Let’s talk about Wahnsinn – Über eine geschmacklose Metaphorik

Hallo. Kennen wir uns nicht? Doch doch, wir sind uns schon mal begegnet. Vielleicht bei irgendeiner Diskussionsveranstaltung, bei einer WG-Party in der Küche oder bei irgendeinem Seminar. Das Gespräch lief in etwa so ab: Wir redeten gesellschaftskritisch daher und kamen uns sehr klug vor. Wir sprachen vielleicht über Bi-Feindlichkeit oder Antisemitismus, über Landgrabbing oder über nationale Grenzen im Besonderen und über das Monstrum Kapitalismus im Allgemeinen, in dem wir leben und vermutlich auch noch eine Weile leben werden, denn diese Gesellschaft ist – soweit waren wir uns einig – beschissen. Und nicht nur das: Sie ist voll von inneren Widersprüchen. Sie ist inhärent gegen sich selbst gerichtet, da sie fleißig daran arbeitet, ihre eigene Lebensgrundlage zu zerstören. Die Menschen, die in ihr leben, tendieren dazu, von Selbsthass zerfressen zu sein, um in diesem zerstörerischen System funktionieren zu können, einem Selbsthass, den sie nach außen auslagern, der sich gegen das Fremde, das Andere, gegen die schwächsten Glieder der Gesellschaft richtet. So weit waren wir, plump gesagt, bis zu diesem Zeitpunkt intellektuell vorgedrungen, und wir waren relativ zufrieden mit uns, berauscht vom Rotwein, der universitären Atmosphäre oder der Bequemlichkeit unserer Szeneblase. Da spürtest du den Drang, unsere so wohl gewonnene Erkenntnis in drei kurzen und einem langen Wort zusammenzufassen, der Satz, den ich schon oft hören musste und nicht zum letzten Mal gehört haben werde: „Das ist doch schizophren!“

Ich konnte nicht mehr stillsitzen und nein, das war nicht mein ADS. Aus meinem Inneren kroch eine grantelige Kreuzung aus Feministin, psychologischer Halb-Expertin und widerwärtiger Besserwisserin hervor (so zumindest muss es auf Dich gewirkt haben), und garstete dir zu:

1. Der Begriff „Schizophrenie“ bedeutet nicht, was du denkst, was er bedeutet.

2. Hör verdammt noch mal auf, psychische Diagnosen als schicke Metaphern für deine Gesellschaftskritik zu benutzen, denn

3. dies betrifft reale Menschen.

Du verzogst dein hübsches Gesicht und begannst, dich zu rechtfertigen. Ich wisse ja, wie du es gemeint habest, ich solle nicht so auf ein einziges Wort achten, und im Übrigen sei es tatsächlich ein großes Problem, dass viele Menschen gar nicht wüssten was Schizophrenie bedeute, woraufhin du es mir (unzutreffend) erklärtest. Ich erläuterte dir also, was das Wort Schizophrenie im Wortsinn („gespaltene Seele“), sowie als psychische Diagnose bedeutet (Tipp: hat nix mit multiplen Persönlichkeiten zu tun), dass sich das Alltagsverständnis des Begriffes und die Diagnose deutlich voneinander unterscheiden, und dass es sicherlich „nur ein Wort“ ist, aber eines, das konkrete Personen betrifft, denen es nicht gerade zuträglich sein dürfte, dass die Diagnose, mit der sie fremdbezeichnet werden oder sich selbst bezeichnen, so inflationär metaphorisch verwendet wird. Und das auch noch falsch!

Keine Angst, ich mache Dich nicht dafür verantwortlich. Auch in den Geisteswissenschaften scheint es vielen angebracht, die innere Widersprüchlichkeit einer Theorie nicht einfach als solche zu benennen, wirkt es doch viel aparter, von der „Schizophrenie“ dieser Theorie zu sprechen. Ganz zu Schweigen beispielsweise von den Poststrukturalisten Deleuze und Guattari, die schizophrene Menschen gleich als das neue revolutionäre Subjekt stilisierten, das sich komplett über gesellschaftliche Regeln und Konventionen hinwegsetzen kann. Solche Lektüre hinterlässt wohl leider auch Spuren im Sprachgebrauch mittelmäßig belesener Drittsemester-irgendwas-mit-Kultur-Studis wie Dir. Falls es dir hilft – Das Wort, was du suchst, könnte „Selbsthass“ sein – ein etwas aufschlussreicheres Konzept.

Ach, und jetzt sitzen wir hier. Du hast die Nase voll von linken Akademiker*innen, geschweige denn Feminist*innen, die jedes Wort, was du in den Mund nimmst, in gesellschaftliche Zusammenhänge stellen möchten, über die du noch nicht nachgedacht hast, und dich so stumm und ohne Sprache zurück lassen. Honey, I’ve been there. Auch ich habe manchmal Angst um meine Metaphern, Angst vor dem Ausbluten meiner Sprache („Waas, darf ich nicht mehr „auf dem rechten Auge blind“ sagen, um Bullen und Staat zu kritisieren?“) Es gibt Metaphern, die sind passend, und es gibt unpassende. Viele Metaphern sind gemacht, um zu verletzen, andere sind ungewollt diskriminierend. Aber ich hab vor ein paar Jahren gelernt, dass es sowohl hochgradig unzutreffend, als auch hochgradig verletzend ist zu sagen, Hausaufgaben seien „voll schwul“, oder meine Lehrerin sei „voll behindert“. Und genau das gleiche gilt leider auch für deinen schicken Schizophrenie-Vergleich, auch wenn das Wort ein bisschen komplizierter klingt und so schön intellektuell.

Warum ich dich jetzt nochmal daran erinnern muss? Du siehst, hier auf Doktor Peng ist Themenwoche „Wahnsinn“. Lass uns also über „Wahnsinn“ reden, nein genauer: über deinen Blick darauf. Es geht mir nämlich nicht um dieses oder jenes Wort, sondern um eine generelle Haltung psychischen Diagnosen gegenüber. Da paart sich gern schlichtes Unwissen über die Bedeutung eines Wortes mit dem voyeuristischen Gafferblick der „Normalen“. Dieser Blick kann zwei Formen annehmen: Die eine sehnt sich nach dem psychischen Anderen, dem Nicht-Vernünftigen in einer rationalisierten Gesellschaft. Das was aus der Reihe tanzt, Abgründe offensichtlich macht, was verwirrt, ihre Grundsätze infrage stellt – alles in allem total spannend, aufregend und revolutionär ist – solange es ihnen nicht zu nahe kommt.

Die andere bringt ihre Abneigung gegen eine bestimmte Art menschlichen Verhaltens zum Ausdruck, indem sie ihn als Diagnose formuliert, sei es nun Autismus oder ADHS.

Zu dieser Mischung gesellt sich gerne ein komplettes Desinteresse für die reale Situation von einer bestimmten Diagnose Betroffener. Zu spüren meist dann, wenn sich nach einer entsprechenden Äußerung doch mal eine betroffene Person zu Wort melden sollte und ihr klar gemacht wird, dass es um ihre tatsächliche Diagnose ja nun mal überhaupt nicht ging.

Sicher – bei vielen Diagnosen handelt es sich um ein stärkeres Vorhandensein einer menschlichen Eigenschaft. Es liegt in der Natur der Diagnoserichtlinien in diesem Gesundheitssystem, möglichst viele grundlegende menschliche Eigenschaften als Diagnosen zu formulieren, um für jede therapiebedürftige Person auch eine Diagnose parat zu haben. Schöne Beispiele dafür sind Konstrukte wie „Zyklothymie“, eine stark abgeschwächte Form einer bipolaren Störung, die besagt, dass sich bei betroffene Personen, nun ja, häufiger gute und schlechte Stimmungen abwechseln.

Diagnosen beinhalten also oft generelle menschliche Eigenschaften. Was läge da näher, als die Diagnose als schicke Metapher für diese Eigenschaft zu benutzen?

Auch hier gilt wieder:

1. Du hast dich nicht eingehend damit beschäftigt? Du hast diese Diagnose nicht, du hast nicht Psychologie studiert und noch nicht mal den Wikipedia-Eintrag dazu gelesen? Dann steht die Chance nicht schlecht, dass dieses Wort nicht das bedeutet, was du denkst das es bedeutet. Deine Metapher geht möglicherweise komplett daneben, und die Tatsache, dass die meisten Leute im Raum das nicht merken werden und „schon wissen was du meinst“, macht es nicht besser.

2. Sei respektvoll! Denn:

3. Dies betrifft reale Menschen. Es könnte sein, dass diese dir egal sind, weil du vielleicht keine kennst oder das zumindest glaubst. Wahrscheinlich ist, dass neurodiverse Menschen dich als spannendes Zerrbild deiner eigenen Gefühle interessieren, aber viel weiter eigentlich auch nicht. Die Chancen stehen nicht mal schlecht, dass unter den Menschen, die neben dir sitzen, Betroffene sind, auch wenn du dir das Bild, was du dir vorgestellt hast, sehr viel exotischer und abstrakter ausgemalt hast.

Denken wir mal etwas weiter. Interessant am gesamtgesellschaftlichem Umgang mit Minderheiten ist ja häufig eine Spaltung der Minderheit in der öffentlichen Wahrnehmung in – im weitesten Sinne – gute Minderheit und böse Minderheit. Die gute Bisexuelle, die in einer festen Beziehung lebt und die böse Bisexuelle, die mit jeder UND jedem ins Bett springt. Der gute Schwule, der gerne heiraten möchte und der böse Schwule, der ohne Gummi ficken will. Die guten Migrant*innen, die Migration begrenzen möchten, und die bösen Migrant*innen, die… arbeiten? Oder nicht arbeiten? Ich weiß gar nicht, was böser ist. Die guten Geflüchteten vor Krieg, die bösen Geflüchteten vor Armut. Die gute Schwarze Frau, die bei rassistischen und sexistischen Witzen gleichermaßen mitlacht und die böse Schwarze Frau, die sie als solche benennt. Und so weiter. Hier geht es, damit keine Missverständnisse entstehen, um gesellschaftliche Zuschreibungen und Bilder. Diese Bilder ist natürlich bei jeder Menschengruppe sehr unterschiedlich und auf keinen Fall einfach auf eine andere zu übertragen.

Wie ist es bei Menschen mit psychischen Diagnosen? Es ist natürlich aufgrund der krassen Heterogenität dieser Gruppe nicht einfach zu sagen.

Weißt du was ich denke? Eine der Trennungen, die bei der öffentlichen Wahrnehmung neurodiverser Menschen eine Rolle spielt ist folgende: unterschiedenen wird zwischen den „spannenden Verrückten“ und den „schlimmen, anstrengenden Verrückten“. Als Sonderfall vielleicht noch die „unauffälligen“, die, deren Diagnose du zwar kennst, aber leichter ignorieren kannst, weil du nicht so viel davon mitbekommst.

Die „spannenden Verrückten“: Der Typ aus Fight Club oder der aus Memento. Jeder verrückte Professor in irgendeinem Film oder Buch. Van Gogh und andere „verrückte“ Künstler*innen oder Schriftsteller*innen. Dr. Strangelove. Diese Kategorie ist es, mit der Menschen ohne Diagnoseerfahrung sich identifizieren, wenn sie sagen, sie seien verrückt, diese Art ist gemeint, wenn von Genie und Wahnsinn die Rede ist.

Die „schlimmen, anstrengenden Verrückten“: Die Menschen, die dir aufgrund ihrer Neurodiversität in der sozialen Interaktion zu anstrengend sind. Die, die du aus deinem Freundeskreis raushältst, weil sie implizite Regeln nicht befolgen. Die, von denen es sehr wichtig ist, sich abzugrenzen, wie wir aus Ratschlägen à la „get rid of negative people“ lernen können. Alles, was du dir an negativen und anstrengenden Sachen vorstellst, wenn du „psychische Diagnose“ hörst.

Fassen wir zusammen: Menschen mit psychischen Diagnosen sind am angenehmsten, wenn sie in Filmen vorkommen oder du Artikel über sie lesen kannst – Hauptsache du musst sie nicht persönlich kennen lernen.

Wie ist das Wort „Wahnsinn“ in dem Zusammenhang zu verstehen? Früher war es mal ein allgemeines Wort für neurodiverse Menschen. Als solches ist es veraltet. Als solches ist es auch beleidigend. Warum also ist es als Wort nicht komplett veraltet? Es ist ein allgemeines Füllwort für alles, was irgendwie krass oder amazing ist – gleichzeitig verweist es auf die „spannenden Verrückten“, die, bei denen Genie und Wahnsinn so eng beieinander liegen.

Damit kommen wir zurück zum Anlass dieses Textes. Themenwoche Wahnsinn? Was soll das? Cool, dachte ich erst. Das ist mal eine Gelegenheit, über meine Erfahrungen mit Depersonalisation zu schreiben. Ich dachte sofort an meine Depersonalisation, nicht an mein ADS, meine depressiven Episoden oder sonst etwas. Meine eigene spannende Verrücktheit. Wahnsinn. Die spannende Geschichte davon, wie ich mein Ich verlor und es wieder zusammensetzen musste? Ich werde sie wann anders erzählen. Eine Woche lang interessante Artikel über die „spannenden Verrückten“, gepaart mit der Doppelbedeutung des Begriffs im Sinne von krass oder amazing, auf die sich jederzeit ausweichen lässt, sollte es zu brenzlig werden?

Ich wollte bei keiner Freak Show mitmachen. Lasst uns so schreiben, das Thematisierung von psychischen Diagnosen sich nicht mehr so anfühlt. Lasst uns daran arbeiten, dass sie real und menschlich wird.

  • Pooya Shojaee

    ja aber ich benutz die ganze zeit pshyshiche diagnosen als metapher für diese welt.. und gelte selbst als sehr wahnsinning.. mit ärtzlicher diagnose.. mensch kan doch offen damit umgehen.. und durchaus sind von sich auf die gesselschaft geschlossene annahmen, dass die welt eine psyschatrie sei, nicht falsh.
    https://anarchistofcolor.wordpress.com/