Zwei scheiternde Russen gehen um in Europa. Luc Bondy inszeniert am Pariser Odeon-Theater Tschechows „Iwanow“ und Andrej Swjaginzews preisgekröntes Epos „Leviathan“ läuft bald in den Kinos an.

Zu Beginn kauert Iwanow (Mischa Lescot) diesseits des eisernen Vorhangs, der Bühne und Saal trennt. Als sich der Vorhang hebt und Iwanow vergeblich nach der emporgleitenden Wand fasst, ertönt Schuberts „Gute Nacht“, arrangiert für Klavier und Cello. Darin klingt schon an, was diese Inszenierung so zauberhaft macht: Die bescheidene Großzügigkeit Luc Bondys. Er unterwirft den Text keinen Dogmen, sondern stellt seine stupende schöpferische Kraft ganz in den Dienst der Dramenvorlage – und den der Zuschauer. Man kann es Mut zur Konvention nennen. Nicht viele brächten die kreative Courage auf, die Geschichte Iwanows, der mit Mitte dreißig allen Lebensmut verloren hat und inmitten des regen Betriebs seines Landguts innerlich verkümmert, mit Schuberts „Winterreise“ zu koppeln, die von der seelischen und räumlichen Vereinsamung eines zur Unzeit Verstoßenen erzählt. Zu schlicht, zu offensichtlich seien die Parallelen; Bondy mache es sich mit dem Schubert-Zitat, das schon jenen Seelenzustand transportiert, den Iwanow erst selbst darstellen müsste, zu leicht. So die Bedenken, mit denen sich hierzulande wohl so mancher trüge. Vielleicht auch, weil die „Winterreise“ hier dramaturgisch verbraucht ist, seit Elfriede Jelinek sie für ihr furioses gleichnamiges Theaterstück autobiographisch, masochistisch, kapitalismuskritisch ausgeschlachtet hat. Anders in Frankreich. Die emotionale, ästhetische Tiefe, die aus der Verbindung der niederschmetternden Präsenz Mischa Lescots und dem Schubertmotiv entsteht, schlägt den Zuschauer mit den ersten Takten in ihren Bann.

Iwanow hat mit Mitte dreißig viel erreicht. Er hat Bodenreformen angestoßen, der Region und seinem Hof vorübergehend zu Prosperität verholfen. Nun aber fühlt er eine betäubende Leere, ist antriebslos und zynisch. Seine todkranke Frau träumt – von ihrem Gesundheitszustand nichts ahnend – von einer glücklichen gemeinsamen Zukunft und müht sich nach Kräften, zu Iwanow durchzudringen. Der aber weicht aus oder weist sie schroff zurück, besessen zugleich von seinem Elend und der Bürde, die es seinem Umfeld ist. Das ist die selbstreferentielle Spirale der Depression avant la lettre, es klingt darin schon jene ausweglose Mischung aus Selbstfixierung und Selbstverachtung an, die David Foster Wallace gut hundert Jahre später in seiner rabenschwarzen Kurzgeschichte „The Depressed Person“ bis über die Schmerzgrenze hinaus zelebriert. Nun ist aber, wie die FAZ stadelmaierte, die Tragödie Iwanows zugleich die Komödie der anderen. Zum Glück, sonst wäre es kaum auszuhalten! Mischa Lescot lässt seinen Iwanow die Ausweglosigkeit bis zum Stupor auskosten und Bondy schmeißt die Komödie der anderen als wilde, verzweifelte Party. Sie lästern und saufen, intrigieren und taumeln.

Gesoffen wird auch im „Leviathan“. Der erzählt in epischen Bildern wie in der Barentssee im Norden Russlands ein Mann zugrunde gerichtet wird. Der Automechaniker Nikolai, genannt Kolja, wohnt mit seiner Frau Lilja und dem gemeinsamen Sohn Roma auf einem attraktiven Wassergrundstück, dass sich der Bürgermeister unter den Nagel reißen will. Kolja ficht die Enteignung erfolglos durch alle Instanzen an. Zuletzt lässt er sich von einem Moskauer Anwalt vertreten. Der zieht Scheußliches aus der Vergangenheit des Bürgermeisters hervor. Die Erpressung soll den Abriss des Hauses noch verhindern. Der Bürgermeister, aufgedunsen, herrsch- und tobsüchtig, erschrickt nur kurz. Dann setzt das Komplott aus Politik, Justiz und Kirche seine Intrige erbarmungslos fort. Koljas Situation wird Wendung um Wendung aussichtsloser. Eine Verstrickung, die in ihrer erschreckenden Folgerichtigkeit eines großen Romans würdig ist. Die Schlinge zieht sich zu und während der Held seine Ohnmacht in Wodka ertränkt, folgt der Zuschauer fassungslos dem ernüchternden Spektakel. Es soll etwas von Michael Kohlhaas in „Leviathan“ sein. Aber Kolja wütet nicht. Er ist von Beginn an mutlos. Die Rechtschaffenheit, die Michael Kohlhaas in den Wahnsinn treibt, schiene in in Archangelskoje lächerlich. Den Illusionen, die Kohlhaas nach seiner Willkürerfahrung bitter aufgibt, hat sich hier nie einer hingegeben. Viel eher als vom Aufbegehren eines Einzelnen erzählt „Leviathan“ von der Behauptung der ewigen Ordnung. Kurz gerät sie durch die Erpressungsversuche des Moskauer Anwalt ins Wanken. Dann aber greift erbarmungslos ein Rädchen ins nächste.

In den westlichen Rezensionen zu „Leviathan“ war viel antirussische Häme. Das russische Kulturministerium, das den Film zu immerhin einem Drittel finanziert hat, zeigt sich entsetzt und rät von Kinobesuchen ab. In Archangelskoje ist der Film auf Proteste der Kirche hin verboten worden. Der Regisseur hingegen nimmt für sich in Anspruch, eine allgemeingültige Parabel über Macht und Unterwerfung gedreht zu haben, die mit Russland wenig zu tun habe. Als Vorlage habe zudem eine US-amerikanische Begebenheit gedient. Das mag ursprünglich geholfen haben, die Fördermittel zu bekommen. Angesichts des fertigen Films muss es ein Scherz sein. Er könnte das Spezifische der heutigen Macht- und Lebensverhältnisse (man kann es wohl so allgemein sagen) in ländlichen Gegenden Russlands nicht genauer herausarbeiten. Es ist alles da: Die tiefsitzende Resignation, die sich im Wodkarausch in fatalistisches Wüten steigert; die eminente Bedeutung privater Beziehungen, um im steten Gerangel mit vermeintlich Mächtigeren den Kopf über Wasser zu halten; die Latenz plötzlicher Ungnade, die bis in die höchsten Verwaltungsebenen Paranoia und Missgunst sät, der heuchlerische Schulterschluss von Staat und Kirche zum beiderseitigen Besten, die Willkür der Justiz bei gleichzeitiger Imitation rechtsstaatlichen Prozessgebarens, die rohe Gewalt, die Melancholie und die Zärtlichkeit. Es ist ein Film über Russland. Dass sich die westlichen Medien nun hämisch darauf stürzen, macht die Inszenierung nicht weniger gelungen. Wir sehen ein meisterhaftes Sittengemälde.

Iwanow hingegen soll nach dem Wunsch seines Schöpfers durch und durch Russe sein. Tschechow begreift ihn als eine jener verbitterten Existenzen, die schon im ausgehenden 19. Jahrhundert die entlegensten Landstriche Russlands bevölkerten. Aber Iwanow ist von überall her. Seine Depression kennt keinen Ort. Sie gilt der vermeintlichen Leere hinter den Rändern der Welt, einer Grunderfahrung, von der Beliebigkeit, Trägheit und Zynismus in alle Lebenswinkel vordringen. Auch das eitle Entsetzen über sich selbst, das Iwanow verspürt, nachdem er seine Frau im Streit als „sale juive“ beschimpft und ihr dann zugeraunt hat, sie werde ohnehin bald sterben, ist überall vorstellbar. Es ist Zeichen einer grenzenlosen Selbstfixierung, die sich noch an der eigenen Widerwärtigkeit ergötzt. Und während um ihn herum alle anderen trinken, bleibt Iwanow zwanghaft nüchtern. In seinem Elend ist er der einzige, der sich und die tristen Umstände weder vergessen kann noch will. Sowohl Kolja als auch Iwanow verschwinden zuletzt. Kolja sieht man mitleidsvoll beim Schrumpfen zu. Iwanow aber bläht sich drei Stunden lang auf – bis er urplötzlich platzt.