Letzten Sonntag spazierte ich in Hemd und Sakko vom Alexanderplatz zur Friedrichstraße. Vorbei am roten Rathaus und an der Baustelle zum Wiederaufbau des Schlosses der Preußenkönige, dem der Palast der Republik weichen musste. Unter den Linden angekommen, versperrt ein großer Menschenauflauf, der von Gittern und ein paar versprengten Polizisten umgeben ist, den Weg. Ich wollte der Aktion „Die Toten kommen“ vom unglücklich benannten Zentrum für politische Schönheit beiwohnen.

Im Rahmen dieser Aktion soll auf das fortwährende Massensterben im Mittelmeer aufmerksam gemacht werden, das man nur als unmittelbare Folge der europäischen Abschottungspolitik verstehen kann. Dabei wurden an vielen Orten Deutschlands symbolische Beisetzungen von „unbekannten Flüchtlingen“ organisiert. Abschluss soll eine Aktion vor dem Kanzleramt werden, bei der Gräber für die Flüchtlinge ausgehoben werden sollen. Eine Verpflichtung nach den europäischen Verträgen, so heißt es auf einem Plakat.</>

Aber bevor ich die Aktivisten erblicke, werde ich mit einer ganz anderen Facette dieser Gesellschaft konfrontiert. Eine riesige Bühne wurde gegenüber der Staatsoper errichtet. „Staatsoper für alle“. Barenboim und seine Schäfchen versuchen einmal im Jahr, dem Pöbel die Hochkultur näher zu bringen. Oder jedenfalls jene alt-linke, volksnahe Patina zu pflegen, die in Berlin auch die ehrwürdigsten Kulturinstitutionen ziert. Weil praktisch die Neugier des Pöbels aber nur dazu reicht, den Sonntag – statt in Charlottenburg – mal im wasteland von Berlin-Mitte zu verbringen, spielt das Orchester eben solche Brachialsymphonien, die man sich jederzeit auch als Begleitung zu Bierwerbung vorstellen kann. Oder als Hymne zu einem hochklassigen Fußballturnier.

Ich schlängele mich durch die kulturinteressierte Meute, von der ein Großteil schaut, als würde er darauf warten, dass endlich das Bier eingeblendet, bzw. ausgeschenkt wird. Plötzlich verdichten sich die Polizeisprengsel. Viele schwarz gekleidete Menschen scheinen sich zu einem Aufzug zu formieren, einige haben Kreuze dabei, andere zimmern aus Sperrholz Sargattrappen.

Es sind nicht die schwarz gekleideten Menschen, die sonst einmal im Jahr vor der EZB, beim G8 oder beim NATO-Gipfel schaurige Fernsehbilder zum Zerfall der Gesellschaft produzieren. Sicherlich, ein paar davon sind auch dabei. Immerhin müssen noch Polizeiketten und Zäune überwunden werden. Auf halbem Weg zwischen Reichstag und Kanzleramt bleibt der Zug stehen, andächtig. Dann geht es plötzlich ganz schnell: Der um den Rasen vorm Reichstag aufgestellte Bauzaun wird niedergeworfen und die teils feierlich gekleideten Aktivisten betreten die Wiese und fangen an, Gräber auszuheben.

Es wurde den Teilnehmern übrigens von der Polizei untersagt, Leichen mitzuführen oder zu bestatten. Immerhin nimmt die Berliner Polizei die Lage ernst, und hielt wohl auch echte Bestattungen für eine verständliche Reaktion auf die Arbeit ihrer Kollegen auf den Fregatten im Mittelmeer. Immerhin muss auch die Berliner Polizei die Absperrung um die Reichstagswiese aufgebaut, und so die Möglichkeit für eine kitschige, aber immer wieder eindrucksvolle Aktion geschaffen haben.

Danach gibt es ein paar Stunden Katz-und-Maus-Spiel, Polizeitrupps betreten und verlassen das Feld, ziehen einzelne Menschen aus der Menge heraus. Es werden Gräber ausgehoben und Menschenketten darum gebildet. Immer wieder sieht man entschlossene Aktivisten, die nach ihrer Festnahme wegen Landfriedensbruch in einen netten Plausch mit den Polizisten verfallen. Sie waren sich offensichtlich über die möglichen Konsequenzen ihres Handeln im Klaren, und begegnen ihren Kontrahenten auf Augenhöhe. Irgendwann ist die Wiese leer.

Was also bleibt von so einer Aktion, außer schlechten Verrissen, Löchern im Berliner Landeshaushalt und Arbeit für den Bundesgärtner? Es bleibt nur daran zu erinnern, dass das Sterben weitergeht. Und zwar nicht nur in entlegenen Weltenden, für welche nur Kommunisten, Christen und andere Spinner den armen Bürgern Verantwortung aufbürden wollten. Sondern als direkte Konsequenz des Handelns der EU, die von der BRD maßgeblich gesteuert wird und von der die deutsche Wirtschaft am massivsten profitiert.

Jedoch wird hierzulande vor allem das Halali auf sogenannte Schlepperbanden geblasen, die bei Republikflüchtlingen noch Fluchthelfer hießen. Es brennen wieder Asylbewerberunterkünfte in Deutschland. Zugleich kann man in der FAZ und der Welt wieder lesen, dass das Boot voll ist. Und auch auf diesen Seiten schwadroniert ein Dr. Schiwago in ressentimentschwangeren Rätseln vom Zusammenhang von Kultur, Wohlstand und Rechtsstaat. Das aber erinnert vor allem daran, dass auch die höchste Kultur, der ansehnlichste Wohlstand und der preußischste Rechtsstaat hierzulande in keinem unbedingten Gegensatz zum Pogrom stehen.