Wenn Mensch durch die Straßen läuft, ist die Umgebung erfüllt von gedämpften Geräuschen: Wortfetzen, Motorenlärm, dem Rumpeln der vorbeifahrenden Straßenbahn oder dem Klappern von Fahrrädern auf Backsteinpflastern. Sobald aus einer Ecke ein Schrei erschallt oder etwas zu Boden fällt und zerbricht, lenkt dies sofort die Aufmerksamkeit zahlreicher Passant*innen auf sich, denn heutzutage sind diese Laute oft eine Seltenheit.

Das ist vor allem in Umgebungen der Fall, die in Verruf sind „gut gesittet“ zu sein. Auch wenn wir so richtig auf die Palme gebracht werden, sei es nun durch ein Gegenüber oder uns selbst, wird es doch am liebsten gesehen, wenn wir uns gemäßigt verbal artikulieren. Wir sollen Gefühle „eloquent“ mit Worten zum Ausdruck bringen, schön sachlich bleiben, nicht persönlich werden, und schon gar nicht handgreiflich.

Brachiale Mittel? Eher ungern. Wir leben in einer Zeit, in der schmutzig werden und Krach machen in die Ecke „es halt nicht besser gelernt haben“ gesteckt wird.

Schluss damit! Mal so richtig auf den Putz hauen! Mit allem, was dein Körper an Werkzeug hergibt! Kaputt machen, was dich kaputt macht!

Du findest es merkwürdig, dass hier zu Gewalt aufgerufen wird? Du findest Fäuste sind was für Ungebildete? Du findest, das sei typisch für diese Wegwerfkultur, dass kaputt gemacht, statt repariert wird? Es ist ein Hin und Hergerissen sein zwischen Ton, Steine, Scherben und Tommy Finke. Kaputt machen? Reparieren? – Ja was denn nun?

Es gibt viele Ventile, um Emotionen freien Lauf zu lassen und der Wut Luft zu machen: sich ins Grüne zurück ziehen, Yoga, Zimmerpflanzen anstarren, Sex haben und eben auch: Gegenstände und Abstraktes kaputt machen. Einfach mal eine schöne große Porzellanvase mit voller Wucht gegen eine Wand feuern. Mit einem Hammer einen alten VW-Golf zertrümmern. Ausrangierte Bildschirme zerschlagen. Ausgesetzte Möbel in ihre Einzelteile zerlegen. Den Klotz der Vergangenheit abschütteln. Die Job-Absage genüsslich durch den Aktenvernichter jagen oder sozialen Netzwerken den Laufpass geben.

Den Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt. Das Prinzip ist einfach: Emotionen, die wir nicht länger mit uns herum tragen wollen, werden auf mechanischem Wege auf Gegenstände übertragen. Gemäß dem Motto: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, „Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehen“ oder „Worte sind Zwerge, Taten sind Berge“.

Mit Genugtuung zusehen, wie die materielle Verpackung unseres Lebens durch bloße Kraft Brüche zeigt und zerbirst. Sich den Weg bahnen heraus aus der Scheinwelt des guten Benehmens, der makellosen Hülle und der Ordnung. Sich nebenbei gegenständlicher Auswüchse der Konsumkultur entledigen. Zwei Fliegen mit einer Klappe also. Das Hängen an Gegenständen als Farce entlarven. Selbstliebe stößt den Materialismus vom Thron. Schluss mit der Empathie für Besitztümer!

Ungedämpft, ungemildert, zügellos.

Manchmal kann es so viel befriedigender sein, etwas mit den eigenen Händen anstatt mit Worten auszuführen, Sprechakttheorie in allen Ehren. Manchmal sollte es auch einfach in Ordnung sein, auf nonverbale Mittel zurückzugreifen, kaputt zu machen, was einen belastet.

Denn unterm Strich reden wir hier von totem, bedeutungslosem Ballast.

Und tatsächlich kann dies eventuell der lautstarke Startschuss sein für einen radikalen Richtungswechsel im Leben. Mit weniger Besitz und Material, dafür aber auch möglicherweise weniger Verantwortung, Arbeit und Druck. Dann eventuell auch mit weniger Zerstörungswut?