Es geht ein Irrsinn durch die Welt, auf dass sie bald zusammenfällt! Das Weiße Haus verkündet keine Tatsachen mehr, sondern bietet „alternative Fakten“ an, die AfD inszeniert sich als geistiger Nachfolger von Sophie Scholl. Die Wahrheit ist ein umstrittenes Gut dieser Tage. Die etablierten Medien stehen ihr ratlos gegenüber. Fast unbemerkt hat ein Paradigmenwechsel begonnen; wir hören keine Nachrichten mehr, sondern nur noch Geschichten.

Vor langer Zeit saßen die Menschen um ein Feuer und erzählten sich Geschichten um einander die Welt zu erklären. Der Schamane spricht und seine Erzählungen sind Märchen, Wissenschaft und Nachrichten zugleich. Bis eines Tages jemand anfing diese Geschichten zu hinterfragen. Schädel wurden eingeschlagen.

Beim Narrativ der aktuellen Geschichte sind sich die Feinde einig: Wir sind eine Haaresbreite davon entfernt in Orwells 1984 aufzuwachen. Die Hirne der Massen sind durch Propaganda weichgespült und wie Lemminge rennen sie in ihr Verderben. Es ist an der Zeit sich aufzulehnen! Lasst euch diese Welt nicht länger vorgaukeln, sondern kämpft für die Wahrheit, die man euch versucht vorzuenthalten! Unstimmigkeiten gibt es allerdings bei der Rollenverteilung in diesen Fabeln.

Auf der einen Seite steht die Behauptung, dass die Welt bereits in Orwells Fiktion angekommen ist und nur Menschen wie Trump, Höcke und Le Pen sie retten können. Die andere Seite ist sich sicher, dass genau diese Menschen den Weg in die Dystopie bereiten und aufrichtige  Journalisten dagegen kämpfen wie gegen Windmühlen. Trump, die AfD, CNN und Der Spiegel nutzen dabei jeweils angeblich die gleiche Waffe: sie trauen sich die Wahrheit zu sagen. Nur ist leider die eine Wahrheit stets das Gegenteil der anderen und man muss nicht Philosophie studiert haben um zu erkennen, dass hier etwas nicht stimmen kann.

Es entsteht ein perfektes Verschwörungs-Paradoxon: Wenn du nicht meiner Meinung bist, dann bist du entweder von der Propaganda der Mächtigen verseucht oder vielleicht sogar einer von ihnen. Eine komplett subjektive aber dennoch völlig wasserfeste Denkweise, die jedes Argument unverzüglich beseitigt. Daher kann ich mir eine beliebige Seite aussuchen und behalte automatisch Recht.

Wenn man einen Schritt zurücktritt erkennt man eine andere Wahrheit: Die Demagogen von heute zensieren nicht mehr, im Gegenteil, sie Fluten uns mit Informationen und wer nicht aufpasst droht zu ertrinken. Und mittlerweile verändern ihre Methoden die Art und Weise, wie Medien und Gesellschaft zusammenspielen.

Es beginnt mit einer Desensibilisierung. Die Skandale werden in einem solchen Tempo ausgepackt, dass man fast das Gefühl für sie verliert. Hat man vor wenigen Jahren oft Tagen oder gar Wochen über Fehltritte in der Regierungsebene debattiert, kommt nun alle paar Stunden ein Tweet, ein neues Plakat oder ein Bericht, der einen den Kopf schütteln lässt. Dieser Empörung folgt normalerweise eine Handlung, aber dazu kommt niemand mehr, da schon der nächste Eklat an die Tür klopft. Die Taktung der Nachrichten gepaart mit der großen Bandbreite an verfügbaren Informationsquellen betäubt. Die vielen kleinen Lügen über Nichtigkeiten und Ego-Angelegenheiten rauschen an uns vorbei und ebnen langsam den großen Lügen den Weg. Wenn der Knall kommt, könnten wir schon längst taub sein.

Die zweite Säule dieses medialen Wechsels ist Erkenntnis, dass die meisten Verfehlungen, wenn man sie genau betrachtet, nicht komplett politisch sondern oft moralisch sind. Die Aussagen sind stärker als ihre Auswirkungen, denn sie greifen uns unmittelbar und persönlich an und treiben uns zur Weißglut. Es sind Hassreden gegen Minderheiten, Herabwürdigung von Frauen, Verherrlichung von katastrophalen Ereignissen.

Während wir uns über diese Dinge echauffieren, verlieren wir oft die eigentliche Politik aus den Augen. Jeder weiß, dass Trump dazu steht Frauen an die „Pussy“ zu fassen, aber wie viele haben sein Parteiprogramm gelesen und können fundiert darüber sprechen? Jede Diskussion über den Weiße-Rose-Vergleich der AfD lässt ein Gespräch näher an einen Stammtisch rücken, an dem Metadiskussionen über Image und PR geführt werden, aber nicht mehr über politische Inhalte. Parlamentsentscheidungen kommen auf die dritte Seite, während Tweets auf den Titelblättern prangen.

Die etablierten Medien werden durch dieses Vorgehen geradezu gelähmt, denn es sind die reißerischen Schlagzeilen, die emotionalen Momente, die Skandale und großen Empörungen, die für Leser und Klicks sorgen. Und egal, wie traditionell eine Zeitung oder ein Magazin ist: Es braucht Leser. Man steht also vor der wichtigen Wahl, entweder den Blick auf die politischen Fakten zu lenken und dafür vielleicht einen großen Teil der Laufkundschaft und Gelegenheitsleser einzubüßen oder das Biest zu füttern, das mit jeder Schlagzeile erneut an Öffentlichkeit gewinnt.

Hier wird der dritte und letzte Schritt für einen langsamen Wechsel des Medienverständnisses getätigt. Der Wechsel unserer Informationsgrundlagen. Nie zuvor wurden Meinungen und Schlagzeilen so sehr von Facebook und Twitter gelenkt wie dieser Tage. Die sozialen Netzwerke sind für eine breite Masse zur Hauptinformationsquelle geworden.

Für die Nazis erfüllte diese Rolle damals der Volksempfänger: Ein relativ neues Medium, das plötzlich an Bedeutung und Output gewinnt und von den Populisten gespielt wird, wie eine Teufelsgeige. In jedem Haus dröhnt es uns zu und liefert Kost die einfacher verdaulich ist als das schwere, gedruckte Wort. Leichter kann man dem Credo folgen, welches vom Weißen Haus und der AfD Führung ausgeht: Warum die Fakten von den Leitmedien verklären lassen, wenn wir euch die Wahrheit direkt liefern können?

Ein neues Leben beginnt in der Echokammer einer postfaktischen Filterblasenwelt und jeden Tag kommt ein neues Schlagwort dazu. Es gibt wenig, was wir dagegen tun können. Eine neue Sachlichkeit könnte helfen. Jeder gebrüllten Behauptung ein paar nüchtern recherchierte Fakten aus verschiedenen Quellen entgegensetzen. Aber wo bleibt denn da der Spaß? Und noch viel wichtiger: Wo bleiben die Likes?

Wir sitzen wieder in der Höhle um unser Lagerfeuer, wo Märchen, Wissenschaft und Nachrichten ein und dasselbe sind. Die Grenzen, die über Jahrhunderte gebildet wurden, verschwimmen. Doch diesmal gibt es keinen Erzähler mehr, sondern alle schreien durcheinander und haben ihren Volksempfänger 2.0 voll aufgedreht.

Es hängt eine Art Ultimatum in der Luft: Wenn es uns nicht bald gelingt zu unterscheiden, welche Themen wirklich relevant sind und welche nur Unterhaltungswert haben, sollten wir besser einige große, spitze Steine zur Seite legen. Das Köpfeeinschlagen könnte bald wieder losgehen.