Ich bin in einem Alter, da trifft man sich bei einem befreundeten Pärchen, trinkt Rotwein und redet über fremdsprachige Bücher, die man alle nur im Original gelesen hat. Auch wenn das vielleicht ein bisschen peinlich ist, so liebe ich Gespräche über Bücher. Nur hört man dabei sehr oft folgende Worte: “Ach, das Buch hat mich so mitgenommen. Es war total authentisch! Man merkt einfach, dass der Autor das wirklich erlebt hat.”

Nach diesem Satz beginne ich meistens einen Monolog, in den ich mich leicht hineinsteigere und den ich mittlerweile mehr als Leid bin. Ich schreibe ihn also hier auf, in der Hoffnung, nie wieder erläutern zu müssen, warum die Kategorie “authentisch” bei der Bewertung von Literatur keine Rolle spielt.

Beginnen wir mit dem Wort “authentisch”. Mit diesem Adjektiv sagt der Leser letztendlich, dass er das Geschriebene als glaubwürdig empfunden hat, ihm also eine gewisse Echtheit zuspricht, ganz so, als könne die Handlung (so oder im übertragenen Sinne) tatsächlich stattgefunden haben. Es geht also um einen Realitätsgehalt des Geschriebenen. Hier findet sich schon das erste (höchst philosophisch ausgelutschte) Problem: Was ist Realität? Oder ein etwas weniger größenwahnsinnig formuliert: Was “echt” oder “real” ist, kann man nicht objektiv beurteilen. Jeder Mensch sieht die Welt um ihn herum anders, hat andere Filter in seiner Wahrnehmung. Zu implizieren ein Buch hätte einen gewissen Grad an objektiver Echtheit und wäre “total authentisch” ist somit höchst fragwürdig.

Außerdem ist Literatur Kunst. Kunst ist aber – wie das Wort ja schon sagt – immer etwas künstliches. Selbst wenn Literatur die Realität komplett abbilden wollte, könnte sie es nicht, da sie immer eine gezielte Aneinanderreihung von Wörtern bleibt, die in einem Arbeitsprozess gesetzt wurden. Verdeutlichen lässt sich dies am Dokumentarfilm. Dieser versucht die Realität abzubilden, dennoch müssen immer wieder Entscheidungen getroffen werden, welche gewisse Aspekte der Realität ausschließen oder verzerren: Welche Szene nehmen wir in den Film? Legen wir Musik drunter? Spielen wir Kommentare ein? Kunst bleibt etwas künstliches und kann damit nie die Realität abbilden.

Woher aber kommt es, dass “authentisch” als Bewertungskategorie gilt (übrigens auch bei professionellen Kritikern. Man schaue dazu einfach mal eine Folge des Literarischen Quartetts)? Die Antwort findet sich im zweiten Teil der Pärchenabend-Äußerung: “Man merkt einfach, dass der Autor das wirklich erlebt hat.”

Auf den ersten Blick, wirkt diese Äußerung eigentlich sehr sinnvoll: Wenn ein Mensch etwas erlebt hat, kann er es wahrscheinlich besser beschreiben. Das mag stimmen. Aber daraus den Umkehrschluss zu ziehen und zu sagen, dass alle guten Bücher “authentisch” seien und dadurch mit der Lebens- und Erlebniswelt des Autors übereinstimmen müssen, ist falsch.

Ein gutes Buch muss nichts mit dem Leben des Autors zu tun haben. Tolkien war nie groß auf Reisen, lebte fast sein ganzes Leben in einem winzigen Kaff, kämpfte erst recht nie mit Drachen und trotzdem hat er großartige Reise- und Abenteuergeschichten geschrieben. Es geht nicht darum, ob ein Buch “authentisch” ist oder ob der Autor alles erlebt hat. Es ist viel einfacher: Es geht darum, ob das Buch gut geschrieben ist.

Aber warum haben so viele Leute diese Vorstellung? Meiner Meinung nach lassen sich dafür zwei Gründe ausmachen.

Auf der einen Seite steht der Leser. Erst kürzlich habe ich mich über genau das Thema unterhalten. Es ging um Kafka. Ich meinte: “Es ist doch scheißegal, ob Kafka Vaterkomplexe, Mutterkomplexe, Peniskomplexe oder überhaupt Komplexe hatte. Es geht darum, dass das, was er geschrieben hat, scheiße gut ist.” Die Antwort darauf war: “Ja, aber ich finde es toll mir vorzustellen, dass das wirklich so war.”

Hier zeigt sich eine voyeuristische Lust am Lesen. Der Leser möchte, dass der Autor alles selbst erlebt hat, weil er dadurch glaubt, in den Kopf des Autors schauen zu können. Das widerspricht letztendlich allem, was man in den ersten Semestern Literaturstudium lernt und für eine neutrale Lesart sinnvoll ist: Es ist egal, was der Autor meint. Der Text wird als Text betrachtet und kann so viele Bedeutungen haben, wie in ihm selbst zu belegen sind. So viel also zu “Der Autor ist tot”…

Auf der anderen Seite steht der Autor selbst. Seit Jahrzehnten (wenn nicht Jahrhunderten) werden wir genau mit diesem Klischee-Autorenbild bombardiert. Charles Bukowski war ein Säufer, Gelegenheitsarbeiter und Herumhurer. Und schrieb genau darüber. In den Serien Californication und The Affair werden uns Autoren gezeigt, die nur über das schreiben können, was sie selbst erlebt haben.

Maxim Biller, seines Zeichens Autor, Kolumnist und Teil des neuen literarischen Quartetts, sagt von sich selbst, er könne nur über das schreiben, was er auch erlebt habe – und erlebt deshalb absichtlich Sachen, um über sie schreiben zu können. Natürlich kann eine solche Erfahrung helfen, aber wenn man einfach nicht schreiben kann, nützt das nichts. Ich kenne genug Leute, die den krassesten Scheiß erlebt haben, aber nicht mal eine Email schreiben können. Deswegen ist der Satz: “Du hast so viel erlebt, du solltest schreiben” falsch.

Autoren inszenieren sich aber gerne auf diese Weise, denn es generiert Aufmerksamkeit (man denke an Charlotte Roche und Feuchtgebiete) und hängt eng mit der Vorstellung des kaputten, im Rausch schreibenden, aber sensiblen Genie-Autors zusammen. Das hilft natürlich dem Ego. Eine weniger pathetische Ansicht vertrat Edgar Allen Poe, der auf die Frage, warum er so gute gruselige Geschichten schreiben könne, (sinngemäß) antwortete, er denke sich einfach Sachen aus, die er gruselig finden würde.

Die Lust des Lesers am Autor und das Inszenieren des Autors als (Klischee-)Autor führen dazu, dass sich “authentisch” als Kategorie so hartnäckig hält. Wenn wir aber ein Buch als “authentisch” bezeichnen, geschieht etwas ganz anderes im Hintergrund: Wir setzen uns nicht wirklich mit dem Text auseinander. Ein Buch “authentisch” finden, ist die faule Kurzantwort, warum uns ein Text gefällt. Wir müssen uns beim Lesen eines Textes nur eines fragen: Funktioniert er? Und wenn ja: warum? Vielleicht ist es die Sprache, vielleicht die Figurenkonstellation, die Metaphern, die Deckung von Form und Inhalt. “Authentisch” ist nur eine Begründungsausrede sich nicht ernsthaft mit dem Text auseinandersetzen zu müssen.

Ich hoffe, dass ich ab jetzt nie wieder ein Gespräch über dieses Thema bei einem Pärchenabend führen muss. Man muss sich nicht umgebracht haben, um darüber schreiben zu können. Und können wir uns jetzt bitte alle richtig mit Literatur auseinandersetzen? Danke.