Sind die Computer-Nerds am Ende doch die coolen Superheld*innen, die unsere Welt vor dem Untergang bewahren?

Im Internet tummeln sich unzählige Einträge der Gruppe Anonymous. Andere behaupten, dass es sich bei diesen und jenen Seiten um Trittbrettfahrer*innen handelt.

Ich recherchierte in einem kaum zu überblickenden Feld an Meldungen unzähliger, vermeintlicher Anonymous*innen; ich hantierte mit Informationen unterschiedlichster politischer Färbung. Ob die Meldungen echt sind, ist durch die User*innen schwer zu erkennen. Anonymous-Meldungen werden häufig ohne ausreichenden Quellenverweis zitiert; ihre Ursprünge sind kaum auszumachen.

Durch die breite Zielgruppe des Kollektivs („Jeder, der will“, „Du bist Anonymous“) und die dezentrale Organisation schwillt ein Meer von Online- und Offline-Aktivitäten.

Wir sind viele, doch du weißt nicht wer (wirklich). Wir sind viele und du weißt nicht wo (tatsächlich)[1] (Änderungen: Doktor Mihi)

Was sich sicher sagen lässt: Das Markenzeichen von Anonymous sind Guy Fawkes-Masken. Die grundsätzlichen Ziele von Anonymous werden in diversen Videobotschaften verkündet: Anonymous richtet sich gegen Menschenrechtsverletzungen,  Zensur und Diktatur. Das Kollektiv engagiert sich für Datenschutz und Internetfreiheit.

Die Mitglieder blockieren Websites und knacken Server. Anonymous bezeichnet seine Aktivitäten selbst als „Hacktivismus“. Die Mitglieder vernetzen sich über soziale Netzwerke, Websites wie 4chan oder Encyclopedia Dramatica, Wikis und Internetchats. Facebook spielt eine untergeordnete Rolle in der Koordination.

Die Hauptaktivitäten von Anonymous werden als „Operationen“  oder „Projekte“ bezeichnet. Beispiele hierfür sind die langjährigen Proteste gegen Scientology, und Angriffe auf die tunesische Regierung, um auf die umfassende Zensur und die Proteste im Land aufmerksam zu machen. Die seit drei Jahren jährlichen propalästinensischen Angriffe auf Websites der Regierung des israelischen Besatzungsstaates (#OpIsrael), bewirkten den Ausfall von Internetseiten der Armee, mehrerer Ministerien sowie der Geheimdienste Mossad und Schin Bet.

Seit den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo 2014 zeigt Anonymous verstärkte Medienpräsenz durch seinen Aufruf, den so genannten Islamischen Staat (IS) im Netz lahmzulegen (#OpIsis und #OpParis). Im Rahmen dessen folgte der Aufruf zu Hackangriffen auf Social-Media-Accounts (z.B. Propaganda-Accounts), Websites (z.B. Rekrutierungswebsites), und Foren des IS. Anonymous veröffentlichte sogar eine DIY Anleitung zum “Kampf gegen den IS”. Ihr Ziel? Den IS in seiner Kommunikation zu stören. Darüber hinaus will Anonymous Inhalte sammeln, um mögliche Aktionen der Organisation aufzudecken.

Anonymous ist in den Medien derzeit omnipräsent. Vor allem im Zusammenhang mit seiner Ankündigung „Vergeltung“ am IS zu üben. Es heißt, das Kollektiv habe erste Erfolge in seinem Cyberkrieg gegen den IS vorzuweisen: geschätzte 20.000 – 100.000 Twitter-Konten (die Angaben variieren je nach Quelle) des IS seien identifiziert und aus dem Netz genommen worden. Nach Aussage des Technikportal Ars Technica beinhalte die Liste der Konten zahlreiche IS-nahe Accounts, aber auch Nutzer*innen, die sich lediglich über die Dschihadist*innen lustig machten. Auch Journalist*innen und Akademiker*innen gerieten ins Visier; außerdem Menschen, die einfach nur auf Arabisch kommunizierten.

Um dem IS tatsächlich schaden zu können, müsste dessen Infrastruktur unterwandert werden. Finanzen müssten bloßgelegt, Waffenlieferungen aufgedeckt, Kollaborationen enttarnt werden. Wir wären wohl überrascht, wie viele Spuren nach Europa führen würden. Falls Anonymous das gelänge, wäre die Gruppe erfolgreicher, als die weltweiten Geheimdienste. Einige Stimmen erachten das Eingreifen von Anonymous allerdings als Schuss, der im wahrsten Sinne des Wortes nach hinten losgeht. Spuren würden verwischt und der IS würde immer unerreichbarer ins Deep Web abtauchen.

Ungeachtet der Desinformationen zu geplanten Anschlägen, der internen Probleme, des Vorwurfs der Mediengeilheit oder des Vorhaltens leerer Versprechen wird Anonymous den IS sicher auch in Zukunft nicht als Kollektiv in die Knie zwingen.

Dafür steht der Name Anonymous auf zu vielen fehlgeleiteten Fahnen. Dafür gibt es viel zu viele Mitläufer*innen statt tatsächlich Engagierten. Außerdem wird der Aktivismus einiger von falschen Motiven angetrieben. Eine der beliebtesten Anonymous-Facebook-Seiten (fast 1.5 Mio. Likes!) ist beispielsweise stark umstritten, da sie ein Sprachrohr rechtspopulistischer, fremdenfeindlicher und hetzerischer Stimmen ist. „Lügenpresse“, „links-grün versifften Gutmensch-Mob“ sind nur zwei ihrer Aussagen .

Gerade diese Seite soll nun allerdings doch nicht mehr in den Händen von Anonymous sein. Stattdessen finden sich im Internet Hinweise darauf, dass einer der Admins die Seite gehackt habe und jetzt zu seinen eigenen Zwecken missbrauche. Aber wer weiß schon, wer nun wirklich Anonymous ist und wer nicht. Wer hackt wen und warum? Zu viele „Anons“. Die Anonymität steht den Hacker*innen in vielerlei Hinsicht stark im Weg.

Dass der virtuelle Raum in Zukunft ein hart umkämpfter Kriegsschauplatz sein wird, ist unumstritten. Auch wenn ein wirklicher Umbruch – beispielsweise in Syrien, dem Libanon und dem Sudan – wohl nur politisch bewirkt werden kann. Regierungen lassen sich nur online stürzen.

Dass einige Anonymous-Unterstützer*innen sehr ambitioniert scheinen, ist lobenswert. Wer im Endeffekt terroristisch agierenden Gruppen oder Regierungen (!)  das Handwerk legt sollte allerdings nebensächlich sein. Unterm Strich hält Personenkult nur auf. Derzeit gleicht die Berichterstattung über Anonymous eher unreflektierter Götzenverehrung, Faszination gegenüber dem Unbekannten, Masken-Fetisch.

[1] http://du-bist-anonymous.de/inhalt/index.php/anonym