Vorspiel

Es prasselt mehrlagiges Gitarrenfeuer, Fingerpicking und mehrstimmige Klangteppiche – und darüber legt eine ruhige, klare Singstimme warme Schals um Hälse und das Pfeifen und Klatschen ziehen die Blicke, den Funken nach, nach oben in die Nacht. Die Kölner Singer-Songwriter-Koryphäe Hello Piedpiper gab sich vor einigen Tagen in einem Bayreuther Wohnzimmer die Ehre. Die Wohnung war voll, die Augen schmachteten, die Musik lies die Herzen schmelzen. Genug geschwärmt, seht selbst:

Hauptakt

Hey Fabio, danke, dass du dir Zeit für uns nimmst. Du warst ein sehr anspruchsloser WG-Gast. Hast du Erfahrung mit Wohnzimmerkonzerten? Inwiefern unterscheiden sie sich von Gigs in Clubs?

Man kommt in so eine Wohnung und hat meistens überhaupt keine Ahnung was einen dort erwartet. Ich meine, bei Clubs ist das ähnlich aber Wohnzimmer unterscheiden sich schon eher voneinander als Clubs, denn dort ist alles auf Konzerte ausgelegt. Ich halte es grundsätzlich so, dass ich meine Erwartungen an einen Abend, sei es nun in einem Club oder in einem Wohnzimmer so gering wie möglich halte. Alles was dann darüber hinaus geht ist für mich Bonus und freut mich dann umso mehr.

Ich habe schon einige Wohnzimmerkonzerte gespielt. Das erste überhaupt bei Gudrun in Karlsruhe. Ich finde, dass Wohnzimmershows sich von Clubshows schon unterscheiden. In einem Club zahlen die Leute Eintritt, müssen ggf. noch am Türsteher vorbei, in der Schlange stehen, sich oft teures Bier kaufen und sich dann im schlimmsten Fall hinter einer Wand von quatschenden Leuten ein Konzert ansehen, dass sie vielleicht lieber in Ruhe zu Hause sehen würden. Bei einer Houseshow ist die Stimmung meist gelassener, die Leute ruhiger und zufriedener. Jeder kann in den Hut schmeissen, was er möchte, und sein Bier vom Kiosk oder vom Supermarkt mitbringen oder wie bei euch für einen Euro eins bekommen. Es ist einfach viel familiärer und das mag ich so sehr daran. 

Da ich selbst aus Hameln komme, MUSS ich dich leider fragen, wie du auf den Namen Hello Piedpiper gekommen bist? 

Wieso Hameln? Das ist doch nur ein Song Titel? Nee, Spaß bei Seite, mir ist schon klar, dass the Pied Piper of Hamelin der Rattenfänger von Hameln ist. Das mit den Song stimmt aber dennoch. The Pied Piper ist ein Song aus dem Jahre 1966 von Crispian St. Peters. Den mochte ich als Kind sehr gern und es ist der erste Song an den ich mich bewusst erinnern kann. In anderen Worten der Beginn meines musikalischen Bewusstseins, oder mit noch mehr Pathos, die Geburt meines musikalischen Ichs! ; )  Als ich dieses  Solo Projekt startete war mir von Anfang an klar, dass ich nicht meinen eigenen Namen benutzen wollte.  Daher hab ich Hello vorne dran gesetzt und Pied Piper einfach zusammen geschrieben. Also im übertragenen Sinne bedeutet der Bandname: „Hallo Musik! „

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Deine Musik wird mit Bon Iver und den Fleet Foxes verglichen. Was mich erstaunt ist deine textliche Kreativität, die selbst Muttersprachler oft vermissen lassen. Wie stehst du zur englischen Sprache, die du ja auch studierst, und wie bist du ans Songwriting geraten?

Meine Musik wird mit Bon Iver verglichen?? Das finde ich etwas weit hergeholt aber ich mag seine erste Platte sehr. Dass Fleet Foxes einen Einfluss auf mich haben, kann ich beim besten Willen nicht abstreiten. Was englische Texte betrifft finde ich, dass man sich als Nicht-Muttersprachler eigentlich doch mehr Mühe mit seinen Texten geben muss als ein Muttersprachler, denn oft schleichen sich Fehler ein, die einem den ganzen Text versauen. Ich meine vor allem so wörtliche Übersetzungen von deutschen Phrasen, die es im Englischen überhaupt nicht gibt, (lacht) wie z. B.  „There goes yet the dog in the pan crazy“. Da muss man schon aufpassen!

„Zum Songwriting gekommen bin ich eigentlich nur, weil ich mir beim Skateboardfahren den Fuß gebrochen habe. Ich bin relativ viel gefahren und es war immer so etwas wie meine Hauptbeschäftigung. Zuhause stand dann eine Gitarre. Ich habe angefangen darauf zu spielen und sofort auch Songs zu schreiben. Das war so 2004 ungefähr.“

Ich gehe an Texte und Songwriting folgendermaßen heran. Oft entwickelt sich abends, wenn ich im Bett liege, ein Song in meinem Kopf, ohne dass ich überhaupt darüber nachdenke. Das kommt dann einfach. Dann stehe ich auf und singe die Idee auf ein Aufnahmegerät. Am nächsten Tag höre ich es mir dann an und fange an dazu Gitarre zu spielen. Im Besten Fall ist dann irgendwann ein Song fertig den ich erst einmal mit „Quatsch-Englisch“ besinge. Erst später, das ist quasi der Abschlussteil des Songs, setzte ich mich an die Texte. Ich überlege mir dann erst einmal ein Thema über das ich gern schreiben möchte. Da ich nicht so auf offensichtliche Texte stehe, versuche ich dann, das Thema (manchmal auch etwas kryptisch) zu umschreiben. Das muss man sich so vorstellen wie ein Gedicht. Das, was man eigentlich heraus liest, steht zwischen den Zeilen und nicht sofort in der Überschrift. Worauf ich überhaupt nicht stehe, ist Phrasengedresche! Ich finde man merkt sofort, ob sich jemand Mühe mit einem Text gemacht hat oder nicht.  Die englische Sprache ist einfach etwas Wunderbares. Punkt! 

In der heutigen Singer-Songwriter Szene wird geloopt was das Zeug hält. Bei dir habe ich jedoch das Gefühl, dass die Loop Machine nicht zum Gimmick verkommt, sondern deinen Songs eine ganz neue sphärische Ebene verleiht. Wie bist du ans Loopen gekommen und schreibst du deine Songs mit der Loop Machine im Hinterkopf?

Beim Loopen ist es so ähnlich wie beim Songwriting oder beim Texten. Ich finde man muss sich die Mühe machen den Looper so zu nutzen das er eben, wie du so schön gesagt hast, nicht zum Gimmick verkommt, sondern zusätzlich zum Song etwas Besonderes schafft. Ja, eine Art neue Sphäre! Dazu gekommen bin ich eigentlich nur weil ich niemanden hatte, der bestimmte Sachen in meinen Songs spielt, wie beim Song „Not waving but drowning“. Auf dem Album gibt es dort verschiedene Gitarren, Streicher und Gesangsteile, die sich aufbauen. Da war die Loopstation einfach die beste und einfachste Lösung um es alleine live spielen zu können. Das „Hall-Mikrophon“ dient hier als eine Art Streicherersatz. Aber auch um schnell mal einen Rythmus einzuklopfen ist das Ding sehr nützlich. Songs schreiben tu ich eigentlich nicht mit der Loopstation. Aber manchmal loop ich einfach nur so rum und improvisiere viel. Da enstehen dann schon eigene instrumental Teile mit der Loopstation und man kann so schön durchdrehen damit. 

Du hast dein erstes Album Birdsongs = War Sounds in diesem Jahr selbst neu veröffentlicht und dich von deinem Label getrennt. Was waren die Gründe dafür und welche Pläne hast du für die Zukunft?

Die Zeit bei Uncle M war eine sehr gute und ich möchte Mirko sehr dafür danken, was er alles für mich gemacht hat. Ohne ihn, wären viele Dinge und auch das touren nicht so passiert. Er hat mir am Anfang einen ordentlichen Schub gegeben und ich habe von Uncle M sehr viel gelernt. Uncle M ist allerdings ein Label, das sich sehr auf Punkrock konzentriert und meine Musik passt dort nicht mehr wirklich rein, da sie immer ruhiger und sphärischer wird. 

Der eigentliche Grund für die selbstgebaute Reissue war der, dass das Album fast ausverkauft ist. Ich habe mir dann überlegt, dass ich es schöner fände eine neue Version zu machen, mit recycletem Material und selbst gestempelt, die schöner ist und weniger Plastik beinhaltet. Für die Zukunft bin ich gerade dabei ein neues Album aufzunehmen und hoffe dass ich ein Label finde, das musikalisch zu mir passt. Der absolute Traum wäre es natürlich das Album auf Vinyl mit Download Code zu haben, aber das steht alles noch in den Sternen. Außerdem habe ich gerade angefangen mit einem Freund zu Proben und aus dem Soloprojekt ein Duo oder, wenn ich noch den passenden Drummer finde ein Trio zu machen. Loopen werde ich aber weiterhin. 

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Nachspiel

Der Bengel ist so talentiert, den werden wir so schnell nicht los!

Die letzten Tourdaten 2014:

05.12 Wuppertal – Endstation Sehnsucht w/ Polyanna

06.12 Aachen – Raststätte w/ BRTHR

Online: hellopiedpiper.com

Facebook: facebook.com/hellopiedpipermusic

Fotos: Hello Piedpiper / Wohnzimmermucke Bayreuth

Video 1: Wohnzimmermucke Bayreuth

Video 2: Klangfarben

Wohnzimmermucke Bayreuth

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