Felix Schiller heißt wirklich so. Und dann ist er auch noch Lyriker. Erfolgreich noch dazu: Seine Texte wurden mehrfach in Anthologien veröffentlicht und dieses Jahr wurde er zum zweiten Mal zum Open Mike eingeladen. Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt.

Felix, wie, wann und wo findet man dich schreibend?

In bestimmten Phasen: oft schreibe ich drei Monate gar nichts, manchmal über zwei Wochen hinweg jeden Tag. Je nachdem, wie es zündet. Meist schreibe ich zuhause, Kneipe und Fernbus geht aber auch fast erschreckend gut. Ich brauche Hintergrundgeräusche, akustische Störungen, dann kann ich mich komischerweise am besten fokussieren. Zuhause heißt das meistens: Techno.

Deine Texte sind häufig in Zyklen angeordnet. Wie näherst du dich einem Thema, damit du es mehrfach bearbeiten kannst?

Zuerst steht meist das Thema, oft nicht wegen des Themas selbst oder seiner vordergründigen ‚Relevanz‘, sondern weil mir daraus allgemeinere Fragen durchzubrechen scheinen, die mich ohnehin beschäftigen und in denen ich weiterkommen will. Dann recherchiere ich, lese einiges, sammle Worte, Wendungen und Sätze, die in ihrer Zusammenschau die Fragen aufwerfen, die mich interessieren. Aus dem Gefundenen heraus versuche ich dann eine Sprecherposition, den Ton und die Form zu finden, die das Material für mich tragen kann. Das ist dann mein Konzept, die Idee. Die einzelnen Texte schließlich sind für mich eher Versuchsanordnungen der Durchführung. Das nimmt mir beim Schreiben die Schwere des einzelnen Gedichts, indem es im Seriellen auf die Grundidee bezogen bleibt. Das Konzept ist das Ganze, Unausgesprochene, vielleicht auch Unaussprechbare, um das es mir geht und das unerreichbar bleibt. Die Texte der Zyklen sind Umkreisungen und Annäherungen, Ahnungen der Ausgangsfragen mehr als deren Lösung

Wie verständlich dürfen Gedichte sein?

Gedichte dürfen erstmal alles, denke ich, und das ist ja auch das Befreiende an der Gattung. Gleichzeitig zeigen poetische Texte mir immer wieder, dass es völlig OK ist, nichts zu verstehen, dass jede_r frei dabei ist. Verstehen kann man, glaube ich, ohnehin nur, was eine_m wichtig ist (oder was man, vielleicht in anderer Form, schon weiß); sobald man nichts versteht, lässt sich sehr gut begreifen, was eine_m eigentlich wichtig ist.
Gedichte können natürlich auch gerne verständlich sein, in dem Sinne, dass Sprachnormen gewahrt bleiben, dass sie etwas erzählen oder Gefühle und Ansichten klar benennen, dass es LeserInnen leicht gemacht wird, sich in ihnen zu orientieren. Zumindest für mich gibt es aber oft beim Lesen und Schreiben von Lyrik auch ein ganz anderes Verstehen, dass sich gerade nicht an dem Erwähnten festmacht, vielleicht sogar dadurch eher verhindert wird, zumindest oft entgegenarbeitet.

Wenn Wörter aus ihrem Kontext genommen und so arrangiert werden, dass sich Klänge zusammenfügen und sich (im besten Fall) mehrere und neue Bedeutungen ergeben, dann setzt bei mir ein Verstehen ein, das eher ein Verbundenheitsgefühl denn ein Wissenstransfer ist, ein bisschen wie in der Liebe. Kein Nachvollzug aus Mitteilung, sondern über Gefühl, Mitsein in Sprache, plötzliche Intuition von Gewissem, Gefühltem in nie gehörter Sprachkonstellation, Vertrauen, Glaube an die Möglichkeit zur Verständigung, Widerhall des Eigenen im Anderen. Diese Art Verstehen löscht bei mir für kurze Zeit, allein im Passieren, die Einsamkeit und Isolation und macht mich glücklich. Aber Gedichte dürfen einfach alles, man kann sie annehmen, wie sie sind, und deshalb auch: lieben.

In deiner Lyrik ist auffällig, wie du oft Umgangssprache mit hermeneutischen Bildern verbindest. Was reizt dich an dieser Kombination?

Die Antwort habe ich größtenteils gerade bei der Verstehensfrage zu geben versucht. Die Alltagssprache brauche ich als Erdung, Ironisierung oder auch Verdringlichung, als Ausgleich manchmal oder als Freifläche, um durchzuschnaufen. Die hermeneutischen Bilder entstehen aus dem Collagieren mit dem Material: in ihnen versuche ich für mich dieses Verstehen hervorzubringen, das ich beschrieben habe. Sie sind deshalb für mich auch gar nicht hermeneutisch sondern im Nachspüren völlig klar. Vielen LeserInnen scheint das alles verrätselt und ich kann das nachvollziehen. Aber wenn die Texte nur bei einigen auf irgendeiner Ebene etwas zum Klingen bringen, bin ich schon zufrieden: ich habe auch zu vielen Texten überhaupt keinen Zugang und bei manchen rumort es sofort.

In deinem Zyklus, für den du zum Open Mike eingeladen wurdest, findet sich Sozial- und Ökonomiekritik. Hat Lyrik überhaupt eine gesellschaftskritische Kraft?

Von der Wirkung her: im Moment und in unserer Sprachgemeinschaft nein. Da will ich nicht naiv sein und wenn es mir darum ginge, würde ich journalistisch schreiben. Das heißt aber nicht, dass es nicht wichtig ist, zu jeder Zeit künstlerische Werke mit einem gesellschaftskritischen Anspruch entstehen zu lassen. Lyrik kann Haltungen und Meinungen mit existentieller Gewissheit, Vertrauen fundieren, daran glaube ich. Es ist wichtig, dass es sie gibt und dass sich darauf zurückgreifen lässt; wer was wann liest, ist vielleicht unerheblich. Womöglich ist Lyrik diejenige Literaturgattung für die Zeiten der Orientierungslosigkeit (eigene und gesellschaftliche), gibt Halt. Vielleicht kann sie aber auch wirklich Impulse setzen, was sich an ihrem subversiven Status aufgrund ihres flüchtigen Charakters in manchen Diktaturen gezeigt hat.

Das Sich-Verantwortlichfühlen für seine eigene Haltung zum Schönen und Guten (und was das gegenwärtig aus verschiedenen Perspektiven, pluralistischen Positionen überhaupt bedeutet), das Einstehen für seine Ideen und Überzeugungen, das Suchen und Finden von neuen Formen, der unablässige Versuch, Schönes hervorzubringen, sind für mich bereits gesellschaftskritische Handlungen. Allerdings finde ich Gesellschaftskritik auch ein schwieriges Wort, sowohl als Forderung als auch als Beschreibung: vielleicht glaube ich eher an ein Mitwirken der Lyrik an der Gesellschaft, in jedem Fall, allein aus ihrer Existenz heraus.

Deine Gedichte haben einen eher ruhigen, fast melancholischen Klang. Gehört die Melancholie zum Dichten?

Generell glaube ich das nicht. Aber ich merke, dass mich diejenigen Texte am meisten beeindrucken und beanspruchen, die mit Melancholie umgehen, versuchen eine Haltung zu ihr zu finden und ihr einen Ort im Leben und Sprechen zu gewähren. Was ich in meinen Texten suche – und auch bei vielen anderen Gedichten, die mir lieb sind, finde – ist eine Sprache für die Vergeblichkeit und einen Weg, dieses Fühlen und Wissen darum in eine absolute Weltbejahung oder vielleicht auch ein tröstliches Annehmen umzuwerten. Melancholie ist dabei sicherlich einer der wichtigsten Töne für mich, aber Ironie, Übertreibung, Angst, Wut, Zärtlichkeit und Staunen sind es auch.

Gibt es eine*n Dichter*in, der/die dich selbst inspiriert? Wenn ja, was ist für dich sein/ihr Meisterstück?

Natürlich sehr viele AutorInnen aus der Literaturgeschichte, irgendwie lässt sich ja fast aus jeder Lektüre irgendetwas mitnehmen, wenn sie halbwegs gut ist. Gegenwärtige DichterInnen, die mir die liebsten sind: Uljana Wolf (falsche freunde), Katharina Schultens (gorgos portfolio) und Ulf Stolterfoht (holzrauch über heslach; neu-jerusalem).