Ich steige aus dem Bus, die Stimmung ist Lichterfelde: Eben überquert ein gepflegter alter Herr im hellen Mantel mit Hut und Hund an der Ampel die Straße. Der Hund ist ein Dackel. Ich folge den beiden unauffällig. Von einem übermannshohen Zaun und noch höheren Bäumen umstellt liegt dort, auf der anderen Straßenseite, die ehemalige Königlich Preußische Hauptkadettenanstalt. Wenige, etwas angegraute Backsteinklötze im ruhigen Mailicht. Links ein Pförtnerhäuschen, rechts zwei Törchen, eines zum Eintreten und eines zum Verlassen, noch weiter rechts ein halbherziger Schlagbaum. Ich trete an das Häuschen heran. Glasscheibe, ein ovales Fensterchen ist geöffnet, wie im Schwimmbad, obwohl das nebenan liegt. Hinter der Scheibe ein Mann, 50, Laune: ein guter Tag in Berlin. Wir grüßen uns.

Ich nenne meinen Namen, zeige meinen Ausweis, ich begehre Einlass – ins Bundesarchiv (BArch, das lasse ich mir nicht nehmen), Standort Berlin-Lichterfelde. Und er wird mir gewährt. Versorgt mit rosafarbenem Besucherausweis und nummeriertem Spindschlüssel mit pinkem Anhänger in Bojenform schlendere ich über den großen Schotterplatz vor einem der Backsteinbauten. Hier parken einige Autos. Alles wirkt wie zu groß geraten für die paar, zumeist in die Jahre gekommenen, Kisten. Schmiedeeiserner Zaun, Schlagbaum, der Pförtner: Was wird hier bewacht?

In § 1 des Bundesarchivgesetzes heißt es: „Das Archivgut des Bundes ist […] auf Dauer zu sichern, nutzbar zu machen und wissenschaftlich zu verwerten.“, Sie bewachen „Akten, Schriftstücke, Karten, Pläne sowie Träger von Daten-, Bild-, Film-, Ton- und sonstigen Aufzeichnungen“ (so Absatz 8). Unterlagen der Bundesrepublik – und „ihrer Vorgängerinstitutionen“, wie Wikipedia es ausdrückt.

Vom Schotterplatz aus kann man hohe Bäume sehen. Linden. Linker Hand ist ein riesiger Neubau, roter Backstein, das neue Magazin. Das Wort kommt aus dem Arabischen und heißt: Schatzkammer. Wenn das fertig ist, wird es schick sein. Aber noch ist es nicht soweit. Noch ist das Magazin im Bau. Ich laufe weiter zu den sich wiegenden Baumriesen, über einen rissigen Betonpfad, wie Dorothy, hinein in diesen Streifen von Nicht-Park, hinüber zu den früheren „Andrews Barracks“. Einstöckige weiße Bungalows, Plastikfensterrahmen, Marke Übergangslösung.

Seit dem Abzug der amerikanischen Truppen aus Berlin (1995) gibt es hier einen Lesesaal für Leute, die es zu alten Akten zieht. Hier wird geforscht. Im Idealfall. Man kann sich Akten kommen lassen, exotische Formate wie Mikrofiches und Mikrofilme in beim Anschalten laut ratternde Lesegeräte einlegen und studieren. In diesem Archiv ist es also nicht dunkel und man ist nicht allein. Es herrscht gewohnheitsmäßige Gelassenheit. Hier in Lichterfelde scheint es das im Überfluss zu geben, wonach in der Stadt alle gieren und es doch nicht zu fassen bekommen: Zeit. Und Ruhe.

Drinnen ist es nicht schön. Niedrige Flure, dünne Türen, durch einen geöffneten Spalt sieht man ein Büro mit zerschlissenem Drehstuhl. Ein Gebäude wie jemand, der seinen zwanzig Jahre alten Mantel immer noch trägt: Der Mantel taugt zwar noch etwas, doch  ist er  aus der Mode gekommen. So unternimmt der, der hier im Archiv arbeitet, nicht nur eine Zeitreise in die Zeit seiner Unterlagen, sondern auch in die achtziger und frühen neunziger Jahre. Denn es gibt hier kein Internet. Jedenfalls kein öffentlich zugängliches W-Lan. „Entweder haben Sie einen Zusatzvertrag mit der Telekom geschlossen, oder Sie zahlen jetzt 5 Euro und bekommen ein Passwort.“ Freundlich, aber bestimmt. Digital detox. So läuft das hier. Ich verzichte auf Internet. Wenn ich nach Stunden das Gelände über den kleinen Weg verlasse und das Handy für die Abendplanung wieder in Betrieb nehme, wird mir nichts gefehlt haben.

  • DOKTOR AZUL

    Das erste Mal, dass ich das so in der Fom schreiben: So schön!