Bewerbungsgesprächen als Frau besser Schuhe mit Absatz tragen sollte (und sei er auch noch so klein), weil man durch den aufrechten Gang ja selbstbewusster wirken würde. Dass man Kleidung aus guten Stoffen tragen sollte, die nicht so dünn sind, dass sie durchscheinen (außer es sind transparente Blusen, die gerade dadurch edel aussehen). Dass Haare lieber zurückgesteckt werden und Ohrringe am besten beperlt und nicht zu auffällig sein sollten, um nicht vom Wesentlichen abzulenken. Dass es aber ganz gut sei, wenn der Blazer eine schmale Taille betont. Und dass frau sich schon noch wohlfühlen sollte in ihrem Outfit. All diese Informationen kondensierten hinter meiner Stirn zu zwei Worten: professionelle Femininität. Diesen Anschein sollte ich nun also erwecken, mochte ich mir auch noch so verkleidet vorkommen.

Sehr seltsam, dass gerade solchen Äußerlichkeiten wie Kleidungsstücken und Accessoires in bestimmten sozialen Situationen eine derart große Bedeutung zugeschrieben wird. Sollten bei Bewerbungsgesprächen nicht vielmehr Charakter und Authentizität der jeweiligen, zu beurteilenden Person im Vordergrund stehen? Charakter und Authentizität, die sich eben auch im Kleidungsstil niederschlagen? Feministische und fragende Haltungen würde ich definitiv als wichtige Bestandteile meiner Identität nennen, und daher halte ich im Allgemeinen ausreichend Distanz zu jeglichen Absatzschuhen, Perlenohrringen und taillierten Blazern.

Versuchter Perspektivenwechsel. Könnte es nicht sein, dass ein bestimmter Dresscode, an den sich alle Beteiligten halten, eine neutralisierende Folie bildet, vor dem dann das, was ich als Bewerberin zu sagen habe, umso klarer und pointierter erscheint? Ermöglichte eine allgemein anerkannte Art des Kleidens nicht gerade erst eine möglichst objektive Bewertung? Und wäre dieser Kleidungsstil nicht auch ein Ausdruck von Respekt, den Gesprächspartner_innen und der gesamten Situation gegenüber? Das wäre eine fast logische Erklärung, hätte ich nicht selbst gerade gemerkt, dass die Erzeugung einer solchen Folie ein sehr spezielles Wissen und eine besondere Performanz benötigt. Sich-in-feinen-Kleidern-Zeigen ist an sich schon ein Anzeichen von Professionalität. Und es setzt voraus, dass sich die jeweiligen Bewerberinnen mit Mode, Schminke und Weiblichkeit auseinandersetzen. Und das trifft eben vor allem „Bewerberinnen“, weil es erstens nur zwei Varianten des Dresscodes gibt: Anzug (oder zumindest Jackett), Hemd und Krawatte für Bewerber, für Bewerberinnen hingegen eine ganze Reihe an spezifisch femininen Kleidungsstücke (Hosenanzug, Rock, Kleid, Bluse, Oberteil, Blazer, Tuch, Kette, …). Und weil zweitens die „männliche“ Variante relativ festgelegt ist, also nicht so viele Kombinationsmöglichkeiten bietet, und so etwas wie Foundation und Mascara dabei keine Rolle spielen.

Als Bewerberin bin ich also gezwungen, mich einem bestimmten Dresscode zu unterwerfen, meine „Weiblichkeit“ auf professionelle Art und Weise damit zu unterstreichen und gleichzeitig meine Individualität in den engen Grenzen des Anerkannten zum Ausdruck zu bringen. Es geht um Distinktion: Von Menschen, die vielleicht nicht so gut wissen, wie sie sich in solchen Situationen kleiden. Oder die sich feine Kleider nicht leisten können. Oder die nicht das Maß an Geschmack besitzen, um der Kleidung eine persönliche Note zu verleihen. Und es ist gleichzeitig eine Bekräftigung sozial wirksamer Kategorien: Wie sich Männer und Frauen zu verhalten haben (und sei es, wie im Fall der Kleidung, auf einer symbolischen Ebene). Dass alle Beteiligten scheinbar eine neutrale Ebene der Kommunikation betreten haben (auch wenn die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Kleidungsstück diese scheinbare „Neutralität“ stark beeinflussen, weil ablenken kann). Dass es um das Wesentliche geht (auch wenn der erste und somit äußere Eindruck ja doch irgendwie besonders wichtig ist). Der französische Soziologe Pierre Bourdieu meint dazu übrigens, dass gerade diese feinen Unterschiede, die jede_r Beteiligte hierbei ins Feld führt, Verweise auf seine soziale Herkunft darstellen und Grenzen zwischen den Menschen ziehen.

Als wir im Übrigen das Einkaufszentrum verließen, hatte ich einige Tüten in der Hand und noch viel mehr Geld ausgegeben. Darin befanden sich unter anderem edle Schuhe mit Sockelabsatz, ein schwarzer Blazer und eine Bluse. Der gesellschaftlichen symbolischen Macht konnte ich mich nicht entziehen. Das System lächelt mir mit kalten Augen zu und zeigt seine Fangzähne, als ich ihm widerwillig die Hand schüttle.

Über den Autor

Frau Doktor Dunkel

1989 / MENSCH WERDEN / DRESDEN / МИНСК / BERLIN / HALLE (SAALE) / PERSPEKTIVENWECHSEL / IN DEN MOMENT VERLIEBT SEIN / KAFFEE SCHWARZ / UNNÜTZE SCHÖNE KLEINE DINGE ANFERTIGEN / SOZIAL- UND KULTURANTHROPOLOGIE / UNNÜTZE SCHÖNE KLEINE DINGE IN ANDERER LEUTE WOHNUNGEN HINTERLASSEN / DR. HOUSE / ZUGFAHREN / MARC CHAGALL / FREIES RADIO / WHISKY UND ROTWEIN / RALF ROTHMANN / FEMINISMUS / EXPRESSIONISMUS / POSTSTRUKTURALISMUS / IRGENDEIN -ISMUS / THE SCIENCE OF SLEEP / IMMER ALLE STRECKEN RADELN / PAUL CELAN / APFELKUCHEN / PIROUETTEN DREHEN / OSTWÄRTS / REYNAUD-SYNDROM 2 / KUNSTMÄRCHEN / FRÜH AUFSTEHN / [...] / ELBWIESEN / DIE WELTREVOLUTION VORBEREITEN / ALTER FALTER / THERMOUNTERHOSE / GILMORE GIRLS / KLETTERN / LETTRE INTERNATIONAL / BRIGHT EYES / WHITE RUSSIA(N) / DOPPELKOPF / KONSTRUIERTE ARGUMENTATION / KÜNEFE / OLAF SCHUBERT / TELEPOLIS / THE POSTAL SERVICE / IMMER NOCH LIEBER BRIEFE SCHREIBEN / КИРИЛЛИЦА / ABWARTEN UND TEE TRINKEN / SONNTAG ABEND TATORT / KASHIWA DAISUKE / ACID TECHNO / GLITZER

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