Im Herbst wird auf RTL eine deutsche Serie anlaufen. Sie heißt Deutschland 83 und sie ist ziemlich gut. So. Das lassen wir jetzt erst mal kurz auf uns wirken.

Nachdem in den letzten Jahren ganze Bibliotheken darüber geschrieben wurden, warum die deutsche Fernsehlandschaft so erbärmlich ist und wie viel psychosoziale Notfallversorgung amerikanische Stars nach einem Auftritt bei „Wetten, dass…?“ brauchten, ist die Aufregung groß und berechtigt, seit Deutschland 83 von Sundance TV gekauft wurde, einem amerikanischen Klein-Kabelsender mit viel Indie-Glaubwürdigkeit (Top of the Lake und Rectify, zwei meiner Lieblingsserien der letzten zwei Jahre liefen dort).

Der Plot ist schnell erzählt: Martin ist DDR-Grenzwächter in seinen frühen Zwanzigern und sitzt einigermaßen fest im ideologischen Sattel. Als sich abzeichnet, dass die USA in der Bundesrepublik Pershing-II-Raketen stationieren wollen, beschließt Lenora Rauch, DDR-Sicherheitsfunktionärin in nicht näher benannter Position, ihren Neffen Martin als Spion nach Bonn zu schicken, wo er als Adjutant eines Bundeswehrgenerals posieren und wichtige Informationen sammeln soll.

Martin ist zuerst unwillig und muss mit der Aussicht auf eine Wohnung für sich und Freundin Annett, einer Nierentransplantation für seine Mutter und einer Ladung Betäubungsmittel in seinem Kaffee überzeugt werden.

In Bonn wird er ruckzuck zum Spion ausgebildet und muss sich anschließend in einer Bundeswehrkaserne mit Sicherheitsschlössern und seiner einsilbigen Kollegin herumschlagen, streng geheime Dokumente eines Kaugummi kauenden amerikanischen Generals mit einer echt coolen Agentenkamera fotografieren und seine prekäre Mission durch die strapazierten familiären Verwicklungen seines Vorgesetzten General Edel navigieren. Der ist nämlich mit einem pazifistischen, Petra Kelly lesenden Sohn, einer rebellischen singenden Tochter und einer neugierigen Schwägerin geschlagen.

Da man nicht erwarten kann, dass die Zuschauer im Jahr 2015 die Umstände der Stationierung von Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik der frühen Achtziger Jahre parat haben, erklären immer mal wieder Nachrichteneinspieler den tagespolitischen Kontext. Danke dafür.

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Nun kommen im Ausland vor allem diejenigen deutschen Produktionen groß raus, die sich mit den düsteren Kapiteln deutscher Geschichte beschäftigen. Ich stelle mir vor, wie Schöpferehepaar Anna und Jörg Winger am heimischen Küchentisch saß: „Nazis oder DDR?“ – „DDR, würd‘ ich sagen. Gibt ’nen besseren Soundtrack“.

Aber die beiden sind damit vielleicht eher einem internationalen Trend gefolgt als der Tradition deutscher Nabelschau, denn der Kalte Krieg ist derzeit wieder recht beliebtes  Erzählmaterial in Film und Fernsehen. Deutschland 83 muss deshalb natürlich auch den naheliegenden Vergleich mit The Americans aushalten, der rundum fantastischen Serie um zwei KGB-Agenten, die als amerikanisches Ehepaar posieren. Wo in The Americans aber Familie, Identität und Loyalität verhandelt werden, ist Deutschland 83 vor allem eine Coming-of-Age-Geschichte. Und eine ziemlich gut gelaunte noch dazu. Der Ton der Serie ist um einiges weniger düster als in The Americans, vieles kommt mit einem Augenzwinkern daher. Beispielsweise bekommen wir schon in der ersten Folge zwei Mal auf beiden Seiten der Grenze Nenas “99 Luftballons” zu hören, was ein bisschen albern ist und von Edel Jr. treffend kommentiert wird: „Das läuft echt überall“.

Weniger düster sind auch die Farben, alles knallt und leuchtet (außer natürlich der beige-braunen Inneneinrichtung im Osten). Sehr stylish, das alles, und man will anerkennend bemerken, dass die Produktionskosten wohl recht hoch gewesen sein dürften. Von deutschen Filmen ist man das vielleicht gewöhnt, aber auch dem Fernsehen steht das gut.

Spaß machen auch der quietschvergnügte Synthie-Pop-lastige Soundtrack und der recht trockene, bisweilen makabre Humor, der ohne große Pointen auskommt. Manches geht da in der Übersetzung in die englischen Untertitel verloren. Nachdem Schweppenstette Martin die Finger gebrochen hat, beruhigt er ihn: „Bis Sie heiraten, ist alles wieder gut“. „It’ll be fine“ trifft da leider nicht so ganz, wie gemein das ist.

Da Deutschland 83 eine Coming-of-Age-Serie ist, hängt natürlich viel am Protagonisten, aus dessen Sichtweise wir sein Abenteuer verfolgen. Jonas Nay als Martin Rauch/Moritz Stamm ist glücklicherweise sehr großartig. In der Premiere hat er zwar noch nicht allzu viele Emotionen außer Verwirrung, Überforderung und Panik zu spielen bekommen. Aber das passt durchaus zum Setting der ersten Folge, die ihn von einem Moment auf den anderen in eine völlig unbekannte Situation wirft. Wunderbar subtil ist seine Überwältigung im Supermarkt, wo er – umringt von einem Überangebot an Bananen und Konserven – zum Stehen kommt, untermalt von Eurythmics’ „Sweet Dreams“.

Nach „Quantum Jump“ (ist Folge Eins etwa die holprige Übersetzung von Quantensprung? Au Backe…) sieht Deutschland 83 jedenfalls nach einer feinen Sache aus und wir können uns alle schon mal auf den Herbst freuen, wenn sie auf RTL läuft. Oder eben die amerikanische Ausstrahlung verfolgen, die natürlich drei Monate vorher stattfindet. Because that just makes sense.

 

Sonst noch so beobachtet

* Martin bekommt den Job, weil er offenbar einer seltenen Spezies angehört: „Moment, Lenora. 24 Jahre? Wo soll ich so einen herkriegen?“

*A propos Untertitel: Martins „Lektion Nummer Eins“ lautet: „Der wahre Luxus des Westens liegt in der Gleichgültigkeit der Masse“. Daraus wird in der englischen Übersetzung „The true luxury of the West is that no one pays attention to you“ – da geht einiges an Schärfe verloren, und es würde weniger an mir nagen, wenn nicht US-Kritiker das Zitat herausgepickt hätten.

*Tobias zu Martin: „Denk mal eine Sekunde lang nicht nur an dich!“ – ein schönes Echo dessen, was Martin eingangs zu den westdeutschen Studenten sagt.

*Edel Jr. über die Pershing II: „Irgendwann wird eins dieser Scheißdinger hochgehen.“ – Gerlach: „Ich hoffe nur, dass ich vorher noch flachgelegt werde“. Ach, Gerlach… Nein. Wirst du sicher nicht.

*„Frau Werner, angenehm!“ – „Kartoffelsalat?“

*„Die Musik war sehr schön, Herr General.“ – „Naja. Die Würstchen waren gut“.

* Deutschland 83 fängt genau in dem Moment an, in dem die dritte Staffel von The Americans endet: Reagans Rede, in der die Sowjetunion als Reich des Bösen bezeichnet wird.

* Für jedes westdeutsche Produkt gibt es ein ostdeutsches Äquivalent – nur nicht für Bananen und Orangen.

* I like: Das Intro, eine schicke Collage zur englischen Version von Peter Schillings „Major Tom“.

*Karl Kramer ist ein ostdeutscher Spion in einer Bundeswehrkaserne, dem „blind vertraut“ wird. Hätte er dann nicht die ganze Mission übernehmen können? Auch praktisch (und bedenklich): Er hat immer ein Fläschchen GHB im Ärmel.

* General Edel nennt die Bundesrepublik “BRD” – vielleicht war mein Geschichtslehrer doch der Einzige, der sich weigerte diese Abkürzung zu benutzen, weil sie eine „verunglimpfende Erfindung der DDR“ gewesen sei?

* Ich bin gewillt, einen Netflix-Account darauf zu verwetten, dass Martin und Annett sich im Laufe der Staffel untreu werden. Sie ihm mit dem Typen von der Geburtstagsfeier, der seiner Mutter irgendwas „schleppen geholfen“ hat (warum sollte er sonst diese einzelne überflüssige Zeile sagen dürfen sollen?). Und er ihr natürlich mit Yvonne „Fässchen“ Edel, die mir jetzt schon auf den Zeiger geht – was sollte denn dieser halbdramatische Abgang nach ihrem Auftritt? („Yvonne!“ – „Uschi!“).

* Apropos Yvonne: Haben sie und ihr Begleiter an der Gitarre ihre pinken Outfits abgestimmt?

* Die Beziehung zwischen Martin und General Edel hat schon am Ende der ersten Folge eine gewisse Vater-Sohn-Qualität angenommen – sehr vielversprechend und sicher kein Zufall. Und vergessen wir nicht, dass Martin ohne Vater aufgewachsen ist.

* Noch mehr sehr deutscher Humor: „Ist sie tot?“ – „Das wär zu schön, um wahr zu sein – dann müsstest du sie nicht umbringen.“ – „Wie bitte!?“ . Höhöhö.

* Das Kaffeemotiv zieht sich durch die ganze erste Folge. Ich habe fast erwartet, dass Tom Schilling irgendwann um die Ecke spaziert und fragt, ob er auch endlich einen haben kann.