Es wird wieder Zeit über Lyrik zu sprechen. Dieses Mal dürfen wir den Kölner Schriftsteller und Verleger Adrian Kasnitz vorstellen. Adrian schreibt vor allem Lyrik, aber auch Prosa und Essays. Er hat bereits Gedichte in zahlreichen Literaturzeitschriften und Sammelbänden veröffentlicht und betreibt seit 2000 den kleinen, aber feinen Verlag Parasitenpresse.

Tiersitter

In deinem Bett schnappt sogar der Plastik
Hund nach meinen Füßen die wie immer
Zittern wenn ich Weh und Scherze trage
Leg deine Hand in meinen Nacken, scheuch
Deinen Hund derweil trink ich den Tee
Aus einer großen Plastikkanne du sagst
Ich sollte weniger motzen über deine
Pandabettwäsche aber ich mag motzen wenn
Dein Hund nach meinen Füßen schnappt

pola15jan

Cologne

Eine schorfige Stelle, die Stadt
die vormittags schläft und gewiss
zu anderen Zeiten als ein Patient
der nicht gesund werden kann
weil ihm die Schwester so gut gefällt
der Dreck unter den Nägeln, die Asche
der Bücher, die niemand lesen mag
das zerstörte Archiv, die geschlossenen
Museen, die leergefegten Tische
mit ihren geheimen Bierpfützen
darin treibt ein Dampfer mit Schunkelmusik
und vor Vergnügen berstenden Passagieren
ein Faden Spucke, der da hineinfällt
und ein Schuh – tritt vorbei

(für Tom Nisse)

Skelett 


Alle drei Gedichte stammen aus dem Langzeit-Projekt ‚Kalendarium‘, das nach und nach in zwölf Teilen erscheinen wird.

IN DER SPRECHSTUNDE

Adrian Kasnitz (*1974 in Orneta, Ermland), wuchs im nordrhein-westfälischen Lüdenscheid auf und studierte in Köln und Prag. Er schreibt Lyrik, Prosa und Essays und hat bereits in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Seit 15 Jahren führt Adrian den Lyrik-Verlag Parasitenpresse und ist seit 2010 Gastgeber des Literaturklub Köln.

 

Adrian, wie bist du zum Dichten gekommen? 

Tja, das frage ich mich jeden Tag aufs Neue. Wie komme ich zum Dichten? Wie fange ich ein neues Gedicht an? Das wird von Tag zu Tag schwieriger. Je mehr ich gelesen habe, je mehr ich über Sprache und Literatur nachdenke, desto schwieriger wird es, einfach so ein Blatt Papier zu nehmen und etwas zu schreiben. Umso wichtiger ist Lektüre für mich. Das Schreiben beginnt beim Lesen. Wenn ich arbeite, habe ich normalerweise einen Stapel aus 15 bis 20 Gedichtbänden oder Lexika um mich, in denen ich lese, die ich hin- und herwälze, die ich dann wieder zur Seite schiebe.

 

Wie fände man dich typischerweise schreibend vor? Am Schreibtisch zu Hause, im Café? Wo holst du dir Inspiration?

Am Schreibtisch, wie gesagt. Oder aber unterwegs. In Zügen oder im Café kann ich genauso gut schreiben. Spaziergänge sind wichtig. Sprache und vor allem Gedichte haben ja eine besondere Beziehung zu Rhythmus und so erklärt sich dann auch der Zusammenhang von Schreiben und Gehen. Körper und Sprache kommen in Bewegung, der Körper wird locker, das Gehirn wird besser durchblutet und die Sprache rhythmisiert sich fast ganz von allein.

 

Sollten wieder mehr Gedichte gelesen werden? Wenn ja, warum?

Unbedingt! Lyrik passt eigentlich viel besser zu unserem Lebensstil der Kurzmitteilung und reduzierten Aufmerksamkeit. Bei Lyrik reicht es schon, eine Seite zu lesen, und der Tag ist gerettet! Gedichte sind nicht immer einfach zu knacken, sie bieten aber meistens mehrere Lesarten, mehrere Ebenen an. Sie sind oft ironisch und lieben die Sprache. Bei 700-Seiten-Schmökern muss ich immer sofort gähnen.

 

Wie du schon sagst – es gibt bei den meisten Gedichten unterschiedliche Lesarten. In deinem Gedicht “Cologne” setzt du dich mit deiner Wahlheimatstadt Köln auseinander. Der Dampfer mit Schunkelmusik, der mitten durch eine Stadt fährt, in der Museen geschlossen und das Archiv eingestürzt ist. Für mich klingt das ein bisschen wie die rheinländische Oberflächlichkeit, aber auch nach den Kölnern, die wie gewohnt weitermachen, auch weiterfeiern, trotz aller Krisen und Probleme. Wie ist deine Beziehung zu Köln?

‚Cologne‘ ist eigentlich ein Gedicht über Köln mit dem Blick des Fremden, der verstört durch die Stadt läuft und sich über Absurditäten wundert. Wenn auch zugezogen, wohne ich schon lange hier. Es schwingt eine gewisse Hassliebe mit zu der kleinsten Millionenstadt der Welt und da fühle ich mich Rolf Dieter Brinkmann sehr verbunden. Aber es ist auch eine Stadt, in der sich viele interessante Leute herumtreiben, und das mag ich.

 

Du führst den Lyrik-Verlag Parasitenpresse. Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Lyrik-Verlag zu gründen?

Als ich Mitte 20 war, habe ich in Zeitschriften veröffentlicht. Über diesen Weg habe ich viele gleichaltrige Dichter/innen kennengelernt, die das gleiche Problem hatten: Sie schrieben gute, sehr gute Texte, sie veröffentlichten einzelne Texte in Zeitschriften und traten damit auch auf. Sie waren alle auf ihre Weise ambitioniert. Aber der nächste Schritt wollte einfach nicht folgen, weil es damals für junge Dichter/innen überhaupt keinen Verlag gab, der etwas verlegen wollte. Also gründeten wir selbst einen, der eher wie ein Label funktioniert. Jetzt, nach 15 Jahren, ist der Verlag natürlich mitgewachsen, es gibt noch immer Autoren dieser Anfangsgeneration. Aber wir wollen auch immer wieder neue Stimmen entdecken.

 

Du sagtest ja bereits, dass du selbst viel Lyrik liest. Welche Lyrikempfehlung würdest du uns geben?

Also, wenn ich jetzt in den Bücherstapel greife und fünf aktuelle Titel herausziehe, die ich gerade lese, sind das sehr interessante Texte. ‚reinzeichnung‘ von Marcus Roloff, erschienen bei Wunderhorn, liegt da. Die deutsch-englischen Gedichte ‚unterwasserdämmerung/underwaterdawn‘ von Annina Luzie Schmid, die in Kanada lebt, erschienen im Sprungturm Verlag. ‚lidschluss‘ von Christoph Wenzel (Edition Korrespondenzen) und ’narkotische kirschen‘ von Sina Klein (Klever Verlag). Sehr schön sind auch die Lorca-Gedichte (’sorpresa, unverhofft‘, hochroth Verlag), die José F.A. Oliver übertragen und sehr frei, assoziationsreich nachgedichtet hat. Aber natürlich empfehle ich auch alle Titel aus der parasitenpresse.

 

Vielen Dank für das Gespräch!