Wir vergessen oft, dass andere die Welt nicht so wahrnehmen, wie wir. Das Ergebnis: Missverständnisse, Abneigungen, negative Urteile. Wir sind nicht empathisch genug.

Bei einer Wortsammlung wie Irrsinn, Blödsinn, Wahnsinn, Stumpfsinn oder Schwachsinn liegt der Zweifel nahe, ob es die Evolution gut gemeint hat mit unserer biologischen Ausstattung. Andere Lebewesen müssten uns bemitleiden: Im Vergleich zu ihnen sind wir fast blind, taub und die Leistung von Geruchs- und Tastsinn sind unterdurchschnittlich. Unsere Welt würde den Tieren grau, eintönig und eindimensional erscheinen. Our senses suck!

Dringen Reize nach innen, verarbeiten und interpretieren wir sie individuell. Düfte, Töne, Texte, Bilder – jede*r einzelne von uns konzentriert sich auf andere Aspekte, zieht andere Schlussfolgerungen, hat andere Assoziationen. Was wir mit Eindrücken im Kopf veranstalten, ist nicht vorhersehbar. Jedes Individuum konstruiert seine Wirklichkeit subjektiv: Objektivität gibt es nicht.

Jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung von den Dingen: Konstruktionen, mit einem großen Spektrum an Bedeutungen. Ein Sachverhalt ist keine Tatsache, sondern nur ein subjektives Bild von diesem Sachverhalt. Die eine Beschreibung der Welt gibt es nicht.

Wie wir unsere Umgebung, unsere Mitmenschen, Situationen und Äußerungen wahrnehmen, setzt sich aus unzähligen verschiedenen sensorischen Reizen, Bedeutungsebenen und unserer Persönlichkeit zusammen.

Wir konstruieren nicht nur unanschauliche oder abstrakte Sachverhalte (Geschlecht, Nationen, Geld, Zeit), sondern sogar vermeintlich objektive materielle Räume (Idealismus). Diese werden ebenfalls aus der Perspektive ihrer gesellschaftlichen, sozialen, technischen Konstruiertheit durch Medien, Institutionen, gesellschaftlichen Gruppen (z.B. im Internet, in Prospekten, in Reportagen etc.) und Individuen gesehen.

Die Welt, die wir wahrnehmen, ist nicht die Welt, wie sie tatsächlich ist. Wir leben in der Annahme, dass wir mit anderen Menschen Augenblicke gemeinsam erleben. Doch:

 

„Auch wenn ich gute Gründe dafür angeben kann,
dass meine Erfahrung der deinen nicht ganz unähnlich ist,
habe ich keinerlei Möglichkeit zu prüfen, ob sie identisch sind.“

– Ernst von Glaserfeld [1]

 

Beispielsweise schätzen wir die Steile eines Hügels, die Distanz zu einem Punkt umso größer ein, je niedriger wir unsere individuelle körperliche Leistungsfähigkeit einschätzen. Unsportliche Menschen reagieren schneller ängstlich, als solche, die in der Lage sind, schnell wegzurennen. Mit jeder Aussage über die Welt machen wir also auch Aussagen über uns selbst. Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt. Wirklicher Konsens? Fehlanzeige! Selbst mit den Menschen, die uns am nächsten stehen.

 

„Als lebende Systeme existieren wir in vollständiger Einsamkeit innerhalb der Grenzen unserer individuellen AutopoiëseNur dadurch, dass wir mit anderen durch konsensuelle Bereiche Welten schaffen,
schaffen wir uns eine Existenz, die diese unsere fundamentale Einsamkeit übersteigt,
ohne sie jedoch aufheben zu können.“

– Humberto Romesín Maturana [2]

Nur eine Illusion!

Legen wir den Konstruktivismus mal beiseite. Gehen wir noch einen Schritt weiter: Was wenn die ganze Welt nicht nur konstruiert, sondern gar illusioniert ist – Matrix-Style? („Gehirne im Tank“). Wenn unser Leben nichts ist, als eine Orgie im Kopf. Was, wenn wir zwischen unterschiedlichen (Ir-)Realitäten hin- und herwechseln, je nach Traumphase. Wenn wir kein konstantes Leben führen, nur Traum nach Traum.

Was wäre, wenn die Alltagswirklichkeit zusätzlich auf den Kopf gestellt wird. Wenn Träume nicht mehr länger nur Merkmal der menschlichen Existenz, sondern einzige Ausdruckform jener wären (Descartes). Wenn wir eines schönen Morgens aus einem Traum in einen Traum als Ungeziefer erwachen, wie das Kafkas Gregor Samsa in der Verwandlung.

Die Welt als Illusion, Trugbild, Schein. Die möglichen Konsequenzen: Scharfsinn und Tiefsinn. Allem Unglück könnten wir gelassen begegnen. Die Kehrseite der Scheinwelt könnten Trübsinn, Sinnlosigkeit, Leichtsinn und (Größen-)Wahnsinn sein. Schließlich gäbe es nichts zu riskieren oder zu verlieren. [3] Die Wirklichkeit als Trugbild oder Illusion könnte viele den Verstand kosten. Falls dies in einem Traumdasein überhaupt möglich wäre.

 

“Don’t know whether it was real or a dream
Imagination playing tricks on me […]
What’s the difference if it’s real or a dream?
Imagination playing tricks on me
What’s the difference in my love or scheme?
The difference in what you say what you mean?
What you mean you don’t really know?
I’m losing touch with the physical
I’m showing up in the future like I’ve been here before”

Made in Heights – Murakami

 

Sind wir nichts als egozentrische, überpauschalisierende, zu viel interpretierende, nicht richtig zuhörende, verzerrende Einzelgänger*innen auf dieser Welt?

Ja! Es gibt so vieles, das wir nie wissen werden, vieles, das andere von uns nie erfahren werden. Und selbst wenn wir es ihnen erzählten (was immerhin ein Fortschritt wäre), wüssten sie nicht, wie es sich anfühlt. Sie sind nun mal nicht wir. Hier gerät die Sprache an ihre Grenze. Und damit auch ein Stück unseres Intellekts.

Mensch, hüte dich also vor dem Urteil über die Gefühle und Lebenssituationen anderer! Wir können jeden Menschen als ein mysteriöses fremdes Universum betrachten, das wir niemals bis in seine Tiefen erkennen können und das deshalb immer spannend bleiben wird.

@DoktorMihi


Der Artikel ist zuerst erschienen bei Die Störenfriedas. Auch ist der Artikel veröffentlicht bei GLEICHLAUT Issue Mai 2016.

 

Quellen
[1] Ernst von Glasersfeld, 2005. Zwischen den Sprachen. Eine persönliche Geschichte des Radikalen Konstruktivismus.
[2] Humberto Romesín Maturana, 1987. Kognition. In: Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, hrsg. von Siegfried J. Schmidt.
[3] Fernando Pessoa. 2003. Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares.