Liebe Deutsche, kann man euch denn nicht acht Wochen alleine lassen? Als meine Freundin und ich Ende Oktober von einer Balkan- und Griechenlandreise zurückkehrten, trauten wir unseren Augen und Ohren kaum. Ein dummdreister rechter Mob im Osten hielt sich für die Rettung der Nation, „besorgte Bürger“ glaubten ernsthaft, dass eingewanderte Moslems unsere blonden Frauen klauen und deutsche Ziegen aus dem Streichelzoo schlachten. Ein Oberirrer redete sogar von KZs. Sagt mal, geht’s noch?

Zugegeben, wir hatten wohl etwas Pech und kamen zufällig zu einem Zeitpunkt zurück, an dem sich die Ereignisse überschlugen. Zudem war die Lektüre eines reißerischen Artikels in der „Zeit“ über die Zustände in Dresden wohl nicht die sanfteste Art, dieses neue, aufgebrachte Deutschland kennenzulernen. Wir waren jedenfalls fassungslos.

Schon vor drei Wochen war klar: Wir haben ein gewandeltes, ein brauneres Deutschland vor uns. Ein Deutschland, in dem Nationalismus und offener Fremdenhass wieder salonfähig werden. Ein paar Tage nach der Rückkehr erlebten wir aber auch die andere Seite: Enorme Solidarität mit Menschen in Not, rege Beteiligung an Flüchtlingshilfevereinen, Kopfschütteln und Fassungslosigkeit gegenüber Pegida und Björn Höcke, dem „schmierigen Rechten von nebenan“ (heute-show), der sich mit der Nationalflaggen-Nummer bei Jauch lächerlich machte.

Die Empörung, die wir bei unserer Rückkehr verspürten, ist allerdings folgenlos geblieben.
Meine Hoffnung war eine Politisierung des Mainstreams, meine Furcht eine Verharmlosung der Situation und Rückkehr zum business as usual. Leider kann ich eine Mobilisierung des „anständigen“ Mainstreams nicht in dem Maße erkennen, wie es eigentlich nötig wäre. In den meisten Städten hat eben noch kein Asylheim gebrannt. Man kann sich also noch hinter einer unverbindlichen Verurteilung der rechten Umtriebe verstecken, wenn man auch ein mulmiges Gefühl dabei haben mag. Das wird auf Dauer aber nicht reichen. Nun heißt es eigentlich mehr denn je, Gesicht zeigen, sich einmischen und die Meinung sagen. Wem das schwer fällt (wie zum Beispiel mir, leider), kann immer noch einen wichtigen Beitrag leisten: Wählen gehen. Denn die meisten Pegida-Leute werden dies vermutlich ebenfalls tun.

Ich wundere mich nicht über Dresden und Pegida. All die Jahre wurde gewarnt vor der wirklichen braunen Gefahr: die in den Köpfen der Loser und Frustrierten (und, seien wir so ehrlich, der Dummen). Den Kampf um die Mitte halte ich deshalb für sehr ernst. Man mag weder frustriert noch zu kurz gekommen noch dumm sein – das ist aber leider kein hinreichender Grund, nicht auch von der Furcht vor „dem Fremden“ beherrscht zu werden. In den Interviews mit Pegida-Demonstranten sieht man immer wieder Leute, die nicht arm, elend oder ungebildet wirken und dennoch den haarsträubenden Mist wiedergeben, den die Rechten über Flüchtlinge frei erfinden.

Das darf nicht sein. Wenn die Stimmung nicht nur im Osten weiter in diese Richtung kippt, haben wir schon verloren. Wir brauchen daher nicht nur eine Willkommens-, sondern vor allem eine Begegnungskultur, um den irrationalen Ängsten und Vorurteilen entgegenzuwirken – nach Paris umso mehr. Pegida fürchtet eine „Islamisierung des Abendlandes“ und einen Untergang der westlichen Kultur. Ich frage mich: Welche „Kultur“ verteidigen die da eigentlich? Halten die unsere Kultur wirklich für so zerbrechlich, dass sie ernsthaft glauben, ein paar Notleidende auf der Suche nach Hilfe könnten sie zu Fall bringen? Was für ein Minderwertigkeitskomplex!

Wenn unser schönes Abendland zerfällt, dann doch eher wegen eines falschen Begriffes von Kultur: Einer, der entlang nationaler Grenzen, Hautfarben und religiöser Bekenntnisse verläuft. Hass, Ausgrenzung und Gewalt werden sie jedenfalls nicht stärken. Natürlich prallen hier Welten aufeinander. Aber wir haben keine Wahl, wir müssen diese Leute aufnehmen, das gebieten die Humanität und unsere Verantwortung als Profiteure einer zerstörerischen und ungerechten Weltpolitik. Mit Blick auf den langfristigen gesellschaftlichen Frieden müssen wir den Menschen, die zu uns kommen, offen begegnen, ihnen unsere guten Seite präsentieren, indem wir unsere Bräuche, Werte und Gepflogenheiten erklären und nahebringen, statt zu verlangen, dasjenige aufzugeben, was ihnen wichtig ist. Warum das unsere Kultur zerstören soll, ist mir ein Rätsel.

Neid, Hass und Gewalt sind so einfach. Ernst gemeinte Offenheit und ein echter Wille zur Integration dagegen sind sehr schwer. Die Integration von Einwanderern ist in Deutschland in der Vergangenheit unter anderem deshalb nicht gelungen, weil sie auf die Politik und die Behörden abgewälzt wurde. Integration ist aber nicht nur eine Frage der Kosten-Nutzen-Rechnung. Es wird ja bislang immer nur darauf geachtet, wie viel es kostet – so als sei es nur eine Frage der Finanzierung – Menschen innerlich aufeinander zu zu bewegen, die so grundlegend unterschiedlich geprägt sind. Wie immer tut sich unsere rationalistische Buchhaltergesellschaft mit Fragen der Innerlichkeit schwer. Es ist aber vor allem eine Frage der inneren Einstellung, ob wir diese Herausforderung meistern oder nicht.

In der Mitte der Gesellschaft wird sich entscheiden, ob uns tatsächlich ein brauneres Deutschland bevorsteht, oder ob wir dem dumpfen Hass und der Furcht einiger zu kurz Gekommener das klare Bekenntnis zu Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit, Mitgefühl und Wohlwollen entgegensetzen.