Im jüngst angelaufenen Film “Batman v Superman – Dawn of Justice” wird ein erzählerisches Grundbedürfnis des Rezipienten in Reinform bedient. Es ist der Topos des ultimativen Vergleichs zwischen unbesiegbar scheinenden Mächten. Der Film ist die in CGI gegossene Form der in einschlägigen Foren gerne gestellten Frage zur Vergleichbarkeit verschiedener Kampfkünste: Who would win in a Street-Fight?

Schon im Trailer dröhnt es: God vs. Man. Kein neues Konzept, doch dieser Kampf wird nun nicht mehr, wie im antiken Mythos, durch Schläue und Intrigen, sondern durch blanke Gewalt entschieden.

 

Abermals zeigt sich hier die Absurdität des Superheldenkampfes, welche besonders gut in den “Avengers”-Filmen zu beobachten ist. Die Kontrahenten verfügen über Kräfte, die über jeglichen physikalischen Gesetzen stehen. Doch am Ende ist es immer noch ein beherzter Schlag in die Visage, der den Kampf entscheidet.

Das massive Aufeinandertreffen kinetischer Energie wird so zum dramaturgischen Höhepunkt stilisiert.

Wenn Hulk und ein grotesk mutierter Iron-Man aufeinander zustürmen, dann evoziert dies beim Publikum eine ähnlich rudimentäre Befriedigung, als beobachte man zwei mit Zement beladene Güterzüge auf ungebremstem Kollisionskurs.

Vielleicht ist die Rückkehr zum Nahkampf eine Reaktion auf das Problem des Nicht-mehr-Steigerbaren: Ab einem gewissen Punkt wird die Dimension der physischen Gewalt abstrakt und die Lust an der Destruktivität verliert sich im Belanglosen.

Dieses Phänomen zeigte sich auch im überaus drögen Endkampf in “Man of Steel”. In ermattender Stupidität legen Superman und sein Kontrahent mehrere Hochhäuser in Schutt und Asche, ohne dass ein greifbares Gefühl für die Zerstörung entstehen würde.

Das zentrale Element einer Erzählung ist die Empathie, die beim Rezipienten erwirkt werden soll. Das gilt nicht nur für die Darstellung von Gefühlen, sondern auch für die Zurschaustellung von Gewalt. Schiere Größe ist dabei kein Garant für Erhabenheit. So kann ein gekonnt in Szene gesetzter Faustschlag eindrucksvoller daherkommen, als die Pulverisierung ganzer Sternensysteme.

Technische Gewalt im Film hat zwei archetypische, materielle Ausformungen. Es gibt die Gewalt des Feuers – sie ist eher still, aber dafür allumfassend. Das Feuer dringt in jede Fuge und wirkt somit reinigend. Damit ist es vor allem das Mittel der Wahl im Genre des Horrorfilms. Dem übernatürlichen Grauen ist mit läuternder Flamme beizukommen.

Die Gewalt des Kinetischen dagegen ist dröhnend und punktuell. Während im Feuer sich das Materielle im Flüchtigen verzehrt, konfrontiert der Einschlag Körper mit Körper.

Das Wesen des Feuers ist die Auflösung, das Wesen des Einschlags der Kontakt.

Der Actionfilm hat in den letzten fünfzehn Jahren erkannt, dass der kinetische Aspekt der Gewalt einen großen emphatischen Effekt auf den Zuschauer haben kann.

Stilbildend war hier Steven Spielbergs Inszenierung der Landung am Omaha Beach in “Saving Private Ryan” (1998). Granateneinschläge werden nicht, wie es bis dahin üblich war, durch Feuerbälle, sondern das plötzliche Emporschießen von Schuttfontänen dargestellt, samt anschließendem Trümmerregen.

Im kurz darauf erschienenen Film “Matrix” (1999) übernimmt die kinetische Energie von Geschossen dann mithilfe revolutionärer Tricktechnik eine geradezu ikonische Rolle. Die in der Nachfolge unzählige Male zitierte “Bullet-Time” verlangsamt nicht nur Projektile, sondern umhüllt diese mit konzentrischen Kreisen, ähnlich denen, die beim Eindringen eines Gegenstandes in eine glatte Wasseroberfläche entstehen. So erscheint die Flugbahn der Geschosse nicht mehr als ein kontaktloses Schweben, sondern als permanente Penetration des Raumes.

 

Das Kriegsdrama “Fury” (2014) handelt von der Besatzung eines amerikanischen Panzers während der Ardennenoffensive. In ihm gelangt die cinematographische Inszenierung der Kinetik an einen weiteren Höhepunkt. Die Komplexität der ballistischen Kriegsführung wird erstmals wirklich veranschaulicht. Geschosse treffen nicht auf unsichtbaren Bahnen ihr Ziel, vielmehr wird greifbar gemacht, dass es sich um reale Objekte handelt. Sie treten in variantenreiche, physische Interaktion mit ihrer Umgebung. So wird in einer denkwürdigen Szene eindrucksvoll das Abprallen und anschließende Weiterfliegen einer Panzergranate vom Boden gezeigt.

Die auf diese Weise erzeugte Haptik der Gewalt, ist auch Produkt des unmittelbaren Zusammenhangs von kinetischer Energie und Sound. Feuer kann zwar von einem furchterregenden Fauchen begleitet werden, die Verschränkung zwischen Bild und Ton ist aber nie so innig wie beim plötzlichen Knall einer Druckwelle. Schall ist doch an sich schon Druck und damit kinetischer Natur.

Der 2016 erschiene, jüngste Teil der Star-Wars-Saga vollzieht abermals eine Kehrtwende. Im Bestreben den Geist der Original-Trilogie aufleben zu lassen, präsentiert er ein erstaunlich kinetikfreies Kampfgeschehen. Hierin mag ein Grund liegen, warum die Schlachtszenen anachronistischen und damit erstaunlich wenig intensiven Charakters sind.

Im zweiten Teil der Prequels findet sich dagegen eine exemplarische Stilisierung kinetischer Wucht. Während einer Verfolgungsjagd durch ein Asteroidenfeld erwehrt sich Obi-Wan Kenobi des Kopfgeldjägers Jango Fett mithilfe von “seismischen Bomben”. Ihre Detonationen jagen eine blaue Fläche schierer kinetischer Energie durch den Äther, Fels wie Butter zerschneidend. Die zerstörerische Kraft der Explosion wird dabei vollständig auf ihren kinetischen Anteil reduziert.

Dass die Konfrontation der Gegner im Superheldenfilm vor allem eine des direkten Kontakts darstellt, ist also nicht Ergebnis eines Mangels an Kreativität. Stattdessen muss sie im Kontext einer über Jahre hinweg entwickelten, ästhetischen Erwartungshaltung gesehen werden, die physische Gewalt vor allem über ihre kinetische Ausformung definiert.