„Puh, wie sieht sie aus? Also, sie ist sehr hübsch. Blaugraue Katzenaugen, rotblonde Haare. Und der große, große Mund. Nicht so allerweltshübsch! Unter 1000 Gesichtern würde ich sie sofort erkennen! Und sie lacht sehr viel. Nicht gekünstelt, sondern so, dass Du mitlachen musst. Dass Du danach ganz wach bist und wieder gute Laune hast.“

Nein, das ist nicht euer alter Schulfreund Jan-Frederick, der seine neue Freundin am Telefon beschreibt. Das ist auch nicht das mitgehörte Gespräch im Café. Sondern das bin ich, wenn ich von meinem absoluten, unauflösbaren und seit Jahren anhaltenden Girl-Crush auf YouTube schwärme: Anna Karenina alias xkarenina.

Seit 2008 auf YouTube, ein Urgestein also, als YouTube noch ganz den spleenigen, spartigen und verlorenen Seelen gehörte – und nicht dem Hirntod-durch-Konsum. Sie ist Beauty-Guru, fast noch geboren in einer Zeit, als Buffern, Labern, Abbruch, Krise kriegen, Weiterlabern der normale Ablauf eines Videos waren. Heute, gut sieben Jahre später, hat sie 336.652 Abonnenten, ihre 680 Videos haben insgesamt 68.230.092 Aufrufe. Ihr beliebtestes – ein Haartutorial! –  hatte gestern Nacht 500.044 Klicks. Man kann es wohl nur Karriere nennen, auch wenn man sich in einer kalten Nacht nicht daran wärmen kann.

 

Doch im „verflixten 7. Jahr“ scheint sich etwas gedreht zu haben. Seit Mai kommen keine Videos mehr von ihr.

Liebe xkarenina,

all die Jahre wollte ich Dir schreiben, wollte Dir sagen, wie gern ich Deine Sachen gucke, wie Du mich an Regentagen aus der trüben Tasse herausgezogen hast – und habe dennoch nie einen Kommentar dagelassen. Chance verpasst? Vorbei? Aus den Kommentarspalten weiß man: die Community vermisst Dich. Und weil ich wenig auf YouTube ganz ernst nehmen kann und Du das wohl auch nie getan hast, werde ich heute emotional und schreibe Dir. Öffentlich, denn wir sind schließlich Freunde 2.0.

Das war nicht immer so. Ursprünglich kennen wir uns nämlich 1.0. Das heißt aus der Schulzeit. 2004 waren wir vier Wochen in Amerika. Zusammen mit P. Und zwar „Irgendwo in Iowa“. Erinnerst Du Dich? Na klar, es war nicht Iowa. Aber ich werde nicht so blöd sein, Deine, P.s und meine Sommeraufenthalte zu enthüllen. Auch wenn es sich beim Betrachten der Fotos wie ein anderes Leben anfühlt: Erinnerst Du Dich noch? Z.B. an diesen völlig abgedrehten Eisladen, der wie einer dieser Kitschgruselkinderfilme à la „Willy Wonka“ aussah? Noch in der Mittelstufe haben wir uns aus den Augen verloren.

 

Aber dann habe ich Dich noch einmal kennengelernt. Ganz anders. 2010 auf Youtube. Damit es gleich raus ist: Ich bin kein Fan der ersten Stunde, auch wenn ich das gern glauben würde. Zum ersten Mal habe ich Dich tatsächlich relativ früh gesehen, als mir ein Freund den Link schickte. Damals war YouTube noch anders als heute. Nämlich viel öfter herrlich daneben. Aber ich habe „herrlich daneben“ damals nicht verstanden. Und bin wieder ausgestiegen. Leider.

Regelmäßig geschaut habe ich ab 2012, also in der Phase der „Professionalisierung“. Wenn ich „Professionalisierung“ schreibe, will ich damit gerade nicht in den Chor der „rentabel in 6 Monaten“-Fraktion einstimmen. Ich meine es eher im Sinne von „Veränderung“ oder „dazulernen“. Wie jeder im Alter zwischen 18 und Mitte zwanzig in irgendeiner Form dazulernt. Mehr im Sinne des Orakels von Delphi mit „Erkenne Dich selbst“.

Das „Haaaallooo“ verschwindet (ich habe es nie vermisst), die „suuuupers“ (Burgervideo vom 30.1.2009) weniger flötend, die Ernährung ausgefeilter (Food Haul vom 8.6.2013), die Outfits gekonnter, reduzierter. Irgendwann gab es andere als Tageslicht-Beleuchtung (!), dann ein Auto (!!), einen Freund (!!!). Es gab Zeiten, da ging alles in Richtung professionell (2012), dann perfektionistisch (2013), irgendwann zurück zur Natur (2015). Dieses Video war eine Zeitenwende, so natürlich und fast verletzlich hatte ich Dich lange nicht mehr erlebt. Die zweite Inschrift in Delphi soll übrigens „Nichts im Übermaß“ gewesen sein.

Wie so viele habe ich Dich nicht nur wegen des Make-ups geschaut. Sondern weil ich Dich mochte. Fürs Studium muss man die beste Freundin vielleicht zu Hause lassen, bei einem Uniwechsel zieht das Umfeld selten mit, ein Praktikum in einer anderen Stadt bedeutet, abends nicht im vollen Pub mit vielen bekannten Gesichtern vorbeizuschauen –  sondern im Internet.

So seltsam es klingen mag: Videos von Dir zu sehen ist, als würde man zu einer Freundin auf eine Tasse Kaffee kommen und ein Pläuschchen halten. Dass nur Du sprichst – geschenkt! Lernen, Filme, Musik, Schminkkrams – das haben wir eben auf eine seltsame Art doch geteilt. In Deinen Geschichten erkenne ich mich wieder, auch wenn ich ziemlich bis völlig andere Sachen lese und schaue, mich anders anziehe und andere Musik höre. Vielen wird es so gehen.

Pretty Little Liars interessiert mich nicht, bis auf True Detective habe ich noch überhaupt keine amerikanische Serie durchgehalten. Victoria’s Secret halte ich schlicht für Volksverdummung, die mit ohrenbetäubendem Marketing teures Plastik verkauft. Und ich habe nie den Filofax gewashitaped, sondern immer ins schwarze Ziegelsteinmoleskine gekritzelt.

Aber ich habe mich über jedes Deiner Videos gefreut. Denn natürlich hast Du in den Jahren auf YouTube gelernt, was geklickt wird und was sich verkauft. Aber Deine Begeisterung ist so selbstironisch wie echt und echte Begeisterung ist ansteckend. Man liebt Deine Videos für Deine Selbstermahnungen („gutes Deutsch, bitte“), Deinen Wortwitz („SemtemBÄM„), das Aus-dem-Häuschen sein beim Anblick einer Packung „Feinkost-Dittmanns Pfefferonen“, für die Leichtigkeit, die Du bei alledem ausstrahlst.

Und natürlich für Deinen Grips, den Du nie raushängen lässt, aber gar nicht kaschieren kannst. Außerdem bin ich verzückt angesichts der kleinen Details: Den Teller mit den gelben Blümchen auf dem Rand, wahrscheinlich nicht von Dir selbst gekauft, sondern beim Auszug in die erste Studentenwohnung von Mutti eingepackt, der – wie in Wimmelbüchern – immer wieder mal auftaucht, sei es 2009 oder 2015.

Aber seit Mai 2015 kamen keine neuen Videos mehr von Dir – und das Netz brodelte, bockte, verstand,  verbannte: Wie klingt das 2015? „Ich entabonniere Dich.“ Im September gab es das Rührei-und-Speck-Bild auf Instagram mit dem Post, dass es Dir gut ginge, Du aber nicht sagen könntest, ob und wann wieder Videos kämen.

Bildschirmfoto 2015-12-02 um 11.25.59

Ich konnte und kann Dich so gut verstehen. Es wundert mich immer wieder, wie daraus, dass Du über Jahre hinweg einen kleinen Ausschnitt deines Lebens mit uns geteilt hast, für die Community ein Anspruch erwachsen könnte, in Dein Leben „eingeweiht“ zu werden. Wir sahen Dein Gewicht schwanken, das Kleiderschrank-Update, Deine Ess-, Zeitschriften- und Fernsehgewohnheiten.

Wir waren sehr nah an Dir dran. Und wussten doch nicht viel über Dich. Wir sind eben nicht Jan-Frederick und Du bist nicht unsere neue Freundin. Was die Enttäuschten und Erbosten nicht vermögen, ist Deine größte Stärke auf YouTube: Videos nie mit dem Leben zu verwechseln. Du hast uns einen Ausschnitt aus einem Leben gezeigt – und zwar einen Ausschnitt für YouTube.

Ich finde es so erstaunlich wie erfrischend, dass Du nie der Versuchung erlegen bist, YouTube von der Form der Kommunikation zum Inhalt werden zu lassen und uns mit Meine-Beziehung-und-Danke-für-100.000-Abonnenten-Videos zu verschonen. Genauso mutig und gut finde ich es, sich nicht vom Markt oder den Massen diktieren zu lassen, dass oder wann Videos kommen. Vielleicht beschreibst Du, indem Du Zeit und Kraft für andere Dinge brauchst, auch mit dem Nichtposten von Videos, einen Lebensabschnitt. Nämlich den, in dem man Freunde nicht mehr an der Bushalte, sondern zum Mittagessen trifft. Man hat es immer gespürt:

YouTube war nur ein klitzekleiner Teil Deines Lebens, eine Kunstwelt, die Spaß macht, von der man sich aber nicht in eine Leere locken lassen darf. Dein wirkliches Leben: Dein Studium, Deine Arbeit, Deine Freunde, Deine Freizeit – die fanden und finden andernorts statt. Aus der zu recht gut gehüteten Fülle dieses Andernorts hast Du uns einen kleinen Ausschnitt erzählt. Danke dafür. Und für das übersüße Strawberry-Margerita-Zuckerpeeling.

 

Videos: © xKarenina (YouTube) / Fotos: © xKarenina (Youtube), xKarenina (Instagram)

  • Ella

    Ich muss sagen ich kann dem einfach hundertprozentig zustimmen. Reni war die einzige Youtuberin bei der ich mich richtig gefreut habe wenn ein neues Video kam. Sie war die einzige die mich dazu gebracht hat aus vollem Herzen laut vorm Bildschirm zu lachen. Ich hoffe es geht ihr gut und sie läd irgendwann wieder Videos hoch die mir erklären, dass es völlig normal ist über zehn Shampoos zu besitzen und washitape über alles zu lieben. Danke für alles.