„Und was machst du so?“

Das letzte halbe Jahr bin ich bestimmungslos durch Europa gereist – immer wieder wurde ich mit dieser Frage konfrontiert. Was auf den meisten Partys als Einstieg für unverbindlichen Smalltalk gilt, ließ mich weit ausholen. Ich hatte das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen dafür, gerade keiner geregelten Beschäftigung nachzugehen. Keinem Job, keinem Studium:

„Ich hab vor kurzem meinen Abschluss gemacht und werde wahrscheinlich bald weiter studieren. Aber jetzt grade mache ich nichts. Und das wollte ich auch so.“ Dabei war ich genau zu diesem Zeitpunkt Reisende, Forschende, Mensch, Zeitverschwenderin. Vieles, über das ich mich hätte definieren können, es aber nicht tat.

Dabei impliziert die Frage gar nicht automatisch jene nach einer beruflichen Tätigkeit. Woher kommt aber das Bedürfnis, sich anhand des Berufs darzustellen? Wenn ich mir anhöre, was andere Menschen auf die selbe Frage antworten, bin ich mit dieser an Arbeit orientierten Identitätsdarstellung nicht allein.

Wir – die Generation der Sinnsuchenden – wollen eine Arbeit, in der wir uns verwirklichen können. Daraus hat sich aber auch ein Imperativ entwickelt: Arbeit muss erfüllend sein. Und das kann sie nur, wenn wir in ihr kreativ gefordert sind – Routinen sind out. Wer im Büro arbeitet, wird schnell als langweilig abgetan und gilt als entfremdet: Das wusste schon Karl Marx! Dabei kann ein Job im Büro ausgeführt werden, ohne dass außerhalb der Arbeitszeit Gedanken an die Arbeit verschwendet werden müssten. Wir können auch in der Freizeit nach dem Lebenssinn suchen.

Ich möchte hier keine Lanze brechen für unhinterfragte, passionslose Beschäftigungsverhältnisse. Aber ich frage mich, warum wir so verbissen versuchen, unseren Lebenssinn in der Arbeit zu finden. Für den Traumjob leisten wir Überstunden und buhlen um Anerkennung; für ein Leben außerhalb der Arbeit finden wir keine Zeit.

Natürlich ist die Arbeit ein Ort der Identitätsstiftung und des Austausches mit anderen. Aber das können der Fußballverein oder das freundliche Gespräch mit der Nachbarin genauso sein. Tätigkeiten, für die nur wenige Vollzeit-Erwerbstätige „Zeit haben“. In kaum einem Land definieren sich die Menschen so sehr über ihren Broterwerb wie im fleißigen Deutschland – so scheint es mir.

In Kolumbien hat die Arbeit zum Beispiel einen sehr geringen Einfluss darauf, ob und wie ein Mensch wertgeschätzt wird. Wichtiger ist, wie jemand sich zu seinen Mitmenschen verhält, ob er/sie gut zuhört oder feingeistige Witze erzählen kann. Die Menschen schätzen sich gegenseitig unabhängig von ihrer Produktivität. Und sie geraten nicht gleich in eine totale Identitätskrise, sobald sie keiner Erwerbsarbeit nachgehen.

Wenn wir unseren Lebenssinn in einer einzigen Arbeit suchen, machen wir uns abhängig. Aus ihr ziehen wir all unsere Anerkennung. Wer so gebunden ist, wird kaum noch nach dem generellen Sinn und Zweck dieser Arbeit für Menschheit und Gesellschaft fragen.

Auch kreative Jobs können verwerflich sein: Wer neue Produkte und Dienstleistungen ersinnt, blendet den Ressourcenverbrauch aus, der mit ihnen einhergeht. Wer sich ausschließlich mit seiner Arbeit identifiziert, kann keinen Abstand zu ihr einnehmen, wird seine Handlungen nie überdenken. Erst die Distanz zur eigenen Arbeit ermöglicht die Reflexion über gesellschaftliche Zustände.

Viele in der Kreativ-Branche identifizieren sich zu 100 Prozent mit ihrer Arbeit. Gerade diese Kreativen sind notorisch zeitarm.

Vieles würden sie gerne tun, wenn sie nur die Zeit hätten. Doch „Zeit“ hat eigentlich jeder – nämlich 24 Stunden am Tag. Wie diese Zeit verbracht wird, ist eine Frage der Gewichtung. Auch wenn nur die wenigsten das vor sich selbst und anderen zugeben mögen. Wer sich entscheidet, Vollzeit in der Kreativindustrie zu arbeiten, Überstunden zu schieben, der legt darauf seinen Schwerpunkt. Nicht darauf, sich seine Kleider selbst zu nähen oder der Dame von nebenan unter die Arme zu greifen.

Das wäre aber völlig Ordnung! Diese Entscheidung könnte man frei treffen. Die meisten tun dies jedoch nicht.

Weil wir Erwerbsarbeit grundsätzlich wertschätzen und selten hinterfragen, blenden wir unsere Mitmenschen oft aus.

Ein ausgewogeneres Verhältnis von Arbeit und anderen – nicht weniger sinnstiftenden – Tätigkeiten wäre gesünder. Nicht nur mit Blick auf Depressionen bei Arbeitslosen und Burn-Out bei Arbeitstieren. Wir wären gelassener, zufriedener.

Dazu beitragen können wir alle. Indem wir uns wertschätzen für das, was wir außerhalb unserer monetär aufgewogenen Zeit tun. Aber auch dafür, dass wir einfach Menschen sind.

Natürlich gibt es auch Menschen, die für den Unterhalt ihrer Familie arbeiten müssen. Ich beziehe mich hier jedoch auf all jene, die wesentlich mehr arbeiten, als es die materielle Not von ihnen verlangt.

  • Werner Nieke

    Ich würde Dir gern zustimmen, Dr. Flimmer. Hab’s auch redlich versucht, nachdem ich nach dem sog. „Burn out“ – ja, das AUCH! – 2008 nach gängigen Parametern erwerbsunfähig wurde und seither ein prekäres Dasein am Rand der Gesellschaft friste. Es ist einfach so, dass schon bei einer relativ selbstsicher vorbebrachten Antwort obiger Couleur die meisten – zumindest als „zwanglos“ verstandenen – Gespräche versiegen, Freundschaften zerbrechen, gemeinsamer Gesprächsstoff ausgeht, einen die Aura des „Sonderlings“ umgibt. Nicht arbeiten heißt es in westlichen Gesellschaften kein Teil von ihnen zu sein, also ausgegrenzt. Das ist ein überindividueller Erfahrungswert, geht also nicht nur mir so. Wenn man „nichts“ macht ist das nur cool, wenn man schon sein Geld woanders gemacht hat und nichts mehr tun muss, also im weitesten Sinn „vermögend“ ist („reich“ muss gar nicht sein, nur _reichen_ muss es halt). Alles andere ruft Argwohn und zeitweise offenen Haß hervor. Sich mit dieser Rolle zu identifizieren… hm… wenn man kein ausgesprochener „Streithansel“ oder „-gretel“ ist – eher nicht…