Es gibt Regisseure, die machen Filme aus der Sicht anderer – Stephen Spielberg und Ridley Scott zum Beispiel. Dann gibt es Regisseure, die drehen Filme über Filme, wie beispielsweise Quentin Tarantino. Und es gibt Gaspar Noé! Er dreht Filme aus seiner eigenen Sicht auf das Leben. Auf sein jüngstes Werk trifft dies wohl am besten zu. In einem kleinen Kino in Berlin stellte er höchstpersönlich Love 3D vor – Ein Liebesfilm.

Mit Menschenfeind, Irreversible und Enter The Void machte sich Noé einen Namen als „gefährlichster“ Regisseur dieser Zeit. Jedes seiner Werke hat seinen eigenen Look, sein eigenes Thema. Menschenfeind handelt von Inzest, Irreversible dreht sich um Vergewaltigung, Enter The Void nimmt sich den Drogen an und Love zeigt die Liebe – nur die Liebe und alles was sie vernichtet.

Murphy ist Amerikaner, studiert Regie in Paris und führt eine emotionale Beziehung zu der Künstlerin Electra. Ihre Bindung ist ein Strudel aus Sex und Drogen, gerne experimentell. Als die 16-jährige Omi, die blonde Nachbarin in ihren Focus tritt, wird sie Teil einer Sex-Fantasie, deren Konsequenz lange spürbar bleibt.

„Whatever can go wrong will go wrong.“
– Murphys Gesetz

So steht es in großen 3D Lettern mitten im Bild: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Dies scheint Grundsatz aller Geschichten zu sein, die Noé erzählt. Doch im negativen Konstrukt ist immer auch eine Art Happy End zu erkennen. Der Metzger in Menschenfeind findet seine große Liebe in seiner eigenen Tochter, in Irreversible wird der Anfang zum Ende und schließt so mit einer beginnenden Schwangerschaft auf einer blühenden Wiese ab, und Oscar wird in Enter the Void von seiner Schwester und seinem besten Kumpel als neuer Mensch gezeugt (?!). So versucht auch Murphy in seiner Erinnerung nach einem positiven Ende für sich und seiner großen Liebe zu wühlen.

Murphy steht in seiner einengenden Wohnung, mit Frau und Kind, mitten im unausweichlichen Jetzt. Aus der Retrospektive ergründet er seine Vergangenheit mit Electra, von der jüngsten Erinnerung bis zur ersten Begegnung. Love ist die dunkle Version von Eternal Sunshine of the Spotless Mind – dieser Vergleich hinkt nicht!

„Glück war der schuldlosen Vestalin hold. Die Welt vergass sie, als die Welt sie vergessen wollt, jedes Gebet und jeder Wunsch erhört.“

So zitiert Kirsten Dunst Edgar Allan Poe in Eternal Sunshine, und es wäre nicht unangebracht dieses Zitat an das Ende von Love anzuschließen. Im ew’gen Sonnenschein Erinnrung ungestört – In der Erinnerung kann der Sonnenschein ewig sein, eine Liebe muss nie Enden, in der Erinnerung ist man ungestört, doch nur in der Erinnerung. Die Realität bleibt ein Drama.

Dies ist Gaspars vierter Langfilm, sein erster, in dem er eine Substanz entwickelt auf die all seine Filme zusteuerten. Davor war jeder Film ein eigene Illustration; mit Love schafft er eine Art abschließende Filmreihe.

Kleinster gemeinsamer Nenner: Der Fremde, der sich in einer neuen Umgebung wiederfindet. Der Metzger aus Menschenfeind kommt aus der Provinz zurück nach Paris, Vincent Cassel muss tief in die Nachtclubs der Homosexuellen-Szene eintauchen, um in Irreversibel Rache zu nehmen und Oscar in Enter the Void findet sich in Tokio wieder. Etwa wie Gaspar Noé selbst, der als Argentinier Filme in Frankreich macht.

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Murphy als Amerikaner will in Paris Regisseur werden – autobiographisch? Vielleicht, zumindest spielt Noé auf der Metaebene viel mit seiner eigenen Person- ein Baby wird Gaspar genannt, ein Ex-Freund heißt Noé, Murphy plant sogar einen Film im Film, dessen Grundgedanke 1:1 der von Love selbst ist: emotionale, sexuelle Liebe zu zeigen. Noé spielt sogar eine recht große Rolle im Film.

Love bedient sich eigentlich bloß noch Stilmitteln, die bereits in vorangegangenen Filmen von Noé selbst genutzt wurden. Die statischen Bilder aus Menschenfeind, ähnlich wie das Abspielen eines Diaprojektors; Die First-Person Perspektive wie bereits in Enter The Void, oder auch das Flimmern und Augenblinzeln der Kamera; die umgekehrte Chronologie des Erzählstrangs wie in Irreversibel. Noé ist sein eigener Tarantino! Und doch ist der Film frisch, erzählt eine eigene Geschichte, kann optisch glänzen und reizt das 3D endlich mal aus!

Ja, hier sei 3D empfohlen. Die statischen Bilder, die langen Einstellungen bekommen durch die Konvertierung eine besondere Tiefe. Nicht viel tritt aus dem Bild heraus bis vor die 3D Brille, jedoch baut der Film Ebenen auf: von verschiedenen Kontrasten und verschiedenen Körpern. Hilfreich besonders bei einigen Gruppensexorgien, wenn man genau wissen will, welcher Fuß wem gehört und welche Brust von wem eigentlich geknetet wird. Und wenn doch etwas den 3D Effekt nutzt um aus dem Bild zu kommen, dann ist es der Penis von Murphy, der in das Gesicht der Zuschauer ejakuliert. So nah kam ein 3D Effekt selten bis vor die Brille – warum es ausgerechnet Sperma sein muss? Reine Provokation.

Denn vieles provoziert den Zuschauer eigentlich nicht. Ja, der Sex ist echt und, ja, hin und wieder wirkt der Konsum von Drogen verherrlichend und, ja, der Sex mit einem 16 jährigen Mädchen ist ein kleiner Skandal. Aber hatten wir die Diskussion nicht schon zu oft?

Der echte Sex war schon bei Im Reich der Sinne (1976) ein Skandal, Lolita (1962) thematisierte bereits Sex mit Minderjährigen und Drogenkonsum lockt seit Easy Rider (1969) niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Ich möchte nichts beschönigen, aber nur weil der Sex echt ist und Love somit die Liebe in allen Facetten zeigt, verweigert die FSK eine Altersfreigabe nach der ersten Prüfung und attestiert dem Streifen eine schwere Jugendgefährdung?

Nach einer Berufung wurde der Film dann doch ab 18 freigegeben. Ein Armutszeugnis für die FSK, denn die Sexuelle Revolution vor mehr als 40 Jahren hat unsere Prüfstelle wohl verschlafen.

In England protestiert der Filmemacher Charlie Lyne gegen die Prüfstelle in Großbritannien und möchte ihnen einen 14 Stunden Film zur Prüfung vorlegen, bei dem die Mitglieder der BBFC einer frisch bestrichenen Wand beim Trocknen zusehen müssen. Wäre eine Möglichkeit, damit die FSK auch hier zu Lande mal aufwacht und zielgruppenorientiert am Maß der Zeit beurteilt.

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Und eins noch:

Quentin Tarantino sagte zum Vorspann von Enter the Void: “Hands down best credit scene of the year … Maybe best credit scene of the decade. One of the greatest in cinema history.” Demnach gespannt war ich dann doch auch den Vorspann von Love! Und dann… fehlte der Vorspann komplett! Ob Gaspar Noé Angst hatte, dass Kanye West wieder einmal seine Handschrift für ein Musikvideo klaut?

Doch als sich am Ende das Bild auf ein 1:1 Format schmälert (Gaspar erwähnte nach dem Kino bei einer Zigarette, ihm habe der Einfall bei „Mommy“ von Xavier Dolan gefallen und drehte den Formatwechsel einfach um), das Bild einfriert und leise Klänge den Abspann verkünden, kreiert Noé hier den wohl schönsten Abspann, den ich je gesehen habe!

Love ist die logische Konsequenz aus dem Portfolio von Gaspar Noé, Schönheit und Hässlichkeit im dreidimensionalen Gewand, mit einer Geschichte die vierdimensional, ohne Zeit und Form, erzählt wird und doch strukturierter als ein Irreversibel daher kommt.

Love ist ein Liebesfilm, nicht mehr und nicht weniger.

  • Doktor Mihi

    Der Artikel gefällt mir sehr! Wirklich gut geschrieben!