Ich hatte Lust darauf, mir endlich mal wieder einen Horrorfilm im Kino anzusehen. Die Wahl fiel auf Don’t Breathe– in der Kinobeschreibung stand: „Horrorthriller vom Regisseur des Evil Dead-Remakes über eine Gruppe von Teenagern, die in das Haus eines Blinden einbrechen und dort die Hölle auf Erden erleben“. Der Trailer schien auch ganz okay spannend. Wieso nicht!

Was sowohl in der Beschreibung, als auch im Trailer ungezeigt blieb: ein Höhepunkt des Filmes bestand darin (Achtung Spoiler-Alarm!) aufzudecken, dass im Keller des Hauses eine Frau gefangen gehalten wird, die mit einer Pipette vergewaltigt wurde, um ihr Sperma einzuführen. Das war so klar, dachte ich, dass es am Ende doch wieder auf Vergewaltigung hinaus läuft.

Ich erinnere mich nur zu gut daran, wie ich als Kind einen Spielfilm gesehen habe, in welchem eine Frau*[1] ihr ungewolltes Baby in eine Toilette gebärt und herunter spült. Die Schwangerschaft war die Konsequenz einer Vergewaltigung. Was diese Szene mit mir gemacht hat? Sie hat mir Angst gemacht, sie wirkte wie ein mahnender Zeigefinger: „Sei nicht zu unbefangen im Leben, kleines Mädchen! Kenne die Grenzen deiner Bewegungsfreiheit, sonst…!“.

Filme wirken. Das ist nicht meine innovative Erkenntnis, das ist wahrscheinlich Inhalt jeder „Einführung in die Filmanalyse“-Vorlesung und Kernthema zahlreicher Veröffentlichungen (z.B. Ohler, P., 1994: „Kognitive Filmpsychologie: Verarbeitung und mentale Repräsentation narrativer Filme“). Sie wirken und wirken und wirken. Damit sichergestellt ist, dass jeder Mensch in dieser Welt keine Dosis verpasst, werden jedes Jahr zahllose Filme und Serien auf den Markt geschwemmt, die Frauen* die Angst vor Vergewaltigung und Männern* die Macht über Frauen*(körper) im Bewusstsein halten sollen.

Allein bei meiner Recherche über die letzten zwei Jahre (!) bin ich auf so viele Beispiele jener Plot-Bestandteile gestoßen, dass ich nicht einmal einen Bruchteil aufzählen könnte (Achtung Spoiler-Alarm!): Raum (2015), Diary of a Chambermaid (2015),  Return to Sender (2015), High-Rise (2015), Regression (2015), Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern (2015), Anatomy of Violence (2016) und eben Don’t Breathe (2016). In Game of Thrones (GoT) reden sich viele diese endlos auftretenden Vergewaltigungs-Szenen schön (ich gehörte auch zu diesen Leuten), indem sie sie als Reflexion historischer Tatsachen sehen wollen.

Doch die Frage bleibt doch: Ist der Blickwinkel und die Darstellung der Szenen in GoT wirklich gewählt, um historisch akkurat zu sein – sofern das je ein Anspruch war – oder nicht doch höchst auf die Erotisierung des Geschehens ausgelegt? Sind wir mal ehrlich: GoT möchte auch Masturbationsvorlage sein. Während einer Vergewaltigungs-Szene in Staffel 5 wird beispielsweise kein Schreien und Wimmern ausgespart.

Besonders ärgerlich ist, dass ich mit dem Rundfunkbeitrag gezwungenermaßen auch die Produktion, Ausstrahlung und Vervielfältigung dieser Schundstreifen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen finanziere. Der Tatort und Polizeiruf 110 zählen nämlich auch zu Vergewaltigungs-Fetischisten. 2014 wurde nach der Ausstrahlung einer Tatort-Folge (Tatort „Kopfgeld“)  eine kleine Welle von Empörung losgetreten, initiiert durch  Sabine Blackmore von der Humboldt-Universität Berlin. Die Kritik richtete sich dagegen, dass ausgestrahlt wurde, wie eine Staatsanwältin vergewaltigt wurde, sich aber nicht traute, anzuzeigen, weil man sie der Lüge bezichtigen würde. Die Quintessenz für die Zuschauerschaft? – Versuch‘ gar nicht erst, Täter juristisch für eine Vergewaltigung zu belangen, wenn sogar eine Staatsanwältin das nicht tun würde. So viel also zum Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Teaching rape-culture.

Ich lobe mir die Thriller und Horrorfilme der 70er Jahre!

Natürlich, auch dort kamen Vergewaltigungen vor, aber nicht mit einer solch hohen Wahrscheinlichkeit, wie das heute der Fall ist. Du willst einen schockierenden Film drehen? Na, da brauchst du nicht mehr mit um 180 Grad verdrehten Köpfen[2] oder mit reitenden Leichen[3] ankommen. Irgendwann sollte schon eine Frau in eine dunkle Ecke gezogen werden.

Wir Menschen sind häufig die willigen Zugpferde von rape-culture, die sich selbst vor den Wagen spannen und die Scheuklappen aufsetzen. Filme fungieren als visuelle Peitschen, mit denen Frauen* zurechtgewiesen werden, wenn sie* sich nicht zu Schwäche, Machtlosigkeit und Verletzlichkeit bekennen. Subtile, schleichende, nachhaltige Freiheitsberaubung, eine hypermediale – wenn auch evtl. unbewusste und aus schierer Einfallslosigkeit rührende – Drohung an die Frauen*welt.

Da gesellschaftliche Normen leider nicht aus der Qualität bestimmter Praktiken, sondern der Quantität ihres Auftretens heraus entstehen, werden in den Köpfen der Frauen* ganz bestimmte Messages eingepflanzt: „Vergewaltigung ist der Normalzustand! Überall lauert Gefahr! Eine Vergewaltigung wird dich auch psychisch zerstören! Es ist für alle Frauen* schlimm! Du hast keine Chance dich zu wehren! Du bist schwach!“ Gepaart mit Filmen, in denen cis-Männer die absoluten Oberhelden und Supermacker sind, macht das im Laufe der Zeit immer noch mehr Sinn und wird als gegeben angenommen.

Vergewaltigung von cis-Männern oder deren Kastration scheinen kein besonders beliebtes Filmmotiv zu sein.

Schon hört mensch Mädchen* und Frauen* selbst Sätze sagen wie: „Frauen* sind eben das schwächere Geschlecht“, „Bei meinem Umzug fehlen mir noch ein paar starke Männer“ oder „Es war so dunkel in der Straße, da haben sich sogar männliche Freunde von mir gefürchtet“.

Frauen* werden zu einer paradoxen Abhängigkeit vom Schutz durch cis-Männer sozialisiert, welche jedoch gleichzeitig auch die Täter sind. Gelöst wird das Paradoxon damit, dass im Endeffekt die Übergriffe als selbstverschuldet dargestellt werden – Frauen* haben schlichtweg den Trieb im Beschützer verführt, welcher dann wie ein Werwolf im Mondlicht von einer Sekunde auf die andere vom starken Helden zur unausweichlichen Gefahr wird.

Klar, es ist wichtig, dass die Filme mit Vergewaltigungsplot differenziert betrachtet werden: Ist die betroffene Frau* hilfloses Opfer oder agiert sie aktiv, selbstbestimmt und wehrt sich erfolgreich? Gibt es einen Wendepunkt? Wird das Thema kritisch dargestellt? Wurde auf eine Erotisierung der Szene verzichtet? Wurde der Täter (sind nun mal in Filmen zu 99,999% cis-männlich) verurteilt? Für die meisten der thematisierten Filme müssen die Fragen leider verneint werden. Das trifft auch auf eine deutliche Mehrheit der Vergewaltigungsszenen in GoT zu.

Dass dies hier keine wahnhafte Verschwörungstheorie ist, wird deutlich, wenn mensch die Ergebnisse der google-Suche mit den Schlagwörtern „Filme mit Vergewaltigungsszenen“ sichtet. Diese Filme werden ganz gezielt auf Internetseiten gesammelt – teilweise sogar auf die Vergewaltigungsszene reduziert. An den Kommentaren unter den Filmausschnitten wird nur allzu deutlich, wozu diese Seiten dann dienen sollen: als Wichsvorlagen.

Klar, es sind Fiktionen und es sind keine Menschen beim Dreh zu Schaden gekommen. Aber es sind Fiktionen, die als Realitäten verkauft und unbewusst auch als solche aufgenommen werden. Fiktionen, die Leben prägen und formen.

Ich plädiere nicht für mehr Kastrationen in Filmen. Ich plädiere für mehr Drehbücher, in denen andere Realitäten und Facetten von Frauen* vermittelt werden, ich will beschwingt aus einem Film heraus gehen und denken „Yeah, geil, packen wir es an! “ oder mich eben kreativer und nicht konstant auf Kosten weiblicher* Selbstbestimmung gruseln.

 

 

[1] Der Genderstar * steht für alle Menschen, die sich nicht in die Geschlechterbinarität – männlich und weiblich – einordnen wollen.

[2] Der Exorzist (1973)

[3] Die Rückkehr der reitenden Leichen (1973)

 

Der Artikel wurde auch veröffentlicht bei *innenAnsicht

 

 

  • Doktor Innen

    Mhm… ist die psychologische Funktion von Horrorfilm und Horrorliteratur nicht unter anderem, gesellschaftliche Traumata darzustellen? Geht man von diesem Standpunkt aus, dann wird dieses Szenario der vergewaltigten Frau ja auch zunehmend innerhalb des Horror-Genres gezeigt, eben weil es (mittlerweile?) als gesellschaftliche Angst und Tabu begriffen wird.
    Natürlich bin ich keine Verfechterin der Rape-Culture, aber man sollte dann eben wirklich die Darstellungsweise an sich in den Fokus stellen – also ob die Szene sexualisiert wird – und nicht zwangsläufig verurteilen, dass so eine Szene im Film auftaucht. Oder?

    • Doktor Mihi

      Auf jeden Fall, ich habe ja auch geschrieben, dass es auf die Darstellungsweise ankommt. Aber wie gesagt, diese ist häufig ein großes Problem. Auch finde ich es noch im Rahmen, wenn solche Szenen mal in Filmen vorkommen – aber ich halte es für sehr auffällig, krass und ehrlich gesagt auch sehr langweilig, dass Vergewaltigung mittlerweile so ein Standardbestandteil von Thrillern/ Horrorfilmen ist. Und nicht einmal Vergewaltigung im breit auftretenden Spektrum – nein, immer nur die Vergewaltigung von Frauen* durch einen (oder eben mehrere) cis-Mann/Männer. Damit werden meiner Meinung nach nicht mehr gesellschaftliche Traumata dargestellt, sie werden gesät und reproduziert; gesellschaftliche Rollen werden vermittelt, geschlechtliche Machtstrukturen und Hierarchien vorgelebt. Im Sinne von: der Schockmoment eines Films, der Gipfel der menschlichen Entmachtung wird durch die Vergewaltigung einer (machtlosen, wehrlosen) Frau* durch einen cis-Mann praktiziert. Diese Dauerschleife der Szenen könnte überspitzt fast schon als Überkompensation der Angst vor der Entmachtung des Patriarchats gedeutet werden. Letzteres geht aber wahrscheinlich zu weit.

      • http://www.filmloewin.de Filmlöwin

        Erst mal danke für den Artikel, dem ich uneingeschränkt zustimme, da mir das Thema selbst sehr am Herzen liegt. Und es geht tatsächlich nicht nur um die „Qualität“ der Szenen, also um „sexualisiert“ oder nicht, sondern auch um die Quantität. Ich habe aus beruflichen Gründen in den Jahren 2014 und 2015 jeweils etwa 150 Fernsehfilme und Serien gesichtet und insbesondere im zweiten Jahr ist mir in Anbetracht des immerhin gleichen Plot-Device Missbrauch/Vergewaltigung/Gewalt an Frauen schier übel geworden. Falls dich übrigens meine Perspektive auf das Thema interessiert: http://filmloewin.de/es-reicht-plaedoyer-fuer-weniger-missbrauch-im-deutschen-tv/