Wenn ich „Fasten“ bei Amazon eingebe, bekomme ich 4545 Ergebnisse angezeigt und kann mich kaum entscheiden zwischen „Ayuvedischem Heilfasten“, „schamanischem Fasten“, „Intermittierendem Fasten“, „Basenfasten für Eilige“ und „Fasten auf Italienisch“. Ein so verstandenes Fasten ist wie Manager sein und ins Kloster gehen: Ruhe finden, aber bitte mit Eventcharakter. Um sich danach umso heftiger zu optimieren, umso schlanker und entschlackter wieder in Routinen zu versumpfen.

Dabei ist – klar wie eine Tasse Brühe – das Ritual des Fastens sehr alt und in vielen Religionen bekannt. Für Christen beginnt die Fastenzeit heute, am Aschermittwoch und dient der Vorbereitung auf Ostern. Die 40 Tage bis Ostersonntag (in der Evangelischen Kirche sind es rechnerisch sogar 46 Tage, weil auch an Sonntagen gefastet wird) lehnen sich dabei an andere Begebenheiten an, bei denen die 40 in der Bibel eine Rolle spielt. Z.B. die 40 Jahre Exodus, die 40 Tage, die Mose auf dem Berg Sinai verbrachte, aber vor allem natürlich an die 40 Tage (und Nächte), die Jesus in der Wüste verbrachte. Fastend.

Eine der Trendsetter-Organisationen der Welt schlechthin, die Evangelische Kirche, versteht unter Fasten etwas anderes. Seit den 80ern gibt sie jedes Jahr die Devise „7 Wochen Ohne“ aus. Damit ist nicht gemeint, sieben Wochen auf etwas Vorgeschriebenes wie z.B. feste Nahrung zu verzichten. Diese Art von Fasten kritisierte schon die Reformation als reine Äußerlichkeit, mit der man, na klar, gar nichts bei Gott erreichen könne. In der Schweiz begann man vor 500 Jahren die Fastenzeit deswegen erst mal schön mit dem Zürcher Wurstessen (vereinfacht gesagt).

Bei den Evangelen geht es, natürlich, allein um den Glauben. Es geht darum, „den alten Adam zu zähmen“ (Luther, der wahrscheinlich nie auf Fleisch(e(s)slust) verzichtet hätte). Verzichtet wird heute deswegen nicht so sehr auf etwas Bestimmtes, sondern eben auf „geliebte Angewohnheiten“, also z.B. auf die Klassiker Schmöken, Bechern, Schmausen. Was in den 80ern als Stammtischidee von Journalisten und Theologen in Hamburg entstand, findet heute bei 2 Millionen Menschen Anklang. Nach Selbstauskunft.

Und was soll das? Die Idee ist folgende: Wer bewusst auf etwas verzichtet, das normalerweise einfach dazugehört, hinterfragt die Alltagsroutine. Ist es wirklich „alternativlos“, sonntags den Tatort zu schauen? Ist es wirklich fairer, keinem Bettler eine Zeitung abzukaufen, bevor man einem 1,70 € gibt? Was passiert, wenn wir etwas nicht so wie immer machen? Wir werden garantiert nicht die schlanken, schönen, entschlackten Selbstdisziplinierten. Fasten ist eben nicht als Schleudertrauma gedacht. Eher als raus-aus-der-Spur. Vielleicht kommen wir auf wenig befahrene Straßen voller Schlaglöcher? Oder nach durchfahrenen Nächten auf Umwegen irgendwo ganz anders an?

Als Anstoß dazu gibt die 7-Wochen-Ohne-Aktion seit 1998 auch ein geistiges Motto aus, worauf in diesen Wochen verzichtet werden soll. 2009 war es „Sich entscheiden! – 7 Wochen ohne Zaudern“, 2015 „Du bist schön – 7 Wochen ohne Runtermachen“ und 2016 lautet die Botschaft „Großes Herz! – 7 Wochen ohne Enge“. Wir sollen versuchen, großzügig mit den Menschen zu sein, es „nicht so eng“ zu sehen, den anderen einen Platz in unserem Herzen (kitschy) oder unserer Heimat (not so kitschy) zu geben.

Zur Organisation Kirche kann man stehen, wie man möchte: Ich finde die Idee spannend, bewusst auf etwas zu verzichten, das man normalerweise tut und es für selbstverständlich hält. Was passiert, wenn man aus seinem Trott ausbricht? Versucht, sich für sieben Wochen von materiellen und gedanklichen Ketten loszumachen? Sich nicht vom „natural default setting“ (David Foster Wallace) bestimmen zu lassen? Vielleicht zu merken, wie anders und wie unabhängig wir sein könnten? Also, buckle up, „it’s going to be a bumpy night“ (Bette Davis).