Ich grabe gern. In Bücherkisten und den Denkarien anderer Leser. Bei solchen Ausgrabungen finde ich oft nur einem Haufen Dreck, manchmal buddele ich historisch interessante Stücke aus und manchmal richtige Schätze. Heute mein Ausgrabungsbericht zu Ernst Wiecherts Roman „Das einfache Leben“.

Das einfache Leben, das ist es, was Thomas von Orla, der Protagonist, sucht. Denn die Gewissheit, wie man einfach lebt, ist Thomas durch seine Nachdenklichkeit und den Ersten Weltkrieg abhandengekommen. Seitdem streift der Marineoffizier a.D. orientierungslos durchs nächtliche Berlin der 20er Jahre. Was ihm einst Ordnung war (Gott, Vaterland, Kaiser, Militär, Ehe und Familie) hat seine Bedeutung verloren, sein Leben erscheint ihm heuchlerisch und sinnlos. Bis er beim Blättern in einem Buch (ja, es ist die Bibel) auf einen Satz stößt, der ihn trifft und ihm keine Ruhe mehr lassen wird: „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“ Dieser Satz wird sein Weckruf. Thomas entscheidet sich, aus seinen gesicherten Verhältnissen auszubrechen, um als Fischer an einem See in Ostpreußen seinem Leben einen neuen Sinn zu verleihen. Damit wählt er paradoxerweise gerade nicht das einfache, also bequeme Leben, sondern ein schweres.

Seine Entscheidung bringt körperliche Anstrengungen mit sich. Diese ermüden zwar seine Glieder, doch befreien ihn von dem, was er als eigentliche Strapaze empfindet: jeden Tag aufs Neue den Sinn seines Daseins hinterfragen zu müssen. Thomas’ Suche nach einem „neuen Gott ohne Gesicht“, „dem Gesetz“, dem er gehorchen kann und das seinem Leben wieder Halt gibt, ist das Thema des Romans. Aber können wir nicht ohne Regeln glücklich, vielleicht glücklicher werden? Ich denke nicht. Jeder Mensch sucht, genau wie Thomas, nach Regeln, unter die er sein Denken beugen kann. Auch wenn Religion, Familie oder Nation ausgedient haben: es bleibt die Sehnsucht nach Gesetzmäßigkeit, nach irgendeiner Form der Sinnhaftigkeit und Berechenbarkeit unseres Lebens, das wir nicht aushalten könnten, wenn es so aussähe, als taumelten wir nur von Zufall zu Zufall. Diese Gesetze gibt es allem Anschein nach nicht, aber wir wünschen uns so sehr, es gäbe sie, dass wir sie nicht nur suchen, sondern sogar finden. Eines dieser Gesetze ist die bewusste Einfachheit, die Thomas sich auferlegt und die nach wie vor populär ist. Nennt es meinetwegen nicht Gesetz. Seht den Tomätchen im Klunkerkranich beim wachsen zu und nennt es „urban gardening“. Schaut „Into the Wild“ oder lest Thoreaus „Walden“. Bringt eure Klamotten zu Oxfam oder stellt euch in der Buchhandlung vor das Regal mit Lebensratgeberlitartur, dass drei, ach fünf Mal so breit ist wie das mit Lyrik. Alles dient nur einem Zweck: in einer brüchigen Welt einen Halt zu finden, an den man sich klammern kann, weil sich darunter der Abgrund auftut.

Um für sich diesen Sinn zu finden, lässt Thomas seine drogenabhängige Frau und seinen kleinen Sohn zurück. Das scheint zunächst verantwortungslos, ist aber bei genauerem Hinsehen Verantwortungsvollste, was er tun kann. Denn den einmal gefassten Gedanken („Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“) kann Thomas zwar einzusperren versuchen, doch wird er keine Ruhe geben. Bleibt Thomas, wo er ist, wird die Einsicht in die Sinnlosigkeit seines Lebens an ihm nagen, ihn zuletzt brechen. In diesem Zustand kann er niemandem ein guter Vater oder Ehemann sein. Zu gehen, bevor er sich und die anderen unter der Hülle eines scheinbar intakten Familienlebens zermürbt hat, ist verantwortungsvoll gegenüber den eigenen Idealen und damit auch gegenüber den Mitmenschen.

Dass Thomas dabei an sich selbst zweifelt und seine eigene Schuld erkennt, bewahrt ihn vor dem Vorwurf des Egoismus. Dieses Schuldigwerden an anderen Menschen ist ein wiederkehrender Gedanke im Roman. Er erzählt von der Schuld, die die Menschen mit dem Weltkrieg über sich gebracht haben und andererseits auch von jener Schuld, die der Mensch auf sich lädt, sobald er mit anderen in Kontakt tritt, weil menschliches Zusammensein ohne Verletzungen schlicht nicht möglich ist. Thomas quält sich mit diesem Schuldigsein. Ruhelos fragt er den Pfarrer: „Aber wie sollen wir frei werden von dieser Schuld? Durch Glauben? Dieser gibt eine für Thomas überraschende Antwort: „Wie kommen Sie darauf? Arbeiten soll man, arbeiten!“ Die Arbeit als Abbitte, weil das Nachgrübeln noch niemanden geholfen hat? Ist das nicht nur die bloße Betäubung der eigenen Verfehlungen? „Das einfache Leben“ romantisiert harte, körperlich zermürbende Arbeit. Zu oft aber ist diese Arbeit von jenen überhöht worden, die sie nicht selbst verrichten mussten. Das ist ein Hohn denen gegenüber, die nie eine Wahl hatten, andere Arbeit zu tun. Das vergessen lässige Feierabendgärtner gern, wenn sie abends noch mal für zwei Stündchen hinterm Schreibtisch hervorkriechen, den Blick über selbstgezogenen Wirsing und die City-Skyline schweifen lassen und denken, dass „was mit den Händen machen auch schön wäre“. Zugestehen muss man Thomas und vielen „Landlust“-Lesern, dass sie die Arbeit nur für sich verklären, ihr Konzept aber niemandem aufzwingen.

Thomas Weg aus der Sinnlosigkeit und Schuld ist also ein radikal individueller. Frieden mit der Welt schließt jeder nur nach seinen persönlichen Vorstellungen, wie Thomas meint. Thomas erteilt Heilsversprechen und absoluten Wahrheiten eine Absage. Bevor einer die anderen zu bekehren versucht, soll er sich erinnern „(…) daß der Raum des Friedens nur so groß war, wie seine Arme ihn umspannen konnten, daß immer der einzelne beginnen müsse, ehe viele aufbrechen dürften (…)“ Die Gesetze sind selbstgeschaffene. Man kann Thomas deshalb Realitätsflucht vorwerfen. Er tritt nicht an, einen Zustand zu verändern, ihn für andere zu verbessern, sondern flüchtet sich in eine Abgeschiedenheit, die nur möglich ist, weil er von Geburt an privilegiert ist. Bei aller Sehnsucht nach Einfachheit ist Thomas’ Ideal ein elitäres. Er verzichtet auf materielle Sicherheit, weil er sie hatte und jederzeit zurückerlangen könnte.

Wer so lebt, hilft damit nur sich und seinem unmittelbaren Umfeld, sonst niemandem. Was Thomas’ Wunsch, ein Leben ohne Geschwätz führen zu wollen, nicht weniger dringlich oder weniger nachvollziehbar macht. Und ein mir nur zu gut vertrautes Dilemma vor Augen führt: Darf ich mich in mein selbstgeschaffenes Universum, meine selbstgeschaffene Einfachheit zurückziehen, weil ich es dort einfacher habe als in der rauen, komplexen Welt, obwohl ich die Kraft und das Talent hätte, diese Welt für andere zu einer besseren zu machen? Habe ich meine Pflicht und Schuldigkeit gegenüber den anderen getan, wenn ich einmal mehr Steuern zahlen werde als der Durchschnitt? Oder habe ich am Ende keine andere Pflicht als diese: meinen Idealen, d.h. meinen Gesetzen treu zu sein?

Das einfache Leben beantwortet die Frage, ob der Einzelne der Gesellschaft entfliehen darf, mit einem eindeutigen Ja. Interessant an diesem Bekenntnis ist, dass das Werk 1939 erschienen ist – und nicht hätte erscheinen sollen. Der Druck war allem Anschein nach „ein Versehen“. Dabei sind Wiecherts frühe Werke „Blut-und-Boden pur“. Aber 1933 gibt er seinen Beruf als Lehrer auf, steht ab 1934 unter Gestapo-Beobachtung und wird 1938 für einige Monate ins KZ verschleppt. Wenige Monate danach erscheint „Das einfache Leben“, bis 1942 werden, laut Wikipedia, 260.000 Exemplare des Buches verkauft. Die Geschichte eines eigenbrötlerischen, gedankenverlorenen Adligen in einer Zeit von „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“.

Wieso wird dieses Buch damals zum Bestseller? Und wieso wird es heute allenfalls noch vom Bund der Vertriebenen und Masurenmystifizierern in Ehren gehalten? Der omnipräsente Helmut Schmidt sagte in den 60er Jahren in einem Interview, dass Wiecherts Roman seinen Vorstellungen von einem Leben nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges treffend abgebildet habe. Herbert Wehner (wikipediert ihn und hört ihn euch an, wenn ihr diese SPD-Größe nicht mehr kennt!) soll das Buch als einen Glücksfall bezeichnet haben. Die Idee eines selbstbestimmten Lebens in Abgeschiedenheit, fernab des Staates und offene Kritik an der Selbstüberschätzung und dem Karrierismus der jüngeren Generation scheint einigen aus der Seele gesprochen zu haben. So rechnet man Wiechert auch der Kategorie „Innere Emigration“ zu. Auch hier stellt sich wieder die Frage: Darf ich mich raushalten oder ist es geboten, sich einzumischen?

Einiges stößt sauer auf: Monarchismus, Überhöhung preußischer Tugenden, klischeehafte Darstellung angeblich adliger Charaktereigenschaften wie Ritterlichkeit und Anstand während Arbeiter nur als dumpfe Masse gezeigt werden. Weiterhin ist das Pathos der Dialoge mir als heutigem Leser fremd geworden – und verdächtig. Dem Buch fehlt jede Ironie. Es ist ein historisch interessanter Fund, weil er davon zeugt, wie geschrieben, gedacht und gelebt wurde.

Und ja, es ist auch ein Schatz. Der Traum, aus gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen und ein aufrichtigeres Leben zu führen, faszinierte und fasziniert. Um ein Leben in Freiheit zu erlangen, muss Thomas vieles abstreifen, was Fessel ist, aber Halt bietet: es gibt keinen Gott, der zu unseren Gunsten eingreift und nicht einmal wir selbst sind Herrscher über unser Schicksal. Wenn wir Sinn wollen, müssen wir ihn stiften und uns eigene Regeln geben. „Das einfache Leben“ erzählt davon, wie machtlos wir sind, ohne uns mutlos zu stimmen. Im Gegenteil. Es ist eine Aufforderung, eigenwillig zu leben, weil mit falscher Rücksicht niemandem gedient ist. Der Roman gesteht ein, dass wir uns für dieses Leben den Vorwurf des Eskapismus und des Elitären gefallen lassen müssen. Der Roman steht  ungewöhnlich ehrlich zur sehnsüchtigen Seite des Menschen nach Geborgenheit, gerade in Freiheit.