Jurassic World: Früher war alles eh viel besser…vielleicht

Kaum eine Woche im Kino, hat es Jurassic World schon geschafft, das Internet mit Memes und Parodien heißlaufen zu lassen, mal ganz nebenbei den erfolgreichsten Kinostart aller Zeiten hinzulegen und einige weitere Rekorde zu brechen. Ein Hype, der dem einen oder anderen nicht ganz fremd erscheint, wenn man an den bahnbrechenden ersten Jurassic Park zurückdenkt. Doch irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass früher vielleicht doch alles besser war: Damals stand ein Eventfilm wie Jurassic Park jahrelang auf seinen Podest, bevor er entthront wurde, heute klatschen sich die Avengers, James Bond und später im Jahr Star Wars ab und nehmen einander die Titel weg, ehe man sich an ihnen sattsehen konnte. Möglicherweise hat sich das Spiel geändert und Jurassic World scheint das tief im Innern zu wissen.

Gott schütze die gierigen, machthungrigen Konzernbosse, die jede Logik über Bord werfen, um ihren eigenen Profit zu maximieren! Wo wären die Sci-Fi-Thriller dieser Welt, wenn diese unbesungenen Helden nicht ständig unbeirrt Dinge sagen würden wie: „Natürlich sollten wir Gott spielen und eine gefährliche, unzähmbare, kontrollierbare Mutation erschaffen – was kann schon schief gehen?“

Es  geht es schief. Es geht alles schief. Immer. Sonst hätten wir keinen Film.

In Jurassic World wird ein ultragefährlicher genmanipulierter Saurier geschaffen, der eine neue Hauptattraktion werden soll und kaum bricht dieser aus, beginnt eine Tour de force durch alle Dinogehege. Und die Besucher rennen um ihr Leben. Bryce Dallas Howard spielt die Parkchefin, Chris Pratt einen generischen aber liebenswerten Actionhelden, wann immer Kinder ins Bild kommen, schaltet man intern auf Kopfkino, viel mehr muss man über die Story nicht wissen.

Die machthungrigen Megakonzerne, die versuchen Vergangenes wiederzubeleben und dabei keine Grenzen kennen, solange es um Profit geht, gibt es aber nicht nur in der Leinwandwelt von Jurassic World. In diesem Fall ist es das Studio Universal, das den Film sicherlich nicht aus reiner Nächstenliebe geschaffen hat, sondern einem alten Goldesel neues Leben einhauchen wollte. Das Problem ist… ach, zitieren wir doch an dieser Stelle einfach Jurassic Park:

„I’ll tell you the problem with the […] power that you’re using here, it didn’t require any discipline to attain it. You read what others had done and you took the next step. You didn’t earn the knowledge for yourselves, so you don’t take any responsibility for it. You stood on the shoulders of geniuses to accomplish something as fast as you could, and before you even knew what you had, you patented it, and packaged it, and slapped it on a plastic lunchbox, and now you’re selling it.“

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Über 20 Jahre ist es her, dass Steven Spielbergs Jurassic Park über die Leinwände flimmerte und jeder, der es damals miterlebt hat, weiß, was für ein Ereignis es war. Spielberg ist ein Meister seiner Zunft und hat es damals (wie schon bei Der weiße Hai) geschafft aus einer B-Movie Story ein A-Movie zu machen. Er präsentierte eine Reihe von interessanten Figuren, mischte Actioneinlagen mit Thrillerelementen und vielleicht die wichtigste Zutat im Erfolgsrezept: Er brachte uns zum Staunen! Zwischen all der Dinoaction waren nämlich Momente von Wunder und Zauber versteckt; als die Figuren das erste Mal Dinosaurier im Film sahen, war es für uns genauso erstaunlich und unglaublich wie für sie. Man hatte das Gefühl einem großen Ereignis in der Filmgeschichte beizuwohnen.

Nichts davon wird in Jurassic World erreicht. Zugegeben, er streichelt an vielen Stellen meine nostalgische Seele: Es ist spannend, den Park endlich in Action zu sehen und dort werden so viele kreative Ideen eingeflochten, dass man wirklich das Gefühl hat, in einem echten Themenpark mit Tierdressur, Parkbahn und Streichelzoo zu sein. Der zweite und dritte Teil werden komplett ignoriert, aber dem ersten Jurassic Park wird ständig zugenickt und es werden haufenweise Referenzen eingestreut.

Doch statt des Thrills des ersten Teils herrscht große, laute Action vor, die Figuren sind bestenfalls okay, nerven schlimmstenfalls stark und wann immer emotionale Momente provoziert werden, möchte man sich am liebsten von einem Raptoren die Augen auskratzen lassen. Besonders albern ist ein Subplot in dem jemand die dressierten Saurier in Kriegsgebiete verkaufen will. Wenn ich ein Warlord im Bürgerkrieg oder ein hoch dekorierter US-General wäre, würde ich natürlich auf der Stelle meine Panzerfäuste und Maschinengewehre gegen Dinos eintauschen. Warum auch nicht?

Über weite Teile schaut sich Jurassic World eher wie eine Fanfiction zum ersten Teil, in der jemand gesagt hat: „Und dann kämpfen alle Dinos miteinander! Raaawr!“. Er ist oberflächlich betrachtet ein sehr simpler Film ohne Überraschungen oder sonderliche Neuerungen, der in einer Zeit erscheint, in der wir mit Sommerblockbustern übersättigt sind und nicht mehr so leicht staunen wie früher. Aber vielleicht ist dieser scheinbar dumme Film, der vom sensiblen Indie-Regisseur Colin Trevorrow realisiert wurde schlauer als man denkt.

Wenn man genau hinschaut und sich nicht vom Blockbustertum blenden lässt, kann man einen inneren Kampf sehen, den der Film mit seinem großen Vorbild Jurassic Park ständig austrägt – und bewusst verliert! Man kann den Film mit etwas gutem Willen häufig als Allegorie auf sein eigenes Entstehen und vielleicht sogar den momentanen Stand der Filmindustrie lesen.

Da trägt ein Mitarbeiter im Film ein T-Shirt aus dem Original Jurassic Park und wird dafür gerügt, weil ja schließlich damals Menschen gestorben sind. Er entgegnet, dass der „echte“ Jurassic Park und nicht die Jurassic World eben viel besser war. Damals, so sagt er, ging es noch um die Dinosaurier und das Erlebnis und alles war echt, alles hat sich authentisch angefühlt.

Kurz davor moniert die Parkchefin, dass die Kinder heutzutage durch normale Dinosaurier gar nicht mehr zu beeindrucken sind, sondern dass man größere, bösere Mutationen braucht um die Besucherzahlen aufrechtzuerhalten. Hört sich doch alles stark nach Kritik am eigenen Werk auf einer Metaebene an.

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Dieser Kampf zwischen dem echten Jurassic Park und der Jurassic World geht aber noch weiter: Häufig schmeißt die World uns Gefahren in den Weg, die plötzlich durch einen ikonischen Gegenstand oder manchmal auch einen Dino aus dem Original gelöst und gerettet werden. Der echte Park ist ein Sanctum, eine Schutzzone, der Retter in der Not und Messiahs, während der neue nur wild und böse und übertrieben ist, um die Kids zu befriedigen.

Eine Apologie für das Werk selbst kommt von einem Nebencharakter des Films, der damit konfrontiert wird, dass er diese unverantwortliche Mutation geschaffen hat, worauf er entgegnet: „Genau das machen wir hier. Genau das haben wir schon immer gemacht. Von Anfang an.“

Der Film legt also einerseits nahe, dass er nicht mehr die Ruhe und Tiefe des Originals hat, sondern mehr Wert auf übergroße Action und mutierte Monster legt, weil die „Kids heutzutage“ eben genau sowas wollen – und wenn wir uns ansehen, wie gerade die Rekorde purzeln, scheint das zu stimmen. Andererseits scheint uns auch gesagt zu werden, dass all diese Dinge genau so schon im ersten Jurassic Park gemacht wurden, nur eben ein notwendiges Update erfahren haben und jede Kritik, was Action, Effekte oder Inhalt anginge im ähnlichen Rahmen auch am Original verübt werden könnten.

Die Frage ist, wie ernst gemeint diese Kritik des Werkes an sich selbst ist, ob der Film wirklich codiert, an den Studiobossen vorbei, eine Nachricht geschmuggelt hat, die uns vor ihm selbst, vor der Zukunft warnt. Wenn Jurassic Park nichts weiter sein will als ein lauter Sommerhit, hat er sein Ziel effektiv erreicht, aber dennoch juckt und kratzt es überall, weil sich der Film scheinbar mehr als der Zuschauer nach dem ersten Teil sehnt, weil er ein Werk ist, das sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten bewusst ist, aber dennoch vor den Gelüsten des Publikums und des Studios kapituliert.

Es gibt zwei Zukunften, in die ich schaue. Die eine ist die wunderschöne Utopie, dass Jurassic World nur ein Plan des feingeistigen Regisseurs war, um beim nächsten Projekt komplette künstlerische Freiheit zu erlangen, um seinen Namen zu festigen und einen wirklich revolutionären Film zu machen, der die Konventionen des Studiosystems sprengt und immer wenn die Studiobosse zweifeln, kann er sagen: „Lasst mich mal machen, hat doch auch bei Jurassic World geklappt!“, um so heimlich sein Netz zu weben. Die andere Zukunft ist, dass Jurassic World 2 größer, lauter und dümmer wird. Nur damit die Menschen mit dem Geld genauso wie die Menschen im Film immer wieder die gleichen Fehler begehen und sich fragen, was denn wohl schiefgehen könne.