„I believe that every woman can be pretty without makeup. And can be pretty powerful with the right makeup.“ – Bobbi Brown

Das ist ein Text über Make-Up. Und Frauen. Obwohl am Sonntag ein geschminkter Mann in unserer WG zum Kochen war während Ziggy Stardust im Hintergrund sang. Dennoch bleibt es dabei: Das ist ein Text über Frauen und Make-Up.

Ich frage mich, warum Make-Up oft ins Extreme gezogen wird: in der Bahn sitzen mir bis zur Unkenntlichkeit zugepappte 17-jährige Puppen gegenüber, denen ich am liebsten ein Zettelchen mit „Combien de soucis s’évaporisent quand on est résolu d’être quelqu’un et pas quelque chose.*” in die Hand drücken würde. Und es gibt einige unter meinen Bekannten, die glauben, dass Lipgloss der Anfang vom Ende ihrer Natürlichkeit ist. Warum so dogmatisch? Gucken wir mal, ob Gesicht anmalen nicht auch Spaß machen kann. Wer schminkt sich? Und warum?

HISTORY CHANNEL: VON NEANDERTAL BIS NUDE

Erstmal historische Einleitung, wie wir das an der Uni gelernt haben, ne? Schminken ist uralt. Angefangen hat Make-Up als Bemalung zu rituellen oder kriegerischen Zwecken vor mehreren zehntausend Jahren. Richtig los mit dem, was wir heute unter „dekorativem Make-Up“ verstehen geht  es auch dieses Mal wieder im Alten Ägypten. Im Alten Museum (Berlin) kann man sich davon selbst überzeugen, wenn man die Nofretete-Büste anschaut: frischer rötlicher Teint, ein voller, rotbrauner Mund und klar, die mit Kajal umrandeten Augen. Die Farben zum Schminken wurden aus pulverisierten Edelsteinen wie Malachit (grün), Lapislazuli (blau) und Zinnober (rot) gewonnen, für ihren Lidstrich wird eine Dienerin der Nofretete ein Kohle-Öl-Gemisch benutzt haben.

Auch Griechen haben sich geschminkt und die Römer haben es natürlich nachgemacht. In Persien gab es Eyeliner, in Japan schminkten sich Geishas. Im Mittelalter galt in unseren Breiten die adlige Blässe als schön und so schmierte man sich giftiges Bleiweiß ins Gesicht. Das ging dann eine ganze Weile so weiter und ab dem 19. Jahrhundert achtete man darauf, dass die Schminke aus nicht gesundheitsschädlichen Produkten hergestellt wurde. Gut so.

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OLD HOLLYWOOD GLAMOUR

Im 20. Jahrhundert kommt dann der Durchbruch des Schminkens für alle Klassen. Denn wenn wir noch mal zurückschauen fällt auf, dass sich vor allem die herrschende Klasse an Make-Up erfreute. In China war es unteren Schichten zum Beispiel verboten, bestimmte Nagellackfarben zu benutzen, weil diese Herrschaftsanspruch symbolisierten. Und woher kommt der Durchbruch? – Aus Hollywoods dream factories. Deren Lieferanten für Tinkturen und Tiegelchen waren nämlich Künstler und gute Geschäftsleute zugleich. Max Factor zum Beispiel ist nicht nur eine heutige Drogeriemarke, Max Factor ist tatsächlich ein Mann, eigentlich Maksymilian Faktorowicz, der erst die Filmindustrie mit besonders begehrter Theaterschminke versorgte. Max erkannte aber, dass Kosmetik auch für den Massenmarkt interessant sein könnte. Mit Slogans, die alle darauf zielten, dass „jede Frau wie ein Filmstar aussehen kann“, baute Factor sich in den 1920er und 30er Jahren ein Imperium auf, das bis heute besteht. Ähnlich machte es auch Helena Rubinstein, die 1902 von Polen nach Australien auswanderte, dort mit ihren stylischen Klamotten und makellosem Teint auffiel, in Australien ihren eigenen Make-Up-Salon eröffnete und sechs Jahre später so viel Geld erwirtschaftet hatte, dass sie nach London zog und 1915 in New York City ein Geschäft eröffnete, dass den Grundstein zum heutigen Imperium bildete. Sie muss eine ziemlich taffe Frau gewesen sein. Überliefert ist zum Beispiel diesen Zitat von ihr: “There are no ugly women, only lazy ones”. Factor, Rubinstein und ihre Erzfeindin Elizabeth Arden und andere vereinten Stil, Know-How und Geschäftssinn. Die Produkte wurden besser und schneller produziert und sie wurden billiger, also erschwinglich für die Massen.

Bis heute sind Film und Make-Up wie Bruder und Schwester und viele, viele Make-Up-Ideen kommen natürlich aus Filmen: Nagellacke wie „Rouge Noir“ von Chanel krachten durch die Decke, nachdem Uma Thurman den in Pulp Fiction draufhatte. Auch helles Gesichtspuder wurde irrsinnig verkauft, nachdem Bella das erste Mal Edward auf der Leinwand traf.

Großen Einfluss darauf, dass Frauen aller Klassen sich trauten, sich zu schminken, hatten auch die flapper girls. Ihr wisst schon. Die, die im Great Gatsby ausgelassen zu Jazz tanzen, in der linken die Champagnerschale, in der rechten die Zigarettenspitze. Tiefschwarzer Bob, kussechter Lippenstift. Roter Lippenstift wurde übrigens auch von Sufragette als Mittel im Kampf um Gleichberechtigung benutzt. Und nicht zuletzt kamen aus der Mode Einflüsse durch die großen Häuser wie Chanel, YSL und Dior.

Halten wir fest: Schminken für die Massen verunsichert das Establishment zuerst: dieses windige Hollywood und obendrauf mutige Mädchen. Das erschien vielen anfangs zu verführerisch, zu anrüchig, zu sehr in der Nähe von Animierdamen und Prostitution. Aber anscheinend hatte diese Kombination einen Nerv getroffen. Und Elemente von dem, was eben noch verpönt war, wurden von ganz normalen Frauen in ihren Alltag integriert.

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UND DANN

In Deutschland war es mit dem Aufhübschen verordnetermaßen vorbei. Das Frauenbild der Nazis besagt neben des erwünschten Kümmerns um Heim und Herd auch: „Eine  deutsche Frau raucht nicht, eine deutsche Frau trinkt nicht, eine deutsche Frau schminkt sich nicht.“ Zu erotisch, zu selbständig, am Ende wartet die nicht brav, sondern ergreift selbst die Initiative, so dachte man vielleicht in etwa. Weg damit. Ich habe einen Artikel aus der ZEIT von 1967 gefunden, der die Nachwirkungen der damaligen Schmink- und Kreativitätsfeindlichkeit noch in seiner Zeit bestätigte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zieht das Tempo von Trends ordentlich an. Jedem Jahrzehnt kann, mit fließenden Übergängen, ein typischer Look zugeordnet werden. Große, schwarze Augen mit dramatischem Lidstrich und Penatencreme auf den Lippen in den Swinging Sixties, eher natürliche Farben in den Siebzigern, die sich dann zum Disco-Jahrzehnt machten mit Glitz und Glam. In den 80ern gab es Powerfarben auf perfekten Gesichtern mit überbetonten Konturen – das kommt uns heute ziemlich überzogen vor. Die Achtziger hatten aber auch das Ende der Standardisierten Augenbraue in Petto. Siehe Brooke Shields. Yippieh! Seit den 90ern geht es eigentlich darum, sich zu schminken, um natürlich auszusehen. Nude Lippenstifte sind ein Indikator dieses Trends. Nichts übertreiben. Denn wie Calvin Klein, der Mann hinter den Unterhosen so schön sagte: “The best thing is to look natural, but it takes makeup to look natural.” Und heute wieder mal geht alles.

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UND WER IST HEUTE ÜBERHAUPT GESCHMINKT?

In der Wirtschaft, sei es als Kassiererin, Personalchefin oder Unternehmerin sind nahezu alle Frauen geschminkt. Sie arbeiten schließlich in einer Welt, in der Sachen nicht nur gekauft werden, weil sie ihren Zweck erfüllen, sondern auch, weil sie schön anzuschauen sind. Make-Up gehört hier dazu wie klassischerweise auch der Schlabberpulli und Puschen (so ein schönes Wort) zu Hause gelassen werden, wenn man arbeitet.

An der Uni und in meinem Freundeskreis kommt es sehr darauf an, in welchem Rahmen man sich dort trifft und vor allem wer sich trifft. Die meisten meiner Bekannten schminken sich entweder nie, wirklich niemals, manche nur alle Jubeljahre, wenn die Eltern Silberhochzeit haben und Fotos gemacht werden. Oder nur, wenn sie ausgehen. Zumindest in meinem Freundeskreis ist nur die Minderheit regelmäßig bis immer geschminkt.

Woran liegt das?, frage ich mich. Warum langweiliger aussehen, als nötig, wenn es doch anders ginge. Deswegen frage ich die ungeschminkte Welt und bekomme zur Antwort: „Morgens keine Zeit“, „Keine Lust“,  „Wofür der Aufwand? Es ist doch nur die Uni/Mittwoch/mein Bruder zu Besuch.“ Und, der Klassiker: „Warum schminkst Du Dich eigentlich?“ Dieser Frage will ich jetzt mal nachgehen, die finde ich selbst spannend.

 

EINE ANDERE UND DOCH ICH SELBST

Erstens: Ich habe es einfach immer schon geliebt, mich zu verkleiden. Heute will ich aber nicht mehr „feine Dame“ sein, ich will mich nicht mehr verstellen und verkleiden, sondern lieber als ich selbst in meiner besten Version losziehen. Winzige bis kleine Akzente zu setzen kann eine effektivere und alltagstauglichere Verwandlung herbeiführen als jede Pumuckelperücke. Selbst dann, wenn nur ich selbst weiß, dass der goldbraune Lidschatten für Daenerys Targaryan steht, deren Stärke ich heute mit ins Geschubse der Friedrichstraße nehmen will. Und jetzt kommen wir zu meiner Antwort auf die Frage, warum ich mich schminke: Das Beste an Make-Up ist, dass man sich genau wie mit Klamotten in eine andere Version seiner Selbst verwandeln kann. Klar, das meiste kommt aus dem Inneren, aber man fühlt sich gleich noch ein bisschen mehr wie Superman, wenn man einen Umhang trägt, oder? Ich kann so auf diskrete, aber sichtbare Weise Farbenfreude, Fantasie und Abwechslung mit in alle Lebenslagen nehmen. In der S-Bahn geschubst zu werden ertrage ich als Daenerys leichter. Wenn ich nicht sogar den dreisten Mann mit der dicken Uhr böse anfunkele oder laut sage, dass er gefälligst aufpassen soll, wem er sein Metallköfferchen in die Rippen haut.

Natürlich schminkt man sich zweitens auch, um gut auszusehen. Und auch, um Leuten zu gefallen. Ich möchte Ihnen meine Schokoladenseite zeigen, als sympathisch und angenehm wahrgenommen werden. Beachte: Gut aussehen zu wollen heißt nicht, verführen zu wollen. Punkt. Wer was anderes behauptet, macht Unterstellungen die in die gleiche Richtung gehen, wie dem Vergewaltigungsopfer nachher zu sagen, dass der Rock aber auch wirklich sehr kurz war.

Drittens hat gepflegt auszusehen für mich auch etwas mit Selbstliebe zu tun. Die Vorzüge des eigenen Gesichts zu betonen kann Ausdruck davon sein, dass man sich selbst mag und sich etwas Gutes tun will. Klar, dass auch diese Medaille eine Kehrseite hat. Dass zu viel Make-Up auch Ausdruck der Angst sein kann, sein wahres Gesicht zu zeigen. Aber das hat dann wenig mit der von mir gemeinten Kunst des sich gekonnt Zurechtmachens zu tun. Aber wer hinter all dem gleich Effekthascherei und Unsicherheit vermutet, oder sogar den Vorwurf „nicht authentisch“ zu sein erhebt, hat vielleicht auch nur Scheu vor dem spielerischen Umgang mit verschiedenen Facetten einer Persönlichkeit.

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Viertens vereint Make-Up Kunst und Handwerk und bringt die beiden direkt in meinen sonst doch ziemlich kopflastigen Alltag. Es geht hier um Farbtöne, Pinsel,  Schwämmchen, Wasser, Konsistenz, harmonisches Zusammenwirken verschiedener Teile eines Ganzen. Alle Werkzeuge wollen richtig gehandhabt werden. Diese Feinmotorik muss man lernen (mit 14 habe ich mir auch jeden Morgen mit dem Wimperntuschebürstchen brutal ins Auge gestochen) und es macht Spaß, immer geschickter und fixer zu werden, also z.B. einen Lidstrich ohne Abzusetzen ziehen zu können.

Letzten Endes kann es mit dem Make-Up jede halten wie eine Dachdeckerin. Was ich aber gehofft habe, zu zeigen, ist, dass Make-Up gekonnt zu tragen wenig damit zu tun hat, nur gefallen und es allen (Männern) recht machen zu wollen. Simone de Beauvoir, Angela Merkel, Emma Watson, Alice Schwarzer, J.K. Rowling und Anita Sarkeesian von feminist frequency (um nur einige wenige zu nennen) sind in der Öffentlichkeit geschminkt. Man muss sich also nicht fürchten, am Stuhl der Frauenbewegung zu sägen, wenn man Lidschatten trägt. Bobbi Brown, eine der bekanntesten und erfolgreichsten Make-Up-Artists ist, hat mit dem Zitat oben aus der #PrettyPowerful-Kampagne den Nagel auf den Kopf getroffen.

Und jetzt geh‘ ich mal und suche den perfekten Goldton für meine Version von Daenerys.

* Das ist übrigens ein Zitat von Coco Chanel und heißt auf Deutsch ungefähr so viel wie: „Wie viel weniger Sorgen man hat, wenn man sich entscheidet, nicht länger etwas zu sein, sondern jemand.“

photo credit: slimmer_jimmer via photopin cc. Der hat Schaufenster der britischen Kosmetik-Firma Illamasqua fotografiert, deren Slogan „makeup for your alter ego“ ist.

  • Doktor Flimmer

    Da musste ich doch gleich mal wieder in den Mascara zücken! Erfreulicher Text! Allzu oft habe ich mich in letzter Zeit darüber geärgert, schon wegen meiner blonden Haare -von Hardcorefeministinnen wohlgemerkt- nicht für voll genommen zu werden. Nur durch das Benutzen von Make-Up degradiert mensch sich nicht gleich zum Objekt :) Dagegen sein kann auch zum Zwang werden…

  • Doktor Mihi

    Die Gleichung „Make up = gepflegt aussehen = Selbstliebe“ als allgemein gültig zu betrachten halte ich für etwas gewagt.

    Aber dennoch: danke für den text, hat spaß gemacht ihn zu lesen!