Dies ist der hundertste Artikel auf DOKTOR PENG!. Damit könnten wir schon ein kleines Büchlein mit all unseren Meinungen, Gedanken und Fantasien füllen. Von Fastfood über Pornos, Weltliteratur, Waffen für Kinder, aufrüttelnde Manifeste, Lieder für die Ewigkeit, politisches Gebäck, Gesprächsrunden, viele Filme und den ein oder anderen schlechten Witz hangeln wir uns weiter diesen abzuarbeitenden Berg an Popkultur und Philosophie empor. Danke, dass ihr weiterhin dabei seid!

„Auch du kannst denken wie Sherlock Holmes“ – das verspricht Maria Konnikova den Leserinnen ihres Buches Mastermind und nimmt dazu unseren Denkprozess auseinander.
Wie schon im ersten Teil dieser Serie (Das Omo-Rätsel), beschäftigen wir uns auch diesmal mit einem Problem, bei dessen Lösung man ein paar der Tricks und Kniffe lernen kann, die aus jedem Watson einen Meisterdetektiv machen sollen.

Als ich das erste Mal vom Gefangenen Rätsel hörte, saß ich in einem der metallen schimmernden Japan Railway Züge und durchschnitt mit großer Geschwindigkeit die ausufernden Vororte Tokyos.
Es war noch sehr früh, aber ein paar meiner Freunde wollten unbedingt zu einer bestimmten Design Messe fahren und ich hatte eingewilligt, mitzukommen. Es war Sonntagmorgen und ich hatte sonst nichts Bestimmtes vor. Trotzdem machte sich der kollektive Schlafmangel bemerkbar und so sprach kaum einer ein Wort, während der Zug an Reisfeldern und alten, eng beieinanderstehenden Holzhäusern vorbeirauschte. Plötzlich blickte Takao, der selbst Designer war und sich deswegen ganz besonders auf besagte Messe freute, auf. „Ihr seid so ruhig“, sagte er, „Das erinnert mich an etwas, was mir ein Kollege letztens erzählt hat. Darf ich euch ein Rätsel stellen?“ Wir blickten ihn aus müden Augen an und nickten. Takao schlief nie mehr als vier Stunden die Nacht und so aufgeregt wie er war, würde er sich sowieso nicht davon abbringen lassen.

„Also passt auf“, fuhr er fort und holte Zettel und Stift heraus. „In dieser Gefängniszelle sind vier Gefangene mit jeweils einem Hut auf dem Kopf. Es sind also insgesamt vier Hüte, zwei weiße und zwei rote. Die Gefangenen stehen alle hintereinander und der Wärter befielt ihnen, in eine Richtung zu schauen, so dass sie jeweils die Hüte ihrer Vorderleute sehen können. Der Erste sieht niemanden und der Zweite auch nicht, weil hinter dem Ersten eine dünne Wand ist, durch die er nicht hindurchgucken, wohl aber hindurchsprechen kann. Der Dritte sieht den Zweiten und der Vierte sieht den Zweiten und den Dritten. Wer sich umdreht wird erschossen.“ Taka kniff das rechte Auge zusammen und deutete mit dem Zeigefinger auf mich. „Peng!“

Müde fixierte ich seine Fingerspitze, die etwa eine Handbreit vor meiner Stirn schwebte.
Nana beobachtete die Szene und runzelte die Stirn wie sie es immer tat, wenn sie eine Erklärung nicht ganz verstanden hatte. „Und was ist nun das Rätsel dabei? Was sollen wir denn machen?“
Takao drehte den Kopf und seine fiktive Pistole langsam in ihre Richtung und erklärte in einer viel zu tiefen Stimme, dass es schließlich die Geheimpolizei sei, um die es da ginge und der Wärter ein schlimmer Sadist. „Er verspricht demjenigen, der als Erster die Farbe seines Hutes errät die Freiheit. Wer schweigt, der muss auf ewig in der Zelle bleiben und wer falsch rät, wird sogar erschossen. Peng!“
Takas Pistole war nun direkt auf Nanas Nasenspitze gerichtet. „Du musst mir sagen, welcher der vier Insassen du am liebsten sein würdest. Wer hat die größte Chance jemals wieder aus dieser modrigen alten Zelle rauszukommen??“

Nana runzelte die Stirn, aber Taka hatte fertig erklärt. Das ist das Gefangenenrätsel. Hier seht ihr eine Skizze dazu. Damals hatte ich weder Maria Konnikovas noch Arthur Conan Doyles Bücher gelesen, aber vielleicht seid ihr ja etwas aufmerksamer als ich und bekommt es auch so hin. Denkt erst mal selbst darüber nach. Unten folgt die Lösung.

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„Natürlich will ich der sein, der ganz hinten steht“, brach es ohne weitere Überlegung aus Nana hervor. „Immerhin sieht der ja zwei Hüte. Das ist besser als einen oder sogar gar keinen zu sehen. Sicher kann man zwar nicht sein, aber es ist besser mehr zu sehen, als weniger.“
Das war ebenso einleuchtend, wie eindeutig falsch. Schließlich bewegten wir uns hier nicht im Feld des Offensichtlichen. Es handelte sich um ein Rätsel – und darum musste es einen Trick geben. Doch obwohl ich im Vergleich zu Sherlock Holmes bereits mit dieser Gewissheit gesegnet war, fiel es mir ungeheuer schwer, mich von Nanas Theorie zu lösen. Der Gedanke war bereits irgendwie gut genug. Der Letzte sieht zwei Hüte – und wenn beide die gleiche Farbe haben, weiß er, welche Farbe sein eigener hat. Obwohl die Chance dafür, dass Nummer 2 und 3 die gleichen Hüte haben bei einigem Nachdenken weniger als 50% beträgt, war das doch besser als das was die anderen von sich behaupten konnten. Lieber eine kleine Chance auf Gewissheit, als gar keine. Und weil es auch nach nochmaliger Betrachtung der Skizze keine weiteren Hinweise zu geben schien, pflichtete ich Nana bei. „Ich komme nicht weiter“, sagte ich und stand damit vor Takao wie Detective Gregory vor Sherlock Holmes, als die beiden versuchten, das berühmte Pferd Silver Blaze zu finden und einen Mord aufzuklären:

Gregory: „Is there any other point to which you would wish to draw my attention?“
Holmes: „To the curious incident of the dog in the night-time.“
Gregory: „The dog did nothing in the night-time.“
Holmes: „That was the curious incident.“

In diesem berühmten Fall erkennt Holmes aus der Tatsache, dass der Hund nichts getan hat, dass er denjenigen, der in der Nacht des Mordes den Stall betreten hat, gut kannte. Der Meisterdetektiv weiß genau, dass das was nicht da ist (das Hundegebell), ebenso viel verrät, wie das, was für alle sichtbar ist. Und nicht nur sichtbar, auch hörbar oder schmeckbar. Holmes ist nicht so sehr auf seine Augen fixiert, wie die meisten anderen Menschen. Er hält all seine Sinne für die Lösung seiner Rätsel bereit*.
Und das sollten wir auch tun, denn immerhin geht es in unserem Fall um Leben und Tod. Es ist notwendig, sich die Situation ganz genau vorzustellen. Sonst wählt man falsch und wird erschossen.

Du stehst in einer Zelle und ein Wärter der Geheimpolizei hält dir eine Pistole vor das Gesicht. Vor dir und hinter dir schlottern drei weitere Gefangene, gekleidet in Lumpen und Hüte. Eine flackernde Neonröhre ist die einzige Lichtquelle im Raum und lässt unheimliche Schatten über die vom Wahnsinn verzerrte Fratze des Wärters tanzen. Es riecht nach Schimmel. Der hektische Atem der anderen verrät dir, dass sie Angst haben. Todesangst. Genau wie du. Jede Sekunde könnte einer der anderen die Farbe seines Hutes rufen und du würdest für immer in diesem feuchten Erdloch festsitzen. Bei Wasser und Brot und mit einem sadistischen Wärter. Wenn du nur wüsstest, ob dein Hut rot oder weiß ist! Solltest du einfach schreien? Nein. Die Pistole des Wärters glänzt im Zwielicht. Du wartest schicksalsergeben…doch es bleibt still. Die anderen wissen es auch nicht.

Und das ist genau der Hinweis, der gefehlt hat und doch da war. Ein Hinweis, den man nie finden würde, wenn man das Rätsel als mundgerechten, kontextlosen Happen versteht, den man mit ein wenig Logik und einer Bleistiftskizze lösen kann. Es ist der gleiche Hinweis, der Sherlock Holmes den Pferdedieb überführen lässt und der Takao überhaupt an das Rätsel erinnert hat. Alle waren „so ruhig“.

Du schaust hoch. Du bist Nummer 3. Vor dir steht der Gefangene Nummer 2 mit einem weißen Hut. Hinter dir Gefangener Nummer 4. Er schweigt. Und da fällt es dir auf: Dein Hut hat eine andere Farbe als der von Nummer 2. Er ist rot. Du bist frei.

* Die Game of Thrones Folge „The Pointy End“ spielt ebenfalls mit diesem Motiv. Zwei vermeintliche Leichen werden herangeschafft und identifiziert:

Jeor Mormont: „It’s Othor, without a doubt.“
Bowen Marsh: „The other one is Jafer Flowers, My Lord, less the hand the wolf tore off.“
Jeor Mormont: „Any sign of Benjen or the rest of his party?“
[Marsh shakes hid head. Sam bends over the corpses]
Jon Snow: „Just these two, My Lord. Been dead awhile, I’d say.“
Samwell Tarly: „The smell.“
[Marsh bends over the corpses and sniffs them]
Bowen Marsh: „What smell?“
Samwell Tarly: [shrugs and shakes his head] „There is none. If they’d be dead for a long time, wouldn’t there be rot?“
[Mormont looks at Sam intently]
Jeor Mormont: „You may be a coward, Tarly, but you’re not stupid.“
[Sam smiles shyly]

(Quelle: imdb)