Viel zu lange haben wir uns nicht zu einem Plausch in die Welt der jungen Gegenwartsliteratur begeben. So geht das ja eigentlich nicht! Umso größer soll die Freude sein, euch heute die Berlinerin Anna Hetzer und zwei ausgewählte Gedichte von ihr zu präsentieren (dafür bitte die einzelnen Tabs anklicken).
Macht es euch gemütlich und genießt mit uns ihre Lyrik im Gesamtpaket: zum Lesen, zum nochmal Lesen, zum Anhören. Dazu ein Gespräch mit der Dichterin.

 

berlin-warszawa express

ans ende der karte
sind füßchen geknipst
als müsste der zug
darauf laufen.
als knüpften abteile
den weg in die birken-
wälder.
warszawa centralna und
ostkreuz treiben locker
auseinander
wie die krawatte
der schaffnerin.

full house

leerst die stelle in der hand,
in die du mich gelegt hast,
bettest luft in die federn

mein ohr streift sie noch,
wenn wir landen, sind wir
hier drüben mehr als gedacht:

eine gruppe aus paaren, wollen
kein land unter karten mischen
ich kreuz-, du pik-dame.

 

IN DER SPRECHSTUNDE

Anna Hetzer (*1986), studierte in Berlin Medizin und Philosophie. Sie nimmt seit 2011 an Treffen des Lyrikkollektivs G13 teil und hat bereits in verschiedenen Literaturmagazinen veröffentlicht, u.a. in Belletristik, metamorphosen sowie Poet. Zuletzt wurde sie zum Poesiefestival 2015 eingeladen. Im Verlagshaus Berlin wird 2016 ihr Debütband erscheinen.

 

Anna, wo, wie und wann schreibst du deine Gedichte?

Es gibt keinen konkreten Ort, an dem ich schreibe, das kann eigentlich überall sein. Viel wichtiger ist für mich das Einlassen auf einen bestimmten Sprachmodus: Eine poetische Sprache, die ich formal von Alltagssprache oder Wissenschaftssprache unterscheiden würde, wobei sich diese durchaus überschneiden können. Sicherlich können alle Ausdrucksformen Ressourcen für das lyrische Schreiben darstellen.

 

Und wie gelangst du in diesen besonderen Sprachmodus? Liest du Lyrik anderer oder deine eigene, um dich auf das Schreiben einzustimmen?

Zunächst ist es eine bewusste Konzentration auf Sprache, dazu gehört unter anderem auch das Lesen als eine Form des Warmwerdens. Das hängt aber auch davon ab, in welchem Stadium sich ein Text befindet. Die Fokussierung auf das Schreiben ist dabei jeweils verschieden: ein leeres Blatt zu füllen ist meistens ganz anders als die weitere Arbeit an einem Text, der bereits in groben Umrissen entstanden ist.

 

Ist berlin-warszawa express wirklich auf einer Zugreise entstanden, so wie ich mir das vorstelle?

Dieses spezielle Gedicht eigentlich nicht, obwohl es eine Zugreise thematisiert. Es ist gar nicht ausgeschlossen, dass ich in einem Zug schreibe, aber dieses Gedicht ist an einem anderen Ort, beispielsweise in meiner Wohnung entstanden, nachdem ich die Strecke gefahren bin und dort Eindrücke gesammelt hatte.

Es ist bei mir sehr selten der Fall, dass ich die Eindrücke sofort zu einem fertigen Text verarbeite. Es gibt diesen Moment der Hinwendung zur Welt, in dem sie gesammelt werden; wie diese dann verarbeitet werden oder überhaupt verarbeitet werden können, kann ganz unterschiedlich sein. Ich erinnere mich zurück, reflektiere das nochmal in Ruhe, manchmal fällt mir ein bestimmtes Bild ein, das vielleicht in einen Text gelangt. Auch die Bearbeitung eines Textes dauert – bei mir zumindest – immer sehr lange. Etwas kommt hinzu, wird hin- und hergewendet; es ist auch wichtig, einen Text erst einmal eine Weile liegen zu lassen, weil sich der eigene Leseeindruck mit der Zeit häufig verändert.

 

Seit einiger Zeit ist in den Medien von einer Art Wiederaufschwungswelle der Lyrik, die mit Jan Wagners Regentonnenvariationen anfing, die Rede. Wie schätzt du das ein und macht sich das für dich oder G13 bemerkbar?

Die Auszeichnung der Regentonnenvariationen hat natürlich zunächst dazu geführt, dass die Lyrik als Genre eine größere mediale Aufmerksamkeit erlangt hat und dass sich dieser konkrete Band sehr gut verkauft. Ob dieses Moment einen Einfluss darauf hat, dass sich der Radius der Lyriklesenden und Lyrikinteressierten vergrößert, kann ich nicht einschätzen. Es ist schon so, dass viele Menschen Lyrik schreiben und auch viele Bände oder Einzeltexte veröffentlicht werden. Es gibt viele Verlage, Plattformen oder Lesebühnen für Lyrik, die neu entstehen.

Lyrik als Genre bietet, denke ich, eine sehr spezielle Auseinandersetzung mit der Welt und mit Sprache. Das macht es beispielsweise für mich interessant, erfordert aber vielleicht oft einen ungewohnten Zugang zum Geschriebenen.

 

Kartenspiele und Federn: Deine Lyrik erscheint sehr bildhaft, aber auch symbolisch und verschlüsselt. Wenn ich deine Gedichte lese, fühle ich mich unmittelbar an das chiffrierte Schreiben in der Tradition der hermetischen Lyrik erinnert. Welche Rolle spielt das Verstandenwerden bzw. Nicht-Verstanden werden in deinem Schreiben?

Ich würde nicht sagen, dass ich versuche, meine Texte zu verschlüsseln oder Chiffren zu benutzen. Ich glaube eher, dass das Medium Sprache ein solches ist, das sich nicht auf eindeutige Aussagen festlegen lässt. Mich interessiert das zum Beispiel sehr an lyrischen Texten, weil diese an allen möglichen unterschiedlichen Ebenen der Sprache ansetzen und damit arbeiten können. Dazu gehören natürlich auch sinnliche Ebenen, die Musikalität zum Beispiel, die Form, aber auch verschiedene Bedeutungsebenen – auch einzelner Worte. Mir als Schreibende bietet das die Möglichkeit, Bilder zu verschränken oder mit Assoziationen zu arbeiten. Vielleicht besteht die Aufgabe dann eher darin, sich den verschiedenen Bedeutungsebenen auch klar zu sein. Es kann mitunter sehr schwierig sein, sich zu fragen, wie etwas gelesen werden könnte. Letztendlich bleibt es dabei immer bei einem Versuch, den Umgang mit Worten möglichst bewusst zu gestalten.

Das Verstandenwerden spielt insofern für mich keine so große Rolle, weil ich nicht versuche, eindeutige Aussagen zu treffen, die dann verstanden werden sollen. Ich glaube, dass das mit lyrischer Sprache eher schwierig ist. Oder auch mit Sprache generell, aber das wäre dann vielleicht eine andere Diskussion. Beim Verstehen der Texte spielen die Rezipienten eine sehr große Rolle. Deswegen ist für mich vor allem interessant zu erfahren, wie Leserinnen und Leser an Texte herangehen, wie sie diese lesen oder verstehen.

 

Wie wird im Rahmen von G13 über deine Gedichte gesprochen? Auf welcher Ebene kritisiert ihr euch gegenseitig, sprachlich oder auch semantisch?

Vielleicht vorweg: Ich kann natürlich nur für mich und nicht für die ganze Gruppe sprechen. Ich finde, die Treffen bieten einen tollen Raum dafür, sich über Texte und speziell lyrische Texte auszutauschen und verschiedene poetische Ansätze kennenzulernen. Dabei steht zunächst der Text ganz im Fokus; bis zum Ende der Diskussion sagt der Autor oder die Autorin nichts und kann sich danach äußern, muss aber auch nicht. Jeder oder jede kann im Grunde sagen, was ihm oder ihr am Text auffällt. Das können formale Beiträge sein, aber auch visuelle. Das gibt es sogar recht häufig, dass die Anordnung eines Textes angesprochen wird. Es kann natürlich auch auf semantischer Ebene diskutiert werden, aber nicht notwendigerweise. Es gibt zum Beispiel auch Texte, die sich einer rein semantischen Interpretation und Deutung explizit verweigern.

Durch die Diskussionen wird meiner Erfahrung nach auch ein bestimmter Blick geformt und geschult – nicht in dem Sinne, dass in dem Rahmen eine bestimmte Schule oder ein bestimmter poetischer Ansatz vertreten wird; – ein Blick auf Details und Kleinigkeiten, die einem beim bloßen Lesen eventuell nicht weiter aufgefallen wären.

 

Um in einen poetischen Modus – wie du es vorhin genannt hast – zu kommen, liest du selbst viel Lyrik. Welche DichterInnen gefallen dir und gibt es ein Gedicht, das dir vielleicht besonders wichtig ist?

Eine schwierige Frage. Das hängt auch vom konkreten Zeitpunkt ab, ob ich gerade etwas Neues entdeckt habe, zum Beispiel. Meine Aufmerksamkeit richtet sich im Moment vor allem auf Gegenwartslyrik oder auf die Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mir ist auch wichtig, mich beim Lesen nicht auf ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Sprache zu beschränken. Auch was in anderen Regionen lyrisch passiert, interessiert mich sehr – entweder in der Übersetzung oder wenn meine Sprachkenntnis das hergibt, gerne auch im Original.

Eine Dichterin, deren Band Kreuzwort ich heute mitgebracht habe, ist Valzhyna Mort, die sich selbst keiner bestimmten nationalen oder sprachlichen Identität zuschreiben lassen möchte. Die Sammlung enthält Texte in englischer und weißrussischer Sprache und ist vor einigen Jahren ins Deutsche übersetzt worden. Ich konnte mich nicht wirklich für einen entscheiden, ein Zitat aus der Übersetzung des Textes Unter den Linden könnte zum Beispiel dieses sein:

Land und Himmel hält ein zerquetschter Schmetterling/ zusammen, der zwischen ihnen trocknete – / ein Straßendorf mit Gartenflügeln links und rechts.

Mir gefällt an ihren Texten vor allem die starke Bildsprache, die auf sehr genauen Beobachtungen zu gründen scheint. Die poetische Wirklichkeit, die dabei entsteht, funktioniert für mich auf einer metaphorischen Ebene sehr gut. Außerdem fasziniert mich an ihren Texten ein Gefühl von Unwohlsein, dem ich mich beim Lesen teilweise gar nicht entziehen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!