In einer Gesellschaft, in der das Individuum einen sehr hohen Wert darstellt, streben viele Menschen nach Selbstoptimierung. Sei es ein flacher Bauch, dicke Oberarme oder die Aneignung und Perfektionierung bestimmter Fähigkeiten: Immer verwirklicht man sich durch Arbeit an sich selbst. Insofern ist ein Buch mit dem Titel „How to think like Sherlock Holmes“ keine wirkliche Überraschung. Die Tatsache, dass ich es in meiner Freizeit – einer Zeit, die es sinnvoll zu nutzen gilt – lese, ist ebenso wenig verwunderlich, immerhin verspricht die Autorin den Leserinnen, dass sie sich durch die Lektüre den geistigen Höhenflügen des Meisterdetektivs annähern könnten. Und mal ehrlich: Schon allein weil Robert Downey Jr. in den Sherlock Holmes Filmen so verdammt cool ist, musste ich es ausprobieren.
Ob das Ganze nun klappt oder nicht, kann ich euch nicht sagen, aber schon die ersten 100 Seiten haben die Art und Weise verändert, wie ich über den Gegenstand einer meiner liebsten Beschäftigungen nachdenke: Rätsel.

Ich möchte euch in diesen Artikeln jeweils eine meiner Lieblingskniffeleien vorstellen. Nachdem ihr euch darüber den Kopf zerbrochen habt, verrate ich euch dann die Lösungen und vor allem, was ich glaube, dass Sherlock Holmes (oder vielmehr Maria Konnikova, die Autorin des Buches) darüber zu sagen hätte.

Das OMO-Rätsel

Dieses Rätsel habe ich von Doktor Schwarz. Uns war langweilig und wir fingen an, uns gegenseitig Rätsel zu stellen, die wir irgendwann in unseren Leben einmal aufgeschnappt hatten. „Ah!“, sagt er bedeutungsschwer, „das Omo-Rätsel! Ja, das ist richtig gut.“

„Na dann hau raus“, sagte ich, woraufhin er einen Zettel nahm, den wir bereits für die anderen Rätsel benutzt hatten und mit Bleistift ein einfaches „OMO“ darauf schrieb. „Jaja, Omo, Omo, Omo. Bin mal gespannt, ob du da drauf kommst“, verkündete er mit sichtlicher Vorfreude, nur um dann plötzlich zu stocken. „Ach scheiße, wie ging denn das nochmal…warte mal kurz.“

Seine Augen verengten sich  zu schmalen Schlitzen, wie immer, wenn er angestrengt über etwas nachdenkt. Dann drehte er sich um und beugte sich so tief über den Zettel, dass sein Gesicht nur vielleicht zwei handbreit darüber hing. Nach etwa einer Minute dreht er sich wieder um: „Hier. Das Omo-Rätsel. Viel Spaß damit“, sagt er und übergab mir breit grinsend den Zettel, auf dem untereinander vier Symbole zu sehen waren. „Male mal das nächste Zeichen auf, min Jung.“

So ungefähr sah der Zettel aus. Nach dem Bild kommt die Lösung, also lest nicht weiter und probiert es erst mal selbst aus. Alles andere ist langweilig.

Bild

Ich saß ewig vor dem Blatt und starrte die Zeichen an. „OMO“, dachte ich. Alles klar. Das versteht man ja noch. Das ist ein Wort – und so heißt das Rätsel ja schließlich. Dann das nächste Zeichen. Aha! Da gibt es auch zwei Kreise…im nächsten sind es sogar vier und dann…keiner. Verdammt.

Mein erster Instinkt war, die Zeichen als logische Reihe zu begreifen, in der OMO sich in das zweite Zeichen verwandete und dieses dann in das dritte. Dafür sprach die Anordnung der Zeichen untereinander und das Kommando: „Male mal das nächste Zeichen auf!“. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht erkennen, wie diese Verwandlung von statten ging. Es schien keinen logischen Zusammenhang zwischen den Zeichen zu geben.

Watson: ‚Holmes, this is impossible‘.
Holmes: ‚ Admirable! A most illuminating remark. It is impossible as I state it, and therefore I must have stated it wrong. Yet you saw for yourself. Can you suggest any fallacy?

Das Geheimnis: Es gibt tatsächlich keinen logischen Algorithmus, nach dem sich ein Zeichen in das andere verwandeln würde. Das war eine Annahme, die ich getroffen hatte, ohne dass sie auf irgendetwas beruhen würde außer auf meiner bisherigen Erfahrung, wie diese Dinge zu funktionieren haben. Eine Annahme, so Konnikova, formt ein wahrer Meisterdetektiv aber nur auf Grundlage von Indizien und die sind wiederum das Ergebnis gründlicher Beobachtung (im Gegensatz zum bloßen Sehen oder Wahrnehmen).

Was also lässt sich über diese Zeichen sagen, wenn man sie genauer unter die Lupe nimmt? Kreise, Striche…sicher. Aber man kann sie drehen und wenden wie man will, sie ergeben nicht das nächste Zeichen. Also Schluss damit. Was kann man noch über die Zeichen sagen?

Richtig! Sie sind alle symmetrisch. Das wäre mir natürlich viel früher aufgefallen, hätte sich Doktor Schwarz am Anfang nicht weggedreht, um das Blatt zu verdecken und mich daran zu hindern, ihm beim Malen zuzuschauen (eine Tatsache, die ich zwar gesehen, aber nicht beobachtet hatte). Und hätte er nicht dreimal wiederholt, dass das Rätsel „Omo-Rätsel“ heißt. Omo-Rätsel, als wüsste man schon, was das erste Symbol bedeutet. Nämlich ein Wort. Und wir sind gewohnt, Wörter ohne genaues Hinsehen zu verstehen (so dass eine recht gute Chance besteht, dass ihr gar nicht mitbekommen habt, dass ich statt „verwandelte“ oben „verwandete“ geschrieben habe – falls doch, dürft ihr euch jetzt auf die Schulher klopfen).

Schlimmer wird es noch dadurch, dass wir uns zwar den Klang des vermeintlichen Wortes einprägen „Omo, Omo, Omo“, aber dessen Sinn schlicht nicht begreifen können. Das mag dazu führen, dass wir zunächst darüber nachdenken und es dann irgendwann einfach akzeptieren: Das Rätsel heißt schließlich so. Es handelt sich wieder um eine Annahme, die durch keine unserer Beobachtungen gestützt wird. Im Gegenteil, sie macht jede weitere Beobachtung schwieriger.

Auf diese Weise fällt uns nur sehr schwer auf, dass OMO perfekt achsensymmetrisch ist – und alle anderen Zeichen auch. Weil wir „OMO“ ja schon als Wort abgestempelt haben, ist Symmetrie als gemeinsames Merkmal vollkommen ausgeschlossen. Schließlich sind Wörter nicht symmetrisch. Es ist die perfekte falsche Fährte – und unsere Hoffnung einen weit schwierigeren Code zu knacken („Mal sehen, ob du da drauf kommst.“) tut ihr übriges.

Denn wäre uns das mit der Symmetrie früher aufgefallen, hätten wir sicher schnell bemerkt, dass OMO eigentlich nur eine gespiegelte 10 ist und die anderen Zeichen ebenfalls nur gespiegelte Zahlen. So müssen wir noch etwas weiter an uns arbeiten, bis wir so cool wie Robert Downey Jr sind.