Europa ist ein Elitenprojekt. Sagt zum Beispiel die grundsolide Bundeszentrale für politische Bildung und weiß Gott wer sonst noch alles. Kein Projekt für Otto Normalverbraucher oder den modernen Stadtmenschen also. Hier wollen wir uns dem modernen Stadtmenschen zuwenden, als zukünftiges Fundament unserer Gesellschaft.

Er, der moderne Stadtmensch, legt Wert darauf, dass immer fein gegendert wird, lebt durchaus vegan, benutzt bevorzugt das Fahrrad und findet Nachhaltigkeit klasse. Er hat eine gute Bildung genossen, kommt meist aus der Mittelschicht und wird wahrscheinlich auch da bleiben. Alle Alternativheit der Welt wird ihn nicht erretten vor dem Los des neuen Bürgertums. Nicht unzutreffend, denn sein politischer Gestaltungswille unterscheidet sich kaum vom alten Bürgertum: Er will die Welt (ergo das Viertel) um ihn herum (mit)gestalten. Versteht mich nicht falsch: lobenswerte Ansätze allesamt.

Erschreckend aber ist die Abwesenheit des Willens zu jeglichen politischen Diskussionen, die über den nächsten Schrebergarten oder das nächste Upcyclingcafé hinausgehen. Die großen Fragen werden, wenn überhaupt, heruntergebrochen auf die kleinen Lösungen, die Nachhaltigkeit ist hier ein schönes Beispiel. Es geht um alte Blecheimer als Blumentöpfe und Gärten im Hinterhof. Großen Lösungen wird misstraut. Das semi-autarke Viertel als Generationsutopie! In einer Welt voller zwischenstaatlicher Aggression, wirtschaftlicher Globalisierung und globalem Klimawandel!

Die EU ist die Institution für diese großen Fragen. Für Fragen von Sicherheit, gerade im Osten Europas; für Wohlstand und Klimaschutz. Die Fragen sind mittlerweile so groß geworden, dass die  Nation, auch die deutsche, sie nicht mehr alleine beherrschen und beantworten kann. Deshalb ist die EU, trotz ihrer demokratischen Defizite, nicht der Verlust des Imperativs des Volkes, sondern die  Rettung vor dem Bedeutungsverlust und der Vernichtung der Volksherrschaft. Ihre Ablehnung bzw. nonchalante Verkennung jedoch gefährdet Demokratie und Volkssouveränität.

Des Weiteren ist die EU derzeit noch so formbar wie keine andere Institution um uns herum. Sie verändert sich fortwährend. Im Moment verändert Sie sich wahrlich vor allem ausgehend von den irgendwie gearteten „Eliten“. Aber lässt man den Eliten denn eine andere Wahl? Es scheint kein gesellschaftliches oder bürgerliches Interesse daran zu geben, die Gestaltung und die Ziele der EU zu erörtern. Muss denn der neue Mensch alles auf dem Silbertablett serviert bekommen? Muss jede Diskussionsrunde staatlich gefördert werden?

Die Lösung großer Fragen geschieht nicht nur durch kleine Antworten. Aber die Reaktion des zukünftigen Bürgertums auf große Antworten ist bestenfalls Desinteresse, häufig Ablehnung. Ablehnung, weil die großen Antworten sich fortsetzen bis vor die Haustür. Müssen sie ja auch, sonst funktionieren sie nicht. Gefühlter Souveränitätsverlust.

Der moderne städtische Mensch ist gezeichnet von einer Angst vor Größe. Denn mit der Größe kommt die Verantwortung, und diese verträgt sich schlecht mit seinen ethischen Leitidealen und dem nur oberflächlich begrüßenswerten und immer auch begrenzten Puritanismus. „Family of the Year“ von Hero scheint geeignet als Hymne dieser Generation. „I don’t want to be a big man“ ist das Motto.

Der moralische Anspruch, immer  richtig und 100 % korrekt zu handeln, manifestiert im moralistischen Lebensstil, und die Angst vor der eigenen moralischen Unzulänglichkeit, manifestiert im Flugzeugurlaub, aber lässt keine Verantwortung zu. Denn eine große Verantwortung zu haben bedeutet, unangenehme Entscheidungen zu treffen und schwierige Kompromisse zu unterstützen. Man würde sich die Hände schmutzig machen müssen. Der Rückzug aus Diskussion und Verantwortung ermöglicht den Fortbestand der Illusion der eigenen moralischen Überlegenheit.

Und die ausgeprägte Ablehnung dieser Ambivalenz der Macht und der Verantwortung lähmt auch den Diskurs. Der Diskurs, der notwendig ist, um ein Elitenprojekt zurückzuführen zum Volk, um es zu demokratisieren und voranzubringen, im Interesse der Gesellschaft Europas.

Deshalb: Ermächtigt euch der Diskussion! Treibt sie voran! Denn die Schrebergartensiedlung ist wichtig. Europa aber ist wichtiger. Die Welt ist grau, nicht schwarz und weiß.

Beitragsbild: -RobW-