Hätte man im zweiten Weltkrieg den jungen Jüdinnen in den Konzentrationslagern die Haare gefärbt und gewaschen, ihre Körper eingecremt, ihre tiefen Augenringe übermalt und sie in wundervolle Stoffe gehüllt, dann hätten einige genau in das jetzt geforderte Körperideal der Modeindustrie gepasst.

Jede Frau, die man jemals auf einem Laufsteg für einen halbwegs namhaften Designer laufen sieht, hungert. Es geht nicht anders. Es gibt keine Möglichkeit mit Sport und einer fettarmen, bewussten Ernährung als Frau oder als junges Mädchen so einen Körper zu haben. Einen Körper, der sich dem eines dünnen, männlichen Kindes annähert. Ohne Fett, nur mit Haut, die elfengleich direkt über den Knochen liegt.

Die meisten kleinen Mädchen wollen irgendwann schön aussehen und spätestens ab dem zarten Alter von 12, ist sich jedes Mädchen von New York über Southhampton bis nach Gonsenheim darüber klar, dass man irgendwie nicht dick und am besten ziemlich dünn sein sollte. Denn dann ist man schön. Alles muss fest sein und ohne Pickel und ohne Fett. Viel essen ist unattraktiv, Sport ist nur gut, wenn man dadurch nicht an Körperumfang gewinnt. Beine sind nur schön, wenn sich die Schenkel nicht berühren. Aber der Po muss trotzdem rund sein, aber die Haare trotzdem dick, aber die Nägel trotzdem fest, aber die Augen trotzdem strahlend, aber man muss trotzdem mit Genuss und verführerisch an seinem Lolli lutschen.

Anfang 20 hat ein westliches Durchschnittmädchen nicht nur den größten Teil ihrer Pubertät, sondern auch schon mindestens 5 Diäten hinter sich. Dann wird man ja auch noch älter und das ist ja auch nicht schön, wie wir auch aus dem Apothekenschaufenster erfahren können. Jede zweite Frau ist mit ihrem Körper unzufrieden.

Unglaublich viele Mädchen möchten Model sein. Übrigens nicht nur Mädchen, doch trauriger Weise ist der Schönheitswahn vor allem auf Frauenkörper gemünzt. Trotzdem sind auch Männer von Magersucht und Schönheitswahn betroffen.

Es gibt viele und vielfältige Gründe, warum so viele Mädchen und Frauen gegen ihren Körper anarbeiten und sie liegen sicher nicht alle bei Karl Lagerfeld, aber es ist mir doch jüngst mal wieder genug Essen aufgestoßen, um die Welt um Karl Lagerfeld mit Giftlaser beleuchten zu wollen.

Modelagenturen durfte ich auch schon von innen kennenlernen und auch bei Castingagenturen für Schauspiel kommt es vor allem darauf an, als Frau dünn und jung zu sein.

Einem Auszug des Buches der ehemaligen Editorin der australischen Vogue, Kristie Clements, lassen sich einige grausame Fakten entnehmen, auch der Film „Girl Model“ gibt einen schmerzvollen Einblick in die „gewöhnlichen“ Praktiken der Modeindustrie; geprägt von unmenschlicher Arroganz, Grausamkeit, Größenwahn und Ego-Problemen auf allen Seiten.

Die Frauen und Mädchen, die auf den Modebrettern der Welt laufen, schweben alle in mehr oder weniger akuter Lebensgefahr.

Ohnmachtsanfälle backstage sind an der Tagesordnung,  auf Shooting-Reisen mit Kunden werden Models von ihren Agenturen aufgefordert nichts zu bestellen außer Rucola Salat ohne Dressing. Am Ende solcher Reisen können die Models oft nicht mehr stehen vor Schwäche.

Das ist keine überzeichnete Horror Story, um auf die argen Zustände des Körperideals aufmerksam zu machen, an dem sich die meisten Menschen automatisch orientieren; das ist die Regel.

Je dünner desto besser die Jobs.

Und dieses Prinzip gilt so drastisch, brutal und ausschließlich, dass jedes Model, das in die Samples (die einmalig entworfenen Beispielkleider, die die Models auf Castings anprobieren müssen und nach denen bemessen wird, ob sie auf den Laufsteg dürfen) der High Fashion Designer passen will, teilweise wöchentlich ins Krankenhaus eingeliefert wird, weil ihr Körper ihr die grundlegenden Funktionen versagt.

Der Weg zum High Fashion Model ist ein selbst gewähltes Martyrium, dessen Drama noch durch den Anspruch gesteigert wird, dass man als hungernde, kaum schlafende junge Frau permanent einen frohen, frischen Eindruck machen soll. Hat man ein paar Jobs an der Angel und wird durch die Weltgeschichte geschickt wird das Hungern sofort zur akuten Lebensbedrohung.

Die Mädchen, die beispielsweise für Joop, Wang, Balenciaga laufen, haben während der Shows alle einen maximalen BMI von 16. Das entspricht bei einer geforderten Körpergröße von mindestens 1,76 cm einem Körpergewicht, das mindestens acht Kilo unter dem statistisch als gesund bewerteten liegt. Die meisten Mädchen sind größer und wiegen weniger.

Doch natürlich hat ein eventuell als gesund eingestuftes Körpergewicht noch nichts mit einer gesunden Psyche zu tun. Die meisten Menschen, Model oder nicht, die an einer Essstörung leiden, sind den Großteil der Zeit statistisch nicht untergewichtig.

Hungern, Kotzen, Sport, Essanfälle. Wenn man ein Gewicht nicht mit einer gesunden Lebensweise erreichen kann, dann eben so. Allerdings wird auf diese Weise selten ein konstantes Untergewicht erzielt. Das Gewicht schwankt.

Auch Models haben Gewichtsschwankungen, die ihren Organismus zusätzlich belasten und auszehren. Krankenhausaufenthalte und Zwangsernährung sind für ein Model keine Ziele, denn in dieser Zeit könnte man eventuell zunehmen, keinen Job mehr bekommen und beim nächsten Casting die Schmach erleben müssen den geforderten Hüftumfang von 90cm nicht erfüllen zu können ( Der heimliche Ideal-Umfang sind allerdings 5cm weniger).  Ab 90,5 cm Hüftumfang wird man nach Hause geschickt.

Wenn also der Hunger auf dem 12 Stunden Flug von Australien nach Paris zu groß wird, beißt das Model nicht in den sauren Apfel, sondern ins Taschentuch, um nichts anzusetzen. Vor dem Casting werden zur Sicherheit Entwässerungstabletten geschluckt, damit jeder Millimeter Umfang mehr, der durch das Wasser in den Beinen entstanden ist, wieder rausfließt.

Die Gründe für eine Krankenhauseinweisung sind so offensichtlich, dass man sie kaum aufzählen muss, dennoch: Dehydrierung, Kreislaufversagen, Untertemperatur, Herzrhythmusstörungen, Panikattacken, Nierenversagen sind typische Einweisungsgründe für Essgestörte und High Fashion Models. Diese beiden Gruppen haben seit den frühen 90ger Jahren tragischer Weise immer mehr Gemeinsamkeiten.

Manchmal reicht es aber auch nicht, einfach nur zu hungern. Da selbst bei den dünnsten der hungernden Frauen noch ein eigener Genpool vorliegt und dieser einfach Brüste vorgesehen hat, lassen sich diese genetisch „benachteiligten“ Models die Brüste verkleinern.

Von Designern, Editoren, Fotografen werden die körperlichen und seelischen Opfer, die die Models bringen müssen, um in Kleidung zu passen, die nicht mal einer gesunden 11-jährigen über die Hüften gehen würde, ignoriert. Fragt man die Menschen, die mit den Models arbeiten hört man, dass diese Mädchen eben genetisch begünstigt sind, dass sie Sport machen und eben gesund essen; und klar, sie essen sicher nicht viel, aber machen Diäten mit gesunden Protein Shakes á la Heidi Klum. Diese Dame ist allerdings nie auf vielen Laufstegen zu sehen gewesen und ihre No-Schnitzel Diät von David Kirsch ist eine Farce und grausamer Spottgesang auf die 0 kcal Ernährung der „wahren“ Runway Models. Es gibt auch von den Modeagenturen keine Ernährungstipps, nur Verbote.

Todesnahe Körper, Heroinchic, Erwachsene Kinderkörper, Transzendenz bis zum Äußersten sind Schönheitsideal geworden. Orientierung und Verhängnis für Millionen von Menschen.

Die Frage ist nach einer solchen Aufzählung der Missstände natürlich irgendwie, was soll ich da jetzt machen oder auch nicht mal das. Es wäre doch grandios diese kranke Industrie zum Einsturz zu bringen, es wäre doch so heilsam, wenn Schönheit nicht mehr um die Hüfte gemessen wird. Sicher nicht nur für Essgestörte, sondern für unsere Gesellschaft allgemein, denn dafür müsste sich die allgemeine Ambivalenz zwischen Perfektionsanspruch und entspanntem Lesser faire ausgleichen.

Die besten Konklusion, die mir zu diesem Zeitpunkt einfallen sind,

ISS DOCH WAS DU WILLST. AUFRUFE ZUM BOYKOTT DER 0,1 PROZENT FETT PRODUKTE. KAUFT KEINE MODEMAGAZINE, DIE FRAUEN MIT UNTERGEWICHT ABBILDEN. LIEBT EURE CELLULITE. Usw.

Allerdings lässt mich dieser ganze grässliche, kranke Zustand auch immer wieder aufs Neue ratlos und nicht selten verzweifelt vor dem Spiegel zurück.

Was ich dann also machen kann ist, mich umdrehen und nach draußen gehen.

Und Ihr?