Ich bin bis dato eigentlich nie eine Comicleserin gewesen. Vielleicht habe ich Comics (von griech. [komikos] – die Wirkung der Komödie betreffend) lange als eher „triviales Spaßmedium“ betrachtet, das sich an Leute richtet, die irgendwie lieber „Bilder angucken“ als „richtig“ zu lesen. Tjaja. Comics müssen nicht in erster Linie komisch sein, dürfen es aber!

Mit den Comics ist es, wie mit allen anderen Medienformen auch: es gibt sehr gute, bessere, ein breites Mittelfeld und es gibt schlechte. Es würde wohl niemand auf die Idee kommen, allgemeine Qualitätsurteile über das Medium „Buch“ bzw. „Film“ zu fällen, oder? Wieso muss also der Comic für pauschale Werturteile herhalten? Gerade in den letzten Jahren wurde viel für eine Imageaufwertung des Comics getan. Die Gattungsbezeichnung Graphic Novel für umfangreichere Comics im Buchformat ist hierbei gleichermaßen als besondere Form sowie als Umbenennung des Comics zu betrachten. Insgesamt setzt sich die Vorstellung, Comics ernst(er) zu nehmen und als ein literarisches Medium zu begreifen, das sich insbesondere durch eine Vielzahl gestalterischer Möglichkeiten auszeichnet, nur sehr langsam durch.

Dieser Artikel möchte euch den Comic aus einem ungewohnten Blickwinkel vorstellen: aus seiner Theorie heraus. Doktor Peng präsentiert euch das spannende, relativ junge Forschungsfeld der Comicforschung und einen großartigen Comic: Grimm’s Märchen ohne Worte.

Was sind Comics, eigentlich?

Das erst seit ein paar Jahren bestehende, interdisziplinäre Forschungsfeld der Comicforschung nimmt sich des vergleichsweise jungen Mediums Comic aus einer wissenschaftlichen Perspektive an. Literatur-, Medien- und Kulturwissenschaftler können sich hier austoben; dieses interdiskursive, intermediale und populärkulturelle Medium erlaubt die Analyse aus verschiedensten Blickwinkeln, ebenso wie Anknüpfungspunkte für kunsthistorische und sozialwissenschaftliche Fragestellungen.

Eine Begriffsbestimmung des Comics ist ständigem Wandel unterlegen. Die aktuelle Definition begreift den Comic als „eine Erzählung in wenigstens zwei stehenden Bildern“ (Sackmann 2007, S. 6). Der Comic ist weder Gattung noch Genre, sondern eine spezielle literarisch-künstlerische Ausdrucksform. Wir haben es hier mit einer Hybridform zu tun: Text und Bild stehen in enger Verbindung zueinander und sind ineinander verschränkt. Die Erzählung wird dabei vorwiegend über das Bild transportiert. Nicht alle Comics arbeiten mit Sprache, jedoch erhöht dies die Komplexität der Erzählstruktur.

Obwohl Comics folglich vorrangig über die Sprache ihrer Illustrationen funktionieren, sind sie dennoch primär als Form der Literatur zu verstehen, da sie in erster Linie eine Handlung tragen.

Erzählt wird in einzelnen Sequenzen, den sogenannten panels („gerahmte Einzelbilder“), diese sind durch die gutter (weiße Leerstellen) voneinander räumlich abgegrenzt. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel, auch sprachlose Comics oder Bilderromane gehören dazu.

Aus ihrer eigenen Geschichte heraus sind Comics ein serielles Medium. Zwar ist die älteste bekannte sequenzielle Bilderzählung, der Papyrus des Hunefer (ca. 1300 v. Chr.) wohl eher Einzelstück, doch begreift sich der Comic in einem engeren Medienverständnis als Serienprodukt. Durch die modernen Massenmedien des 20. Jhs. wurde diese Form des Geschichtenerzählens überhaupt erst möglich und die Comics erster Stunde erschienen zunächst als Zeitungsbeilagen, später als serielles Einzelheft.
Nach wie vor handelt es sich bei Comics um  „episodische Geschichten oder Variationen einer sich wiederholenden Grundhandlung“ (Ditschke et al. 2009, S. 14).

Comics sind durch kulturelle Praktiken bestimmt. Dabei sind zum einen Praktiken, die sich speziell auf Comics und deren Tradition (Sprechblasen, Onomatopoetika – also Lautmalereien; sprich Ouch! Pow! Bang! Grrr!) beziehen, zum anderen allgemeine Kultur-, Alltags- und Lesepraktiken der jeweiligen Rezeptionskultur gemeint. Ihr habt ja sicherlich alle schon mal einen Manga in der Hand gehabt und festgestellt, dass die sich eben anders(herum) lesen.

Ein besonderer Comic

Letztens war ich auf einer Lesung des Illustrators Frank Flöthmann. Er stellte neben seinem neuesten Werk Stille Nacht. Die Weihnachtsgeschichte ohne Worte auch seinen relativ bekannten Comic Grimms Märchen ohne Worte vor.

Geschichten wie die Grimm’schen Märchen bzw. die Weihnachtsgeschichte ohne Worte nach- bzw. neuerzählen, wie soll das gehen?
Frank Flöthmann bezeichnet seine Comics selbst als piktographische Comics, in denen einzelne Worte durch grafische Symbole, sogenannte Piktogramme, ersetzt werden.

Grimm’s Märchen wurden speziell von mir ausgewählt, um exemplarisch daran zu zeigen, wie man Comics lesen könnte.

Wie lesen wir Comics?

Comics lesen ist Konstruktionsleistung. Comiclesende müssen beim Lesen einzelne Bildausschnitte zu kohärenten Handlungsabfolgen zusammensetzen und Leerstellen füllen. Zudem erfordert die besondere Verschränkung von Text- und Bildsprache im Comic auch einen Leseprozess, der auf (mindestens) zwei Ebenen durchlaufen wird. Ditschke, Kroucheva und Stein, unsere Comicforscher_innen erster Stunde, sprechen in Hinblick auf Comics und deren Intermedialität sogar von einer Dreifachcodierung des Comics. Wer Comics ‚richtig‘ liest bzw. analysiert, liest dabei auf drei verschiedenen Ebenen.

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1. Die erste Ebene, die tatsächliche Bildebene, funktioniert über die bildinhärente Intermedialität jedes einzelnen panels. Damit ist die Interaktion der Bild- und Schriftzeichen im Comic bzw. einzelnen panels und deren Wirkung in Kombination gemeint.

Bei Grimm’s Märchen ohne Worte fungieren die Piktogramme als Schriftzeichen, die wiederum aus ihrer Bildsprache heraus übersetzt werden müssen.

Also, was sehen wir hier? (Bitte klicken)
  • drei Farben: weiß, rot, grün (übrigens die drei Farben, mit denen der gesamte Comic arbeitet)
  • Kleine Figur, ausgestattet mit charakteristisch weiblichen Attributen (Kleid) → kleines Mädchen; schwarzes Kleid, roter Hut/Kappe
  • Mädchen trägt Korb in der Hand, Flaschenhals im Korb erkennbar
  • Mädchen läuft auf eine Blumenwiese zu → sammelt Blumen
  • Sprech- und Gedankenblasen: die Blumen sind für eine bestimmte Person gedacht

Wenn wir nun einmal versuchen würden, uns einzelne Gedankengänge während des Lesens bewusst vor Augen zu führen, stoßen wir auf Fragen wie diese:

Wie wird eigentlich die Wirkung erzeugt, dass wir das kleine Mädchen in Bewegung erleben, obwohl wir stehende Bilder betrachten? Wieso erkennen wir auf den ersten Blick, dass das Mädchen sich hier auf einer Blumenwiese befindet? Wieso ist sofort klar, dass das Mädchen die Blumen einsammelt, obwohl sie die einzelnen Blumen vielleicht auch nur nacheinander berühren könnte? Wie schaffen wir es, die Zeichen in ihrer Gedankenblase zu deuten und erkennen, dass die Blumen für eine bestimmte Person, eindeutig als Großmutter dargestellt, gedacht sind?

Wenn wir Comics lesen, arbeiten wir in erster Linie mit unserem Vorstellungsvermögen und unserem Wissen über bestimmte kulturelle Praktiken. Aber auch unser Erfahrungs- und Weltwissen werden im Leseprozess abgerufen. Zunächst können wir die dargestellte Szene eigentlich nur verstehen und ihren Kontext einordnen, weil wir zum Beispiel wissen, dass Blumen auf Wiesen wachsen und Blumen ein typisches Gastgeschenk sind.

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2. Die zweite Ebene bezieht sich auf die „mediengeschichtlich konnotierte intermediale Reflexivität“ des Comics. Diese Ebene funktioniert über explizite und implizite Verweise auf frühere Comics oder andere Medien.

Grimm’s Märchen ohne Worte ist in dieser Frage eine ganz besondere Wahl. Zum einen arbeitet der Comic bewusst mit charakteristischen Elementen dieser Ausdrucksform, es gibt panels, gutters, Leserichtungspfeile und auch Sprechblasen, die allerdings nicht mit Wörtern, sondern eben piktographisch gefüllt sind.
Zum anderen wird hier mit einem der elementarsten literarischen Grundlagenstoffe des westlichen Kulturraumes, den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, gespielt.

Auf dieser Ebene wird vor allem auf die Mediensozialisation und das sogenannte kulturelle Gedächtnis der Lesenden zurückgegriffen. Beides wird zum Entschlüsseln des Textes benötigt: Zunächst kann hier nur auf den ersten Blick (rote Kappe, Oma, Blumen, Wein?) erkennen, dass unsere Blumenpflückerin niemand anderes als Rotkäppchen sein kann, wer dieses Märchen in- und auswendig kennt. Wenn Lesende nun versuchen, die einzelnen Sprechblasen des Dialoges zu füllen, stellt sich hier schnell heraus, wie präsent die Handlungsabfolge dieses berühmten Märchens noch ist. Bei Rotkäppchen gelingt das übrigens noch erstaunlich gut, einige andere Märchen des Comicbandes verlangen den Lesenden dabei einiges ab.

Besonders spannend sind die Stellen, an denen der Autor inhaltliche Abweichungen vom originalen Märchenstoff verbildlicht. Geschickt hat Frank Flöthmann diese wortlosen Märchen stellenweise aktualisiert und mit interessanten Details versehen: So spielt die Froschprinzessin zum Beispiel nicht mit einer Goldkugel, sondern mit einem Fußball und einige grausame Märchenenden fanden unter seiner Feder neue, kreative Handlungsausgänge. Diese Stellen werden natürlich nur aufgefunden, wenn die Originalmärchen genau bekannt sind und die Lesenden auf die entsprechenden Bestände ihres kulturellen Gedächtnisses zurückgreifen können. Nachlesen geht natürlich auch.

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3. Eine dritte Ebene schließlich beschreibt die kulturelle Interdiskursivität bzw. Intermedialität, mit denen Comics arbeiten können. Die Grundlage dieser Ebene bilden die durch den Comic aufgerufenen bzw. assoziierten Medien und die Diskurse, die diese Medien formen bzw. übermitteln.

Letztlich sind in Comics implizite und explizite Anspielungen auf politische Kontexte, soziale Rahmenbedingungen sowie Diskurse, Bildtraditionen und Darstellungsmodi aus anderen Medien enthalten.

Unser Comicbeispiel lädt sich die Last des Jahrhundertstoffes Grimm’sche Märchen auf. Jede_r (innerhalb des westlichen Kulturraums) kennt sie. In dieser Bildabfolge wird gezeigt, wie der „böse Wolf“ sich im Haus der Großmutter auf die Ankunft Rotkäppchens vorbereitet. Er verschlingt die Großmutter – und kann sich kurz nicht entscheiden, welches ihrer Kleider er tragen soll. Flöthmann verfremdet und parodiert den Wolf an dieser Stelle. Der Wolf zieht nicht nur einfach so die Kleider der Großmutter an, um sich als diese auszugeben. Nein, eine traditionell männlich konnotierte Märchengestalt hat sichtbare Schwierigkeiten, sich für das schönste Outfit zu entscheiden. Es lassen sich, zwischen den panels, durchaus Überschneidungen mit aktuellen Fragestellungen der Genderdebatte herausstellen.

FF_Rotkäppchen_05-002Wie schon gesagt, bin ich nie eine große Comicfreundin gewesen. Doch muss ich sagen, und das trifft sicher nur für wenige Bereiche meines Lebens zu: die Theorie hat hier mein Interesse am Medium enorm verstärkt. Mittlerweile bestaune ich die Graphic Novels, die sämtliche literarische Klassiker neuinterpretieren; klicke mich durch Webcomics, die Wissenschafts-Satire betreiben und bewundere die Kunst, mit wenigen Strichen viel zu sagen. Und ich freue mich, immer wieder etwas neues in den Grimm’s zu entdecken. Die haben mich übrigens sofort begeistert.

 

Literatur

Ditschke, Stephan/Kroucheva, Katerina/Stein, Daniel: Birth of a Notion. Comics als populärkulturelles Medium. In: Ditschke/Kroucheva/Stein (Hrsg.): Comics : Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums. Bielefeld 2009; S. 7 -27

Flöthmann, Frank: Grimm’s Märchen ohne Worte, DuMont Buchverlag, Köln 2013

Sackmann, Eckart: Comic. Kommentierte Definition. © Bibliographisches Institut GmbH & F.A. Brockhaus GmbH. Onlinequelle: www.comicforschung.de, zuletzt aufgerufen im November 2014

Bild

Die hier gezeigten Abbildungen wurden mit freundlicher Genehmigung des Autors Frank Flöthmann in den Artikel eingefügt. Die Rechte für die Abbildungen liegen bei dem Künstler selbst.