Letztens wurde ich gefragt, wo ich eigentlich nach den AutorInnen suche, die hier bei Meet a Poet vorgestellt werden. Das Schönste daran ist, dass ich sie nicht unbedingt suche, viel eher finde ich sie.

Valentin Moritz fiel mir einfach in die Hände.  2€ hat das gekostet. Unter lauter Kurzgeschichten, gesammelt und abgedruckt im Straßenmagazin streem, gefiel mir seine besonders gut. Seitdem stand Valentin auf meiner Liste, eigentlich schon bevor es diese Liste und Meet a Poet überhaupt gab. Ein paar Monate und gezielte Personensuchanfragen im weltweiten Netz später, sitzen wir nun mit einem Bierchen und meinem Diktiergerät auf einer Berliner Dachterrassenbar mit Blick auf den wolkenverhangenen Fernsehturm und sprechen über eben diese Geschichte.

Liebe Freundinnen und Freunde der schönen Sprache, freut euch auf Vitabreviskaramellbonbon. Valentin Moritz liest seine Kurzkurzgeschichte und steht uns im Interview Rede und Antwort.

Unter Vitabreviskaramellbonbon findet ihr die Geschichte. Für das Interview wählt ihr In der Sprechstunde aus.

Jan Franke: Vitabreviskaramellbonbon (c)
Alles ist klare, sanfte Seelenruhe. Das Karamellbonbon liegt in der uterischen Dunkelheit der Karamellbonbondose. Und es denkt sich weiter nichts dabei, ist eines unter vielen und alle hier sind gleich sich selbst genug.

Doch plötzlich wird es ungemütlich in der Karamellbonbondose: Krämpfe zucken, Geschrei im Schraubverschluss, ein Ruck – – – und schon dringt ein Spaltbreit Neonlicht die Bonbongruft hinab. Eine riesige, wütende Hand packt das Karamellbonbon und zerrt es hervor, es kreischt und jault, ist geblendet vom Licht – und da weiß es mit der ungläubigen Klarheit des ersten Augenblicks: MEIN HERZ – ICH BIN!

Ich bin? Ja, es ist, und so fragt es sich sogleich: Was? Was bin ich? Oder: Wer? Wohin? Gibt es einen Gott? Und wo ist der, wenn ich ihn gerade brauch? Warum ist Grün grün, Blaukraut Blaukraut und eine Dose eine Dose eine Dose …? Was kann ich tun für diese kaputte Welt, was von ihr halten? Und wieso bin ich nackt?! – – – Egal, sagt sich das Karamellbonbon, ab geht’s, denn memento mori, ars longus vita brevis, Mann!!

Und da greift das Karamellbonbon nach dem Leben, klammert sich fest daran mit aller Kraft und erträumt sich die herrlichsten Dinge: Künstler sein, sich selbst verwirklichen, an der Börse Geld und Kinder machen oder kämpfen als Revoluzzer an allen Fronten, mit Flügeln bis zur Sonne fliegen – oder besser noch: all das zugleich!

Und kurz weilt alles ewig.

Doch dann heißt‘s auch schon von der Hand in den Mund – und da trifft das Bonbon hart die Erkenntnis: Jetzt schon?, fragt es sich verzweifelt, und weiße Schicksalswut kocht in ihm hoch. Zu spät. Immer kleiner wird das Bonbon im Strudel der Backentaschen und nur kurz noch fühlt es seinen Selbstverlust mit letzten Sinnen. Bis es schließlich ganz erloschen ist und das kleine Mädchen in den Zähnen pult.

Illustration (c) Jan Franke

Valentin Moritz wurde 1987 im Südschwarzwald geboren. In Berlin studierte er Germanistik, Hispanistik und Literaturwissenschaft. Zurzeit arbeitet er in einer Literarturagentur. Er ist auf Berliner Lesebühnen zu Hause, als Gast, Organisator und als Lesender. 2012 war er Teilnehmer am Autorenkolleg bei Rainald Goetz, ausgerichtet vom Peter-Szondi-Institut der FU Berlin. Er veröffentlichte in Literaturzeitschriften und Magazinen, zuletzt in Sachen mit Wœrtern, Krautgarten und 500Gramm. Valentin Moritz war Preisträger des Literaturwettbewerbs „Blaues Blatt“ 2013 und sein Text Tag 19, Andorra wurde beim Wiener Werkstattpreis 2014 vom Publikum auf den dritten Platz gewählt.

Valentin, hast du bestimmte Schreibrituale? Wann und wo schreibst du?

Das ist relativ leicht zu beantworten: typischerweise tatsächlich an meinem Schreibtisch, tendenziell morgens. Meistens läuft es am besten, wenn ich richtig früh aufstehe, einen Kaffee trinke und mich sofort hinsetze, um nicht auf irgendwelche dummen Gedanken zu kommen. Aber auch nur dann, wenn ich schon an einem bestimmten Text arbeite. Die Vorarbeiten und die Ideen entwickle ich eher unterwegs. Ich muss beim Schreiben möglichst abgeschottet sein. Wenn irgendjemand in der Wohnung rumrumpelt, kommen Ohrstöpsel zum Einsatz oder Musik, die rhythmisch, aber nicht so auf dringlich ist. Ansonsten bin ich da ganz unrituell.

VITABREVISKARAMELLBONBON beschäftigt sich auf kleinstem Raum mit größten Fragen. Wieso ist ausgerechnet das Karamellbonbon hier zur Metapher geworden?

Eigentlich ist der Text aus einem Traum entstanden. Ich hatte so eine Szene vor mir, die ich morgens mit ein paar kleinen Notizen festgehalten habe und daraus hat sich dann dieser Text entwickelt. In dem Traum sehe ich ein Karamellbonbon, das mit einer Nadel an die Wand gepinnt ist. Es schreit. Und dann wird es irgendwie heruntergenommen, ich weiß nicht, ob von mir oder sonst wem. Insofern war das Bonbon vor der Textidee da. Ich mag aber die Vorstellung, dass so etwas Kleines und Banales wie ein Karamellbonbon auch mal zu Wort kommen und sich diese ganzen Fragen stellen darf. So ein Bonbon wird ja auch – auf Alemannisch würde man sagen – „weggeschlotzt“. Man beißt keine einzelnen Stücke von ihm ab, schluckt die herunter und verdaut sie, sondern es löst sich langsam auf. Und genauso ist es mit dem Leben doch auch. Klar kann ein Leben durch besondere happenings auch stückhaft passieren, aber eigentlich ist es mehr so ein allmähliches Abarbeiten. Und immer kleiner wird man dabei …

Ein anderer Text von dir, Tag 19, Andorra (unten verlinkt!) beschreibt eine selbsterlebte Reise. In einem Interview hast du im Zusammenhang mit dieser Geschichte gesagt, dass es beim Schreiben letztendlich um das Erzählen von Ereignissen ginge. Das Nacherzählen von Ereignissen? Wie autobiographisch darf ein literarischer Text deiner Meinung nach sein?

Also erst mal darf er wahrscheinlich alles, insofern auch komplett autobiographisch sein. Was dann aber daraus gemacht wird, ist eher eine Frage der Schreibweise: Ist der Text literarisch, unterhaltend oder trocken, steril, sachlich? Der Übergang zwischen erzählendem Sachbuch und Roman ist ja z.B. ein fließender.

Ich kann hier nur für mich und mein Schreiben sprechen, aber da ist es einfach so, dass es etwas mit mir zu tun haben muss in irgendeiner Form. Solche Erinnerungen wie der Bonbon-Traum oder eben ein Treffen in Andorra könnte ich natürlich einfach nacherzählen, um mich selbst oder den Moment besser zu verstehen. Aber richtig spannend wird es natürlich erst dort, wo man beim Schreiben bestimmte Ereignisse verfremdet und Grenzen überschreitet, um herauszufinden, was wäre gewesen, wenn … Dadurch wird es etwas Neues. Und damit für mich persönlich interessant.

Wie stehst du in diesem Zusammenhang zu dem Vorwurf gegen junge AutorInnen, speziell TeilnehmerInnen von Literaturwettbewerben wie dem Open Mike, dass sie alle aus ähnlichen Kreisen kämen und über ähnliche Themen schrieben?

Ich sehe schon die Problematik, weiß aber nicht, ob das früher anders war. Junge AutorInnen haben sicherlich immer erst von ihrer eigenen Lebenswelt ausgehend geschrieben. Bestimmt auch dadurch, dass die meisten schreibenden Leute scheinbar aus ähnlichen Kontexten stammen, kommt es leider oft zu thematischen und stilistischen Wiederholungen. Das kann schon nerven. Insofern teile ich diese Kritik schon, muss ich sagen. Aber im Einzelnen zählt natürlich der Text, der am Ende dasteht und nicht, welchen Hintergrund der Autor oder die Autorin hat. In meiner Biographie interessieren mich eher die Dinge, die von dem weggehen, was sowieso alle andern auch erlebt haben – also das ständige, gelangweilte Besaufen in der Kleinstadt beispielsweise, von dem gerne geschrieben wird. Deswegen schreibe ich eher über Reiseerfahrungen, zurzeit zumindest. Ansonsten habe ich dieses Jahr auch viel mit meinem Opa zusammengesessen und er hat mir aus seinem Leben erzählt. Was letztlich auch wieder etwas mit meiner eigenen Geschichte zu tun hat – und dieser ganzen Seltsamkeit der Geschichte überhaupt: Der eine hat Krieg und Gefangenschaft miterlebt und der andere darf nun hier sitzen und darüber sprechen, ob es schlimm ist, dass wir alle nur noch autobiographisch schreiben oder nicht (lacht).

Gibt es ein Gedicht, eine Phrase, die dir nicht aus dem Kopf geht?

Ich bin ehrlich gesagt kein Lyrikleser, leider nicht. Das ist vor allem eine Zeitfrage. Jetzt grade muss ich aber wieder viel an den Panther von Rilke denken. Das hängt vermutlich mit dem Thema meiner Masterarbeit zusammen, an der ich gerade schreibe: Schlachthöfe in der Literatur. Im Zusammenhang mit Tierethik taucht das Gedicht natürlich immer wieder auf … Dieses Gitter, von dem du denkst, dass dahinter die Freiheit läge. Auf welcher Seite ist eigentlich der Gefangene? Früher habe ich ganz gerne die Ska-Punk-Band Rantanplan gehört und erst viel später herausgefunden, dass der Text gar nicht von denen war.

TAG 19, ANDORRA DER PANTHER – RILKE

Bild Doktor Innen