Dieses Bild ist an genau demselben Ort, auf derselben Lesung entstanden, bei der auch ich Safiye Can und ihre Gedichte kennengelernt habe. Eine Empfehlung hatte mich auf der Frankfurter Buchmesse 2014 vor die Bühne der unabhängigen Verlage geführt. Dort las sie, gegen den lärmenden Buchmessentrubel, einige Gedichte aus ihrem Band Rose und Nachtigall (Größenwahn Verlag). Ab und an wendete sie das Buch, zeigte auf einen ihrer Texte und fragte, ob wir das auch weiter hinten noch erkennen könnten. Sehen, was denn? Lyrik?

Die Dichterin Safiye Can schreibt Gedichte und sie setzt sich mit Visueller Poesie auseinander. Bei dieser Herangehensweise wird die visuelle Ebene von Wörtern oder deren Formatierung zu Wortblöcken künstlerisch wirksam. Visuelle bzw. Konkrete Poesie stand im beginnenden 20. Jahrhundert hoch im Kurs. Als eine experimentelle Gattung diente sie einigen KünstlerInnen der Avantgarde – darunter Jandl und Schwitters – dazu, durch ein strukturelles Hervorheben der Schriftzeichen deren Bedeutung künstlerisch in Frage zu stellen. Vereinzelte Nachzügler wie Joseph Beuys und Eugen Gomringer beschäftigten sich noch damit, heute scheint visuelle Poesie jedoch vollständig aus der Mode gekommen zu sein. Doch in diesem Fall ist das Happy End bereits vorweggenommen: Safiye Can pflegt diese Ausdrucksform und dichtet auch visuell. Heimadresse heißt das visuelle Gedicht, das hier vorgestellt und im Interview schließlich genauer betrachtet wird.

Außerdem wird es um ihren Gedichtband mit dem wunderschönen Titel Rose und Nachtigall gehen, aus dem es einen Auszug des gleichnamigen Langgedichts zu lesen gibt. Bei dem Titel klingelt etwas bei euch und ihr entsinnt euch dieser einen Kurzgeschichte von Oscar Wilde? Grandios, gut erinnert. Aber wusstet ihr auch, dass sich Wilde hier eines uralten Motivs bedient? Im Interview erklärt uns Safiye, was es mit den Rosen und Nachtigallen allgemein und speziell in ihrer Dichtung auf sich hat.

Wie beim letzten Mal ist Meet a poet… in Tabs aufgeteilt, nach den beiden Gedichten von Safiye gelangt ihr über einen Klick auf In der Sprechstunde zum Interview.

 

Konkrete-Poesie_Concrete-poetry_Somut-siir_Heimadresse_Safiye-Can

Fern vom Land der Rosen und Nachtigallen
soll wie viel ein Bildhauer noch sein
wenn er Bildhauer ist?
Wo er doch schon alles ist beim Meißeln
der Pfeil und der Degen
das Visier, das Magazin
das Siegen, das Kapitulieren.

Im Land der Rosen und Nachtigallen
wurde eine andere zu der
die ich werden sollte.
Nun geschieht immer alles an Plätzen
an denen ich mich nicht befinde
wohin ich mit dem Finger auch zeige
dort schlägt mein Herz.

Man kann sich hinter der Gardine
verstecken, in einem Bordeauxglas
die Realität totschweigen
oder eine Komödie anschauen
und losweinen.

Unterwegs lese ich verstoßene Träume auf
und decke sie warm zu
in meinem Zuhause.
In meiner Hosentasche ein Uhrenschlüssel
ein Strick, eine Gebetskette
mal schaue ich mir das eine an
mal das andere.

Fern vom Land der Rosen und Nachtigallen
ändere ich die Anordnung von Klaviertasten
und setze sie neu zusammen.

 

Auszug aus dem Langgedicht Rose und Nachtigall: Rose und Nachtigall, Liebesgedichte, Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 2014

Safiye Can wurde 1977 als Kind tscherkessischer Eltern in Offenbach am Main geboren. Sie hat Philosophie, Rechtswissenschaft und Psychoanalyse an der Goethe Universität in Frankfurt am Main studiert. Sie ist Kuratorin der „Zwischenraum-Bibliothek“ im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung, leitet Schreibwerkstätten an Schulen, ist Mitarbeiterin der Horst Bingel-Stiftung für Literatur, aktives Mitglied der Vereinigung türkischsprachiger Schriftsteller Europas (ATYG) und ehrenamtliches Mitglied bei Amnesty International. Die Autorin und Dichterin übersetzt außerdem literarische Texte aus dem Türkischen.

2014 erschien ihr Debüt „Rose und Nachtigall“, Liebesgedichte (Größenwahn Verlag). Es wurde in zwei Monaten zum Lyrikbestseller und liegt derzeit in zweiter Auflage vor. Im selben Jahr erschien ihre Kurzgeschichte „Das Halbhalbe und das Ganzganze“ (Verlag Literatur-Quickie)

 

Safiye, auch dich möchten wir gerne fragen, wo, wie und wann du üblicherweise schreibst?

Üblicherweise schreibe und korrigiere ich Geschriebenes an meinem Schreibtisch. Dieser besteht aus drei nebeneinander gestellten Schreibtischen und ist immer noch zu klein. Normalerweise benutze ich meinen Laptop, der verglichen mit einem Durchschnittslaptop riesig ist. Dem Verkäufer sagte ich vor 6 Jahren: Ich möchte dieses Schiff mitnehmen.
Ich gehöre zu den Nachtmenschen. Sitze ich an einem neuen Gedicht oder Projekt, kann das bis in die Morgenstunden gehen, aber ich schreibe zu jeder Tagesstunde. Allerdings schreibe ich überall, auch gerne in Zügen, Bussen und Bahnen. Ich schreibe auch, wenn ich gerade zu Fuß unterwegs bin. In Offenbach bin ich womöglich die einzige, die im Gehen Notizen aufschreibt, weil die Inspiration nie wieder so erscheint, wie in diesem einen bestimmten Moment. Meistens kommt die Inspiration unerwartet und nicht selten in unmöglichen Situationen. Zuletzt schrieb ich meine Notizen vor der Käsetheke eines Supermarktes. Auf Außenstehende muss ich den Eindruck einer Idiotin machen, aber sind die Verse da, müssen sie festgehalten werden. Vier Schritte weiter, sind sie schon weg.

Ich bin vor allem auf dich aufmerksam geworden, weil du dich mit etwas gemeinhin Totgeglaubtem auseinander setzt: Wie bist du zur Visuellen bzw. Konkreten Poesie gekommen?

Zunächst einmal herzlichen Dank für dein Interesse. Zu diesen beiden literarischen Gattungen bin ich bisher nie befragt worden, das liegt auch daran, dass viele eine Art Überforderung mit ihnen erleben.

Die Konkrete Poesie kam selbst zu mir. Sie ist etwas, dass einem innewohnt. Es ist eine besondere Art der Beobachtung, des Blicks, der Wahrnehmung. Vielleicht muss man sogar das Gedicht überwunden haben, um sich im nächsten Schritt der Konkreten Poesie zu widmen. Als ich meine ersten Konkreten Arbeiten fertiggestellt hatte, wusste ich nicht einmal, dass sie einer Gattung angehören und einen Namen haben. Ich war sehr froh darüber, zu erfahren, dass es Menschen vor mir gab – stets Männer übrigens, die sich damit beschäftigten. In meiner Generation stehe ich leider ziemlich alleine mit dieser Herangehensweise da. Literaturzeitschriften beschicke ich erst gar nicht mehr. Wobei eine Literaturzeitschrift in Deutschland tatsächlich die Besonderheit der Konkreten Poesie als Teil der deutschsprachigen Literatur verstanden hat; die horen, auf deren Cover auch schon eine meiner Konkreten Arbeiten abgebildet war.

Mein Interesse an der Visuellen Poesie hingegen lässt sich sicherlich damit begründen, dass ich schon immer, also von Kindesbeinen an, gezeichnet und gemalt habe. Das Gedicht zu etwas Visuellem zu machen oder es von vornherein als ein Bild, als eine Art Zeichnung zu denken und zu sehen, rührt meiner Meinung nach daher.

Heimadresse hat mich kurz an Nolans Interstellar erinnert. Reizt dich die Vorstellung, Menschen könnten eines Tages außerhalb dieses Planeten überleben? Was hat dich zur Gestaltung dieses visuellen Gedichts angeregt?

Den Film habe ich leider nicht gesehen. Die Intention bei diesem Gedicht war vielmehr die Idee, dass, wenn man alles von oben herab sehen würde, vieles, wofür gekämpft und getötet wird, als absurd, grotesk, durch und durch unnötig erkannt werden würde. Von oben betrachtet sind wir Menschen nicht halb so wichtig, wie wir uns nehmen. Rassismus zum Beispiel ist ein Phänomen, das man vor allem durch das kindliche Auge betrachtet, nicht begreifen kann. Aus dem Universum betrachtet, erscheinen irdische Probleme als nichtig und belanglos. In dieser kindlichen Verstehensart und Sprache ist das Gedicht auch geschrieben und letztlich visuell „gemalt“ und umrahmt. Das Gedicht wird in der visuellen Poesie quasi lebendig.

Rose und Nachtigall führt ein genuin orientalisches Motiv in die deutschsprachige Lyrik ein. Gibt es noch mehr Beispiele für die Verbindung der verschiedenen Lyriktraditionen in deinen Texten? Unterscheidest du überhaupt zwischen deutsch- oder türkischsprachigen Einflüssen auf dein eigenes Schreiben?

Ich unterscheide nicht zwischen der Herkunft der Traditionen. Entweder spricht mich das Gedicht bzw.  die Metapher an oder nicht. Die Metapher „Rose und Nachtigall“ hat etwas einmaliges, sie wird seit dem 11./12. Jhd. in der persischen, arabischen und osmanischen – heute türkischen – Dichtung verwendet und hat bis heute nichts an ihrer Beliebtheit eingebüßt, d.h. sie wird auch aktuell in Gedichten und Songtexten verwendet. Es gibt keine Metapher, die es mit ihrer Popularität aufnehmen könnte. Da sie mir sozusagen schon in die Wiege gelegt wurde und hierzulande immer noch weitgehend unbekannt ist, erschien es mir als wichtig, sie in die deutschsprachige Lyrik zu adaptieren. Es scheint auch gelungen zu sein, denn mich erreichen Gedichte von Dichterkollegen, die diese Metapher in ihren Gedichten benutzen. Dazu verhilft auch das Nachwort, welches eigens für den Lyrikband verfasst wurde.

Ansonsten arbeite ich nicht mit bestimmten Traditionen. Das Gedicht spricht bei mir immer aus sich selbst heraus, selbst dann, wenn eine Rose und eine Nachtigall in ihm auftauchen. Man braucht keine zwingenden Vorkenntnisse. Lyrik soll für den Leser nicht zu einer Wissenschaft ausarten, für die es noch externe Nachschlagewerke bedarf. Gibt es Traditionen, die uns bewegen, so bauen sie sich selbst in unsere Dichtung ein und werden von Generation zu Generation weiter getragen. Das Neue sowie auch das Alte haben einen notwendigen Platz in der Literatur.

Im Gedicht Rose und Nachtigall schwingt die Frage mit, wie es dem lyrischen Ich wohl im Land der Rosen und Nachtigallen ergangen wäre. Ist das eine Frage, die du dir auch persönlich stellst? Hat sie großen Einfluss auf dein Schreiben?

Wie es mir in einem Land der Rosen und Nachtigallen konkret ergangen wäre, weiß ich nicht, ich lebte nur kurz darin und war bald verbannt. Aber ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass viele meiner Gedichte nicht geschrieben worden wären, wenn ich nicht so viel Leid erfahren hätte. Das ist die Wahrheit.

Normalerweise löst man sich als Verfasser irgendwann von seinem Text, bei dem Langgedicht „Rose und Nachtigall“ ist es anders, es hat etwas Allgegenwärtiges an sich und macht mir das Vortragen nicht einfach. Und das, obwohl allein das Fertigstellen des Gedichtes ein Jahr gedauert hat. Eigentlich kann man meine Langgedichte wie meine Vita lesen, liest man meine Gedichte, weiß man ohnehin viel mehr über mich, als eine Vita je aussagen könnte.

In deiner Tätigkeit als Übersetzerin setzt du dich intensiv mit der Lyrik Anderer auseinander. Welches deiner übersetzten Gedichte würdest du uns unbedingt ans Herz legen wollen?

Das ist eine schwierige Frage (lächelt). In meinem Herzen schlägt ja auch das Herz einer Übersetzerin und damit – zumindest was mich betrifft und wie ich das Übersetzen wahrnehme – auch die Herzen all jener Dichter, die ich übersetzte und noch übersetzen werde. Es gibt so viele gute DichterInnen und viel zu wenig Lyrikübersetzungen, was u.a. auch der Grund war, weswegen ich mich zu dieser nun doch schweißtreibenden Arbeit entschied. Aber ohne einen Dichter dem anderen vorzuziehen, möchte ich dir und allen Lesern da draußen Ataol Behramoğlus kızıma (1981) nahelegen. Zurzeit übersetze ich nämlich seine Gedichte und werde noch 2015 einen zweisprachigen Lyrikband im elifverlag herausgeben. Der Dichter wird damit zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt.

KIZIMA – BEHRAMOGLU