In vielen Filmliebhabern steckt ein Kind, das sich ab und an zu Wort meldet und etwas sehen möchte, das ,,einfach nur Spaß macht!”. Das ist auch in Ordnung, das brauchen wir, das muss es geben. Vor einiger Zeit habe ich dieses Kind mal zur Seite genommen und ihm gesagt, dass ich glaube, dass es vielleicht ein Rassist, ein Faschist oder Schlimmeres sei. Da anthropomorphe Allegorien in Form von kleinen Kindern jedoch keine Vorstellung davon haben, was Rassisten sind, starrte es mich mit großen Augen an und fragte: „Ist das schlimm?“. Die schlechte Nachricht ist: Wenn ihr 300 oder Taken mögt, steckt in euch auch dieser kleine Nazi in spe. Die gute Nachricht ist: Vielleicht geht das in Ordnung.

Reden wir einen Augenblick lang über Moral. Es liegt in der Natur von Narrativen, dass sie uns Figuren präsentieren, die mit ihrer Welt interagieren. Die Charaktere denken und handeln und ihre Taten werden im Laufe der Geschichte belohnt oder bestraft. Die einfachste Form von Moralität finden wir in Märchen: Geh‘ nicht zu Fremden, die dich mit Süßigkeiten locken, sonst frisst dich die Hexe.

Filme sind als moderne Märchen komplexer und komplizierter geworden, aber sie folgen immer noch den gleichen Grundregeln. Denkt man über Filme mit einer klassischen Erzählstruktur nach, wird man schnell feststellen, dass sie dem Zuschauer nahelegen, sich in einer bestimmten Art und Weise zu verhalten. Manchmal ist eine Moral nicht offensichtlich, manchmal ist sie ungewollt, man kann damit spielen, sie pervertieren, sie verkehren, sie veralbern, aber sie bleibt dennoch vorhanden. Dieser Aspekt sollte nicht der Dreh- und Angelpunkt eines Filmes sein, aber es ist eines seiner Elemente.

Jeder gute Regisseur, jeder gute Geschichtenerzähler, sollte sich darüber bewusst sein. Er hat eine gewisse Verantwortung, eine Bringschuld dem Publikum gegenüber: Er muss wissen, welche Geschichte er erzählt und ihre Konsequenzen kennen. Er muss mir das nicht verraten, aber er sollte sich selbst darüber im Klaren sein und dafür gerade stehen.

Man trifft aber immer wieder auf Filme, von denen man denken muss, dass die Regisseure keine Ahnung hatten, was sie da eigentlich gerade aussagen. Wenn diese Filme in der Versenkung verschwinden ist es ja auch schön und gut aber manche von ihnen sind so immens erfolgreich, dass man sich schon fragt, ob überhaupt irgendjemand darüber nachdenkt, was er da gerade gesehen hat und wenn ja, ob es ihm oder ihr einfach nur komplett egal ist. Vorhang auf für Taken und 300.

[Spoiler für beide Filme!]

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Taken (dt. Titel 96 Hours) wurde gerade zur Trilogie ausgeweitet und hat Liam Neeson für die kommenden drei Millionen Jahre als Actionstar gebrandmarkt. Wir erleben die Abenteuer eines Geheimagenten im Ruhestand, der seine alten Fähigkeiten nutzen muss, um seine Tochter aus den Händen skrupelloser Mädchenhändler zu befreien.

Das Töchterlein im Film möchte gerne nach Paris reisen, aber Daddy bleibt hart. Er kennt die Welt, sagt er, Gefahr lauert überall, behauptet er. Doch Mutti wird weich und lässt das Kind ziehen. Kaum am Bahnhof in Paris angekommen trifft Töchterlein mit ihrer Freundin einen sympathischen jungen Mann ihres Alters, der sich mit den Mädels etwas den Weg teilt und sogar mit ins Apartment kommen möchte. Die beiden sind aber vorsichtig und lehnen ab. Doch [what a twist!] der Junge zückt ein Handy und ruft böse Gesellen an, die am hellichten Tage (!) in die Wohnung einbrechen und beide Jungfrauen entführen, unter Drogen setzen und sonstwas mit ihnen machen.

Liam Neeson hatte recht: die Welt ist ein böser Ort! Nein, nicht die ganze Welt: Amerika nicht. Am Ende erhält die gerettete Tochter ja sogar einen Besuch von ihrem liebsten Popsternchen, weil in den USA einfach alles möglich ist. Nicht so wie im Höllenschlund Europa.

Mademoiselle Tochter geht im Film nicht in schäbigen Städten nachts in Stripschuppen und gibt sich auch nicht mit zwielichtigen Gestalten ab. Nein, sie kommt einfach mittags in Paris an und redet mit einem Gleichaltrigen, den sie nichtmal mit auf ihr Zimmer nimmt. Aber das reicht schon. So verdorben ist die Welt – wenn du in einer europäischen Großstadt aus dem Zug aussteigst, bist du schon so gut wie vergewaltigt und sobald du dich (Gott bewahre!) mit einem Fremden unterhältst, stehst du eigentlich schon mit einem Bein auf dem Strich und lässt dich von haarigen Arabern in den Hintern ficken. Hatte ich vergessen das zu erwähnen? Die Bösen sind natürlich teilweise Osteuropäer aber hauptsächlich Araber. Das Finale findet auf der Yacht eines Menschen statt, den ich einfach als Scheich bezeichnen muss und der wohl gerne junge, weiße, drogenberauschte Mädchen vernascht und bestimmt auch in seiner Freizeit Djihad führt oder so.

Dass Liam Neesons liberale, weltoffene Film-Ehefrau weinend zum Ex-Mann kommt, weil nur er die Sache richten kann, setzt dem ganzen die Krone auf – ihre Weltansicht, dass man Dinge in Frieden lösen kann, ist falsch. Ein Mann muss her. Ein amerikanischer Mann, der Araber und Europäer killt um endlich wieder die Tochter in den Schoß des Heimatlandes zu bringen wo die CIA auf dich aufpasst und Popmusiker sexy aber keusch sind.

Wenn uns dieser Film etwas mitgeben möchte ist es folgende Lektion: Verlass nicht dein Land. Niemals. Da draußen ist die Hölle. Und wenn du doch gehen musst, dann sprich um Gottes Willen nicht mit Einheimischen. Du Nutte!

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300 erzählt die Geschichte von der Schlacht an den Thermophylen. Sparta setzte sich gegen das persische Imperium zur Wehr und an einem Engpass standen der Legende nach 300 spartanische Soldaten, die Welle für Welle der Angreifer aufhielten, bis sie am Ende den Kampf doch verloren.

Es gab diese Schlacht wirklich und es wurde dort ein Denkmal errichten, auf dem zu lesen war „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“ Diese Begebenheit und das dazugehörige Denkmal waren im Dritten Reich als strahlende Vorbilder angesehen worden: Soldaten, die bis zum Ende kämpfen und deren Ruhm und Pflichterfüllung den Tod überdauert. Es wurde an Schulen unterrichtet und auch später in der Trümmerliteratur als finsteres Motiv aufgegriffen. In Heinrich Bölls Kurzgeschichte „Wanderer, kommst du nach Spa…“ wird ein verletzter Soldat in seine alte Schule gebracht und sieht im Sterben liegend den halb abgewischten Leitspruch der nationalsozialistischen Ideologie an der Tafel stehen.
Das alles könnten Alarmglocken für eine mögliche Verfilmung sein, dass man mit dem Stoff sensibel umzugehen hat, dass hier fragwürdige Werte vertreten werden, aber 300 macht keine Gefangenen.

Jeder kennt den berühmten Kampfschrei „DAS IST SPARTA!“ – der ausgestoßen wird, als der Botschafter eines anderen Landes in eine Grube getreten wird. Es ging außerdem bei den ‚Verhandlungen‘ darum, ob sich die Spartaner dem persischen Imperium anschließen. Diplomatie? Fehlanzeige! Wer es wagt Sparta politisch zu betrachten, kriegt ‘ne Sandale in die Fresse!

Unser Held ist Leonidas, stolz und unerschrocken, genau wie seine 300 anderen, weißen, muskulösen Spartanischen Freunde. Auf der anderen Seite stehen die Perser, die im Bestfall Transvestiten, meistens aber Mutanten oder missgestaltete Monstrositäten sind. Treudoof wie die zehn kleinen Negerlein, laufen sie den Spartanern dann auch brav in die Schwerter.

Aber warum schließen sich König Leonidas eigentlich nur 300 Krieger an? Weil der Senat sich entschlossen hat, nicht in den Krieg zu ziehen. Ja richtig, es gibt einen Senat und er hat trotz König eine gewisse Entscheidungsmacht und möchte nicht, dass man sich einen unnötigen, blutigen Krieg aussetzt, der verhindert werden kann. So scheint es. Der Senat erhält seine Befehle von einer Gruppe Priester (natürlich sind diese auch wieder missgestaltet und pervers), die genau wie viele Senatsmitglieder von den Persern bestochen wurden. Die Demokratie, dieser Teufel im Engelsgewand, ist somit unnütz und korrupt und nur der stolze Führer, der wahre König, der Wohlgeborene kann und darf entscheiden, denn er weiß, was richtig ist. Hier wird uns also eine cremige Melange aus anti-demokratischen Konzepten und Führergedanken aufgetischt. Lecker.

Zu guter Letzt verlieren die Spartaner ja nicht, weil sie schlechte Kämpfer oder mittelmäßige Strategen sind, nein, sie werden verraten! Ein Krüppel will unbedingt mitkämpfen, darf es aber nicht, weil er nicht in die Schildreihe passt. Das klingt, wenn man den Film sieht, in dem alle ständig in Zeitlupe quer durch die Gegend rennen ohne sonderlich Ordnung zu halten, nach einer blöden Ausrede und man möchte meinen, dass irgendwo ganz hinten bestimmt noch Platz für einen Dreihundertersten wäre, aber so ist es nunmal nicht. Behindi ist dementsprehend traurig und rennt zum Ober-Homo der Perser, der ihn mit Gold und zerkratzten Flittchen lockt. Darum verrät diese Kreatur, die geistig scheinbar so deformiert ist wie körperlich, den geheimen Zugang zum spartanischen Heer und die Perser können triumphieren.

Gleich zu Beginn des Filmes wird uns erzählt, dass normalerweise jedes Spartanische Kind begutachtet wird und wenn es nicht perfekt ist, wird es in eine Schlucht geworfen und umgebracht. Unser Verräter-Krüppelchen wurde jedoch von seiner Mutter versteckt und konnte dieser Rassenreinheitsauslese entkommen. Hätte dieses System jedoch funktioniert, dann hätten die Spartaner gewonnen, denn scheinbar ist nur ein toter Krüppel ein guter Krüppel und jeder der überlebt ist eine Bedrohung für die Rasse und den Erfolg des Landes. Aber so ganz verlieren die Spartaner ja auch nicht, denn nachdem sie für Führer und Vaterland gefallen sind, verbreitet sich ihre Sage und der Rest des Landes, endlich vom Joch der Demokratie befreit, rafft sich auf und stürzt sich in den glorreichen Krieg! Hussa!

Man könnte zur Verteidigung vorbringen, dass der Film eine Satire ist, aber dafür nimmt er sich zu ernst, feiert sich selbst und seine Ästhetik zu sehr. Ja, er karikiert und überstilisiert, aber ich sehe nie einen Moment, an dem wir Leonidas ernsthaft hinterfragen würden, denn er wird durchweg als starke Leitfigur dargestellt. Es sind fatale Gedankengänge die hier vermittelt werden, die direkt aus der NS-Vergangenheit zu stammen scheinen. Aber trotzdem bringt der Film doch so viel Spaß! Trotzdem sieht er doch super aus und die Action ist cool und überhaupt ist es doch nur ein Film.

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Nur ein Film. Nur eines der weit verbreitetesten, zugänglichsten, einflussreichsten Medien auf diesem Planeten. War das nicht immer das, was gute Propaganda ausgezeichnet hat, dass sie nicht als solche erkannt wird und trotzdem den Weg in unsere Köpfe findet? Es sind genau diese Filme, die so tun als wären sie nur bunt und spaßig, über die wir nicht nachdenken. Es sind diese Filme, die auch an ein jüngeres Publikum gerichtet sind, das sie einsaugt und geil findet, ohne sie zu hinterfragen. Warum auch, wenn es doch eben nur ein Film ist?

Werden wir jetzt alle Nazis, nur weil wir 300 geguckt haben? Möglich, aber unwahrscheinlich. Wir können ja das Feld einmal von der anderen Seite aufräumen mit etwas, das ich das ‚Riefenstahl Dilemma‘ getauft habe.

Leni Riefenstahl war Regisseurin im Dritten Reich und verantwortlich für einige der erfolgreichsten Propagandafilme ihrer Zeit u.a. Fest der Völker über die Olympischen Spiele und Triumph des Willens über den Reichsparteitag. Sie wusste natürlich mehr oder weniger was sie tut, kannte ihre Auftraggeber und ihre Aufgabe, aber wollte nach eigener Aussage einfach nur Filme machen. Diese Filme sind mitunter schlicht und ergreifend genial. Riefenstahl entwickelte Bildästhetik und Montagetechniken, die bis heute Auswirkungen zeigen und sogar Star Wars hat einige ihrer Stilmittel übernommen. Das Dilemma liegt also in der Frage ob man diese Filme für ihren künstlerischen und ästhetischen Wert mögen, bewundern und vielleicht sogar genießen darf, obwohl sie zu einem verwerflichen und unverträglichen Zweck gemacht wurden?

Wäre es doch so einfach wie im Märchen, wo die Moral klar und deutlich ist. Wie bei Hänsel und Gretel, deren Geschichte uns ganz klar sagt, dass es richtig ist Kinderschänder in einen Ofen zu stecken und lebendig zu verbrennen.

Hoppla. Da haben wir wohl etwas durcheinander bekommen – oder war das doch die Intention der Gebrüder Grimm? Wenn man schon Märchen nicht mehr trauen kann, was soll man denn erst bei Filmen sagen, die so viele andere Schichten haben und an deren Entstehung mit jeder Adaption und jedem Drehbuch dutzende von verschiedenen Menschen beteiligt sind?

Das Schlüsselwort für all diese Rätsel ist vielleicht am ehesten ‚Reflektion‘. Das filmische Kind in uns nimmt einfach nur wahr und macht ein Spiel daraus – es kann verwerfliche Dinge tun, aber nicht in böser Absicht, es ahmt nur nach und hinterfragt nicht, es ist eben nur ein Kind und muss noch lernen und reifen. Sobald ich mit etwas in Dialog trete, mir darüber Gedanken mache und mir im Klaren darüber bin, was es ist und was es sagt, habe ich die Wahl zu entscheiden ob mich ein Film durch seine Botschaften in einem unzumutbaren Maße entsetzt oder beleidigt. Für den Inhalt des Filmes bin ich zwar nicht verantwortlich, aber für meine Rezeption des Werkes. Ich habe dann das Recht ihn zu verachten und an den Pranger zu stellen, genauso wie ich das Recht habe doch ein Auge zuzudrücken und besseren Wissens das kleine Kind im Bauch zum Spielen rauszulassen, damit es seinen Spaß haben und sich austoben kann. Zumindest solange das große Kind im Kopf ihm sagt: „Schon recht, aber denk’ dran: Es ist nur ein Film.“